Dietrich Mateschitz

"Vettels Leistung ist kaum noch zu toppen"

Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz erklärt Morgenpost Online, wie er Sebastian Vettel und Mark Webber gern nennt – sowie das Geheimnis seines Formel-1-Teams.

Foto: Getty Images

Fuschl, 1463 Einwohner, ein See, ein paar Häuschen, ein altes Schloss. Einst Kulisse der berühmten Sissi-Trilogie in der Nähe Salzburgs. Hier liegt die Heimat des braun gebrannten Selfmade-Milliardärs Dietrich Mateschitz. Seinen Reichtum verdankt der 66-Jährige Teenagern aus aller Welt. Mateschitz ist Gründer und Chef von Red Bull. Mit einem Teil seiner Einnahmen unterstützt er den Sport, meist mutige, wilde Typen. Unter den rund 600 Spitzenathleten, die Mateschitz’ Konzern unterstützt, ist auch Sebastian Vettel , der alte und – so er am Sonntag in Japan noch einen einzigen Punkt holt – neue Formel-1-Weltmeister.

Morgenpost Online: Herr Mateschitz, Sebastian Vettel wird in Japan wohl wieder Weltmeister. Stoßen Sie auf seine Titelverteidigung stilecht mit Red Bull an?

Dietrich Mateschitz: Ja, und zwar mit Red Bull Royale, das ist Red Bull mit Champagner.

Morgenpost Online: Wie würden Sie Sebastian Vettel beschreiben: als Rennfahrer, Sportler und Mensch?

Mateschitz: Er ist unbestritten – das wissen wir seit über zehn Jahren – ein Ausnahmetalent . Dazu kommt, dass er diese Begabung mit unglaublichem Einsatz und enormer Disziplin verfolgt und alle Opfer bringt, die letztlich zur Entfaltung eines solchen Talents nötig sind. Neu in diesem Jahr kam dazu, dass er im Stande war, diese Höchstleistungen mental genauso wie physisch über eine ganze Saison aufrechtzuerhalten und diese wann immer notwendig ganzheitlich abzurufen. Wenn man diese Eigenschaften dann auch noch auf so sympathische, offene und natürliche Art, wie sie Sebastian hat, erreicht, wird es schwierig, das Ganze noch zu toppen.

Morgenpost Online: Mark Webber ist ein ganz anderer Typ, oder?

Mateschitz: Mark ist auf seine Art genauso einzigartig wie Sebastian, aber Sie haben recht: Er ist ein anderer Typ. Aber auch mit ihm gewinnt man symbolisch ausgedrückt die „Schlacht“, wenn man mit ihm in den „Krieg“ zieht. Auf die Frage angesprochen, vergleiche ich sie oft mit Winnetou und Jung-Siegfried. Beide sind stark und schnell, nur eben anders.

Morgenpost Online: Red Bull hat diese Saison mit acht Siegen und mit 13 Pole Positions in 13 Rennen eine fast perfekte Leistung abgeliefert. Wie lange kann das so weitergehen?

Mateschitz: Natürlich werden wir versuchen, unseren Vorsprung auch 2012 mitzunehmen. Wir wissen aber sehr wohl, dass es fast noch anstrengender ist, ein so hohes Niveau langfristig zu halten, als es zu erreichen.

Morgenpost Online: Gibt es bei Red Bull Racing etwas zu verbessern, oder sind Sie komplett zufrieden mit dem Team?

Mateschitz: Mehr oder weniger große oder kleine Korrekturen gibt es laufend. Aber wir sind stolz darauf, dass wir in allen Schlüsselpositionen kaum Fluktuation haben – dass das nicht an mangelnder Nachfrage und Angeboten liegt, kann man sich wohl gut vorstellen.

Morgenpost Online: Würden Sie sich als Perfektionist bezeichnen?

Mateschitz: Als Perfektionist sicherlich nicht, ich glaube nur ganz einfach, wenn man etwas macht, dann sollte man es vernünftig und ganz oder gar nicht machen.

Morgenpost Online: Sie sind ein erfolgreicher Geschäftsmann. Wie wichtig ist für Sie Gewinnen im Geschäft, im Sport, im Leben?

Mateschitz: Ich glaube, dass Gewinnen für sich gesehen nicht so wichtig ist, aber sehr wohl im Sinne von erfolgreich sein, vorne dabei sein, relativ gut sein – und dies in allen Bereichen: im Geschäft, im Sport, im Leben überhaupt. Es ist wichtig für die Freude an dem, was man macht, für das Selbstbewusstsein, für die Motivation und als Antriebsfeder dafür, sich immer wieder neue Ziele zu setzen, weiterzumachen.

Morgenpost Online: Kann Verlieren auch wichtig sein? Wenn ja: wofür?

Mateschitz: Das behauptet man zumindest mit der üblicherweise daran anschließenden Begründung, dass man daraus lernt und in seiner Persönlichkeit gestärkt und gefestigt wird. Es kann aber gut sein, dass man sich das alles auch gerne ersparen kann und es für nichts gut ist.

Morgenpost Online: Haben Sie denn schon mal verloren? Fiel Ihnen das schwer?

Mateschitz: Man kann nicht immer gewinnen. Und wenn man verliert, ist es sicherlich schwer – wie schwer, das kommt sicherlich darauf an, worum es sich gehandelt hat und wie subjektiv wichtig es war.

Morgenpost Online: Gab es einmal einen Moment, in dem Sie aus irgendeinem Grund ans Aufgeben gedacht haben?

Mateschitz: Natürlich stellt man sich immer wieder die Frage, ob das Erreichen eines Ziels, das Umsetzen einer Idee möglich oder noch realistisch ist. Aber bevor man aufgibt, braucht man sich nur die Alternative des Scheiterns vor Auge zu führen, und das genügt im Normalfall, dass man wieder voll motiviert und optimistisch daran arbeitet, das Ziel zu erreichen.

Morgenpost Online: Macht es Sie stolz, dass ein Team, das nach Ihrer Firma benannt ist, so etablierte, legendäre Rennställe wie Ferrari, McLaren oder Mercedes besiegt? Und dass nach einem Sieg die österreichische Nationalhymne gespielt wird?

Mateschitz: Der Begriff Stolz kommt in meiner Terminologie eigentlich kaum vor, und ich kann nicht wirklich viel damit anfangen. Aber zweifelsohne erfüllt es einen mit sehr viel Freude, Dankbarkeit aber auch mit dem guten Gefühl der Bestätigung, dass das, was man versucht hat, gelungen ist.

Morgenpost Online: Abgesehen davon, dass der Red-Bull-Erfolg rein technisch nachvollziehbar ist – was denken Sie, hat sonst noch zu diesem Triumph beigetragen?

Mateschitz: Ich glaube, bei uns ist der Weg zum Erfolg immer ein ähnlicher: Jedes Produkt, jede Dienstleistung ist bzw. wird nur so gut, wie es die dafür verantwortlichen Leute sind. Wobei bei uns von jeher neben der fachlichen Kompetenz auch Charakter, Integrität, Gradlinigkeit, Loyalität und so weiter Voraussetzungen sind. Und wenn man sein Top-Team beisammen hat, kommt natürlich die Aufgabe dazu, dem Ganzen mit Begeisterung und dem Glauben an den Erfolg voranzugehen, zu motivieren und auf die gemeinsame Zielerreichung einzuschwören. Bei Red Bull Racing hat diesbezüglich auch Sebastian Vettel einen gehörigen Anteil.

Morgenpost Online: Ihr Team startet seit 2005 in der Formel 1. Wie und wann sind Sie auf die Idee gekommen in den Grand-Prix-Sport einzusteigen? War das damals allein Ihre Entscheidung?

Mateschitz: Wir waren von 1995 bis 2005 zehn Jahre lang Mehrheitsgesellschafter und Namenssponsor beim Schweizer Red Bull Sauber Team, ohne aber die Mehrheitsstimmrechte zu haben, also auch mit den damit verbundenen Nachteilen. Als nun 2005 Ford die Verantwortung für das Jaguar-Team abgeben wollte und Gelegenheit bekanntlich Diebe macht, haben wir uns entschlossen, diese Möglichkeit zu nützen und 100 Prozent der Gesamtverantwortung für ein Formel-1-Team zu übernehmen.

Morgenpost Online: Was waren die Gründe dafür? Waren Sie selbst schon immer ein Formel-1-Fan, vielleicht mit einem Lieblingsfahrer oder einer Lieblingsstrecke?

Mateschitz: Subjektive Vorlieben dürfen bei solchen Entscheidungen absolut keine Rolle spielen, sondern lediglich rationale, etwa marketingstrategische Gründe. Das Schöne in diesem Fall war und ist es, dass eine Entscheidung – sich in der Königsdisziplin Formel 1 zu engagieren – nicht weniger richtig wird, auch wenn man eine große persönliche Passion dafür hat.

Morgenpost Online: Und was ist es, das Sie am meisten an der Formel 1 fasziniert? Oder basiert Ihr Engagement eher auf geschäftlichen Gründen?

Mateschitz: Wie gesagt, schließt das eine das andere nicht aus. Was an Motorsport generell und an der Formel 1 insbesondere fasziniert, ist sicherlich die Kombination von Technik auf höchstem Niveau und deren Beherrschung durch den Fahrer auf nicht minderem Niveau.

Morgenpost Online: Wer trifft in Ihrem Team am Ende die letzte Entscheidung? Nehmen Sie großen Einfluss?

Mateschitz: In letzter Konsequenz liegen die Entscheidungen bei uns als den Gesellschaftern von Red Bull Racing. Darunter darf man aber natürlich nicht verstehen, dass wir Entscheidungen in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Design, Technik und so weiter treffen.

Morgenpost Online: Ferrari-Chef Luca di Montezemolo zerstört nach einer Grand-Prix-Niederlage schon mal seinen Fernseher. Passiert Ihnen so etwas auch?

Mateschitz: Der Fernseher würde auf jeden Fall am Leben bleiben, da er sicherlich nichts dafür kann. Aber natürlich muss man das Rennen analysieren, Ursachenforschung betreiben, damit man in Zukunft weiß, welche Fehler man nicht machen darf oder worauf man noch mehr Augenmerk lenken muss.

Morgenpost Online: Wie stehen Sie eigentlich zu Bernie Ecclestone? Ist er wichtig für die Zukunft der Formel 1?

Mateschitz: Bernie ist in jeder Beziehung ziemlich einzigartig, und ich akzeptiere und schätze ihn so, wie er ist. Er war immer wichtig, ist derzeit wichtig und wird auch in Zukunft wichtig sein, zumindest solange sich kein gleichermaßen kompetenter Nachfolger anbietet oder auch von ihm nicht ein solcher an die Aufgaben herangeführt wird.

Morgenpost Online: Könnte es für Sie einen schwerwiegenden Grund geben, aus der Formel 1 auszusteigen?

Mateschitz: Solange die Rahmenbedingungen sportlich und fair bleiben, ist derzeit kaum ein Grund vorstellbar.