Formel-1-Weltmeister

Vettel - bester Fahrer, bestes Team, bester Wagen

Der dritte Platz reichte: Sebastian Vettel ist zum zweiten Mal Formel-1-Weltmeister. Der Siegertitel fuhr er cool heraus - Schluchzer per Bordfunk, wie beim ersten WM-Gewinn, gab's nicht. Er sei "ein bisschen" sprachlos, sagte Vettel hinterher. Und verwirrt.

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Vettel ist Weltmeister

Video: Reuters
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Eine Anekdote vom vergangenen Renn-Wochenende illustriert recht schön, wie Sebastian Vettel tickt. Nachdem er im ersten Training am Freitag seinen Frontflügel bei einem Crash geschrottet hatte , ließ sein Rennstall Red Bull aus dem Werk in Milton Keynes/England einen neuen nach Suzuka einfliegen, der Samstag erst eine halbe Stunde vor dem Qualifying in Japan eilig montiert werden konnte. Mit neun Tausendstelsekunden (!) oder umgerechnet 68 Zentimetern Vorsprung auf Startplatz zwei, konnte Vettel so auf die Pole Position fahren . Er soll sich, wie es am Sonntag hieß, bereit erklärt haben, die Transportkosten von angeblich 120.000 Euro aus eigener Tasche zu bezahlen – schließlich war der Unfall tags zuvor ja auch sein Fehler gewesen.

Von solchen gab es in dieser Saison extrem wenige, und so ist das Ende der Geschichte seit Sonntagmorgen bekannt: Zum zweiten Mal nach 2010 ist Sebastian Vettel aus der hessischen Kreisstadt Heppenheim Formel-1-Weltmeister. Rang drei beim Grand Prix von Japan genügte ihm, um vier Rennen vor Saisonende seinen beeindruckenden Vorsprung in der Fahrergesamtwertung auf uneinholbare 114 Punkte auszubauen. Der Spanier Fernando Alonso, im Ferrari Zweiter hinter Sieger Jenson Button im McLaren, brachte es auf den Punkt: „Er ist der beste Fahrer im besten Team mit dem besten Paket. Sie verdienen den Titel. Sebastian ist der Einzige, der in diesem Jahr alle Rennen beendet hat, und er fährt auch noch sehr, sehr gut.“

Die Verfolger streckten die Waffen

Natürlich hatte sich die neuerliche Krönung des neunmaligen Rennsiegers in diesem Jahr von langer Hand abgezeichnet. Schon ein einziger Punkt hätte Vettel ja dafür genügt, und die Verfolger um den Briten Button hatten im Grunde ohnehin die Waffen gestreckt. Insofern verwundert es nicht, dass das Eruptive diesem Titelgewinn abging. Hemmungslose Schluchzer vernahm die Welt diesmal jedenfalls nicht über den Bordfunk, doch Tränen der Rührung blitzten schon in den Augen des 24-Jährigen.

„Ich bin ein bisschen sprachlos, es ist genauso verwirrend wie beim ersten Titel“, sagte Vettel nach dem engen Rennen von Suzuka, in dem die Reifen eine entscheidende Rolle gespielt hatten, bekannte aber: „Vergangenes Jahr war nach der Zielflagge alles vorbei. Das ist jetzt natürlich schon ein wenig anders und eine besondere Situation.“

Dank an den Physiotherapeuten

Bevor er sich auf den Weg zu einer krachenden Party inmitten seines Red-Bull-Teams machte („Ich bin jedem so dankbar“), dankte Vettel noch einem einzelnen Mann, „mit dem ich die meiste Zeit im Jahr verbringe“: seinem finnischen Physiotherapeuten Tommi Parmakoski. „Er hat es mir zu keinem Zeitpunkt gestattet, die Bodenhaftung zu verlieren, zu fliegen oder über Dinge nachzudenken, die ich nicht beeinflussen kann.“

Nun ist Vettel bei aller Begeisterung für seinen Job weder für zügellose öffentliche Euphorie noch für allzu große Grübelei bekannt. Doch es spricht für den alten und neuen Weltmeister, dass er seinen Erfolg bei aller scheinbaren hohen Überlegenheit nicht als selbstverständlich, und schon gar als selbstverständlich wiederholbar, ansieht. „Auf gewisse Art und Weise war das Schwierigste nach dem Titelgewinn in diesem Jahr, dass wir ihn voriges Jahr so knapp gewonnen haben und so überwältigt waren. Rauszugehen und es erneut zu schaffen, selbst wenn du weißt, wie es funktioniert, erlaubt dir nicht, all die kleinen Schritte dorthin zu vergessen“, sagte Vettel. Und: „Es wäre ein Fehler, zu denken, dass wir ein einfaches Jahr hatten. Ja, wir hatten ein sehr starkes Auto, aber vor allem hatten wir auch ein starkes Team dahinter. Doch so dominant wie im Vorjahr war das Auto nicht.“

Button drängte Vettel forsch ab

Für Vettel kam der Rennausgang von Suzuka – die ersten drei Autos kamen innerhalb von gut zwei Sekunden ins Ziel – einer Allegorie auf die Saisonentwicklung gleich: „Das ist die Story des ganzen Jahres. Die Autos sind so eng zusammen.“ Button sagte: „Das gibt uns eine Menge Motivation. Es zeigt, wie konkurrenzbetont die Formel 1 momentan ist.“

Die Geschichte des Rennens ist schnell erzählt: Am Start drängte Vettel Button forsch fast von der Strecke ab und behielt die Führung. Button forderte über Funk erbost eine Bestrafung, doch in der achten Runde verwarfen die Rennkommissare das Ansinnen. Bis zur 21. Runde raste Vettel vorneweg, dann übernahm Button im McLaren nach einem Boxenstopp die Führung. In Runde 38 zog auch Fernando Alonso an Vettel vorbei. Bei dieser Reihenfolge blieb es.

Die Rivalen holen auf

Red Bull (Mark Webber belegte Rang vier) führt die Konstrukteurwertung mit 518 Punkte an vor McLaren (388), Ferrari (292) und Mercedes (123), für das Michael Schumacher in Japan auf dem bemerkenswerten sechsten Platz einkam. Bei aller Souveränität wurde im Saisonverlauf jedoch deutlich, dass Teams wie McLaren und Ferrari aufgeholt haben auf den augenscheinlich schon jetzt optimal aufgestellten Branchenprimus aus Österreich.

Dass die Rivalen noch Potenzial nach oben haben, ahnt nicht nur einer wie Dietrich Mateschitz. „Natürlich werden wir versuchen, unseren Vorsprung auch 2012 mitzunehmen“, sagte der Red-Bull-Eigner in einem Interview mit „Morgenpost Online“. "Wir wissen aber sehr wohl, dass es fast noch anstrengender ist, ein so hohes Niveau langfristig zu halten, als es zu erreichen.“