Formel 1

Die Konkurrenz verneigt sich vor Sebastian Vettel

Vor dem Rennen in Suzuka sind Konkurrenten und Experten beeindruckt vom jüngsten Titelverteidiger, den die Formel 1 jemals hatte.

Historische Vergleiche sind so verführerisch wie irreführend, im Sport und erst recht in der Formel 1, wo die Hightech-Boliden der heutigen Zeit mit den Karossen früherer Tage ungefähr so viel gemein haben wie Andy Warhol und ein Renaissancefresko. Michael Schumacher ist dank sieben WM-Titeln und 91 Grand-Prix-Siegen der erfolgreichste Pilot der Geschichte, der legendäre Argentinier Juan Manuel Fangio, so haben es Schweizer Wissenschaftler jedenfalls mal ermittelt, der prozentual Beste.

Es ließe sich wunderbar fantasieren, wie Sebastian Vettel dereinst in solchen Debatten eingeordnet wird. Fürs Erste genügt jedoch die Feststellung: Der junge Deutsche hat ohne jeden Zweifel schon Historisches geleistet.

Am Sonntagmorgen in Suzuka will er, größere Malheurs nicht angenommen, mindestens den einen Punkt einfahren, der ihm noch zur Weltmeisterschaft fehlt. „Es ist völlig gelaufen“ – mit diesem Statement hatte sein einziger theoretisch verbliebener Konkurrent Jenson Button das Wochenende bereits bei der Ankunft in Japan zu Vettels Ehrenrunden erklärt.

Sollte dort wirklich irgendetwas schiefgehen, blieben dem 24-jährigen Deutschen noch vier weitere Rennen zur formalen Bestätigung als jüngster Titelverteidiger aller Zeiten, aber um diesen Rekord geht es jetzt schon fast nicht mehr. Denn Vettel hat darüber hinaus die Gelegenheit, die beste Saison aller Zeiten ins Motorhome seines Red Bull zu bringen.

Nach 14 Rennen steht der Fahrer, der „im Auto zu tanzen scheint“, wie Teamchef Peter Sauber einmal sagte, bereits bei neun Siegen (und vier zweiten Plätzen). So oft gewannen in der Geschichte auch zweimal Michael Schumacher (1995, 2001) sowie der Brite Nigel Mansell (1992). Öfter war nur Schumacher erfolgreich, 2002 mit elf Erfolgen, 2004 mit dreizehn (bei damals 18 Rennen).

Beide Marken kann Vettel noch knacken, und das liegt nicht allein an seinem starken Wagen, wie der dreimalige Weltmeister Jackie Stewart erklärt: „Nur ganz große Formel-1-Fahrer haben aus meiner Sicht das Glück, das Können, den Willen, die professionelle Härte und die Konstanz, alles im richtigen Moment abzurufen und über eine komplette Saison auf hohem Niveau zu konservieren.“

Um es doch mal mit einem Vergleich zu versuchen: Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich Vettels Siegesreigen als noch erstaunlicher wie die einstige Dominanz Schumachers im Ferrari. Weniger seines jungen Alters wegen, das folgt angesichts der immer professionelleren Talentzucht im Motorsport eher einem Trend (Fernando Alonso war 2006 bei seinem zweiten Titel nur ein knappes Jahr älter).

Aber anders als Schumacher, der sich Zeit seiner Karriere immer nur mit einem gefährlichen Rivalen gleichzeitig herumschlagen musste (von Damon Hill über Jacques Villeneuve und Mika Häkkinen bis zu Alonso), bekommt Vettel es Rennen für Rennen in Alonso und Lewis Hamilton mit zwei absoluten Ausnahmepiloten sowie in Button mit einem weiteren WM-Champion zu tun.

Auch besitzt er nicht in gleich starkem Maße überlegene Arbeitsbedingungen wie Schumacher, der seinerzeit von einem Exklusivvertrag Ferraris mit dem Reifenhersteller Bridgestone, uneingeschränkten Testmöglichkeiten und einem unumstrittenen Nummer-1-Status in seinem Team profitierte.

Die Fachwelt verneigt sich entsprechend vor Vettel und hebt dabei insbesondere seine rasante Lernkurve hervor. Anders als vergangene Saison, als er den Titel vor einem furiosen Schlussspurt durch manche Eselei schon verspielt zu haben schien, tanzt Vettel dieses Jahr traumwandlerisch sicher über den Asphalt.

Einen einzigen Fehler, den rennentscheidenden Dreher beim Grand Prix von Kanada, hat etwa Ex-Pilot John Watson bei Vettel beobachtet. Ansonsten sei er unbekümmert und aggressiv gefahren, auch bei Rennen, in denen es Probleme gab: „Das hat ihn nicht aus dem Rhythmus gebracht, weil er innerhalb von wenigen Monaten sehr viel gelernt hat“, sagt Watson, der darin „ein ungeheures Potenzial dieses jungen Mannes“ sieht.

Das Schönste dabei: Er macht das alles mit einem Lächeln, jedenfalls sobald er aus dem Cockpit steigt. Im Auto, klar, da ist er knallharter Profi, ein Pragmatiker der Rennstrecke, der sich schon in jungen Jahren in der Kartszene mit der Wettkampflust infizierte und über die Jahre die Unerbittlichkeit angeeignet hat, die es hinter dem Steuer eines Formel-1-Autos erfordert. Einer, der so professionell und besessen ist, dass er voriges Jahr eine Woche nach seinem Titelgewinn schon wieder Reifen testete.

Aus Vettel wird "Seppi"

Doch wenn er aussteigt, dann scheint er den Planeten zu wechseln. Dann lässt er allen Egoismus, alle Getriebenheit und alle Eitelkeit im Wagen. Wo die anderen beim Gang vor die TV-Kameras noch einmal den Spiegel passieren, Wasser ins Gesicht, Haare glatt streichen, da wird er einfach nur er: Sebastian Vettel, der „Seppi“, wie sie ihn zu Hause nennen: Jeans, T-Shirt, ein unprätentiöser Typ, der, sehr erwachsen, am liebsten die Beatles hört („Ich kann fast alle Songs mitsingen, auch wenn ich das keinem zumuten möchte“), und sonst, nicht so erwachsen, auch mal frech sein kann, wie vor ein paar Jahren, als er neben Ayrton Senna, Roger Federer, Hugh Grant, Neil Armstrong und Pablo Picasso auch die Porno-Queen Jenna Jameson zu einem imaginären Dinner einladen wollte.

Tatsächlich geht Vettel seit Schultagen mit der ein Jahr jüngeren Hanna Claire aus, die in London für ein Modelabel arbeitet und nie mit zum Rennen kommt. Sie Klamotten, er Autos, das klingt ziemlich authentisch.

„Sein Hauptpotenzial ist, dass er mit sich im Reinen ist und so geblieben ist, wie er immer war“, sagt Bernie Ecclestone , Formel-1-Chef und gelegentlicher Backgammon-Gegner Vettels. Das bedeutet: unbeschwert, kollegial, desinteressiert am Effekt. Es gebe für ihn keinen Grund, hat Vettel mal gesagt, „ein Arsch“ zu sein: „So bin ich nicht erzogen worden.“

"Ein für die Formel 1 fast perfektes System"

Auch Ecclestone betont die Bedeutung der Familie mit seinem besonnenen Vater und Manager Norbert, der ihn früher mit dem Wohnmobil von Kartbahn zu Kartbahn kutschierte. „Wir erleben“, sagt Ecclestone gegenüber „Morgenpost Online“, „ein für die Formel 1 fast perfektes System, ein Zusammenspiel zwischen einem Mann, der normal und bodenständig geblieben ist, und seinem Umfeld, das diese Haltung nicht nur respektiert, sondern fördert.“

Sieht man von der einen Ausnahme seines chronisch und logischerweise eifersüchtigen Teamkollegen Mark Webber ab, kommt der lockere, humorbegabte Vettel gerade im großen angelsächsischen Teil der Szene deutlich besser an als einst Schumacher, der vielen dann doch etwas zu klischeehaft deutsch war, in seinem Perfektionsdrang und seinem brachialen Ehrgeiz. Button und Hamilton haben dem neuen, alten Weltmeister zuletzt mehrfach ihre Referenz erwiesen.

Alonso posierte sogar, undenkbar zu Schumacher-Zeiten, zu einem gemeinsamen Interview mit Vettel bei RTL, in dem er dann eine Art Einladung zu Ferrari aussprach: „Einmal in deiner Karriere solltest du in Monza auch mal mit einem roten Auto gewinnen, denn das ist ein ganz besonderes Gefühl.“

Angesichts solch unmoralischer Angebote und der bekannt mythischen Ausstrahlung Ferraris erklärte Red Bull jüngst sein Bestreben, Vettels bis 2014 laufenden Vertrag alsbald verlängern zu wollen. Ecclestone scheint sich das gut vorstellen zu können: „Red Bull wird immer siegeshungrig und mit dem Technikgenie Adrian Newey sehr konkurrenzfähig bleiben“, sagt er.

2013 gibt es wieder neue Regeln

Zumal, so der Branchensupremo, auch Vettel „noch stärker“ werden wird, gilt dies vor allem für die nächste Saison. Dann verschwimmen die Aussichten allerdings auch schon. 2013 kommt wieder ein neues Reglement, und erfahrungsgemäß wirft so etwas die bestehenden Hierarchien im Formelsport gern mal über den Haufen.

Es ist schwer geworden, fast unmöglich, eine Ära zu schreiben wie Schumacher. Aber das macht diese Saison ja nur noch größer. Die Saison, in der einer die Straße zur Tanzfläche machte. Die Saison des Sebastian Vettel.