Heinz-Harald Frentzen

"Vettel fährt mit großer Gelassenheit am Limit"

Ex-Pilot Heinz-Harald Frentzen spricht im Interview mit Morgenpost Online über den Formel-1-Weltmeister Vettel, Red Bull und Rekord-Champion Schumacher.

Beim GT Masters auf dem Hockenheimring am vergangenen Samstag fuhr Heinz-Harald Frentzen (44) in der Amateurwertung im Team mit Skisprung-Olympiasieger Sven Hannawald einen Sieg heraus, als Rennkommissar des Automobilweltverbandes Fia ist er der Formel 1 verbunden geblieben.

Der WM-Zweite von 1997 hatte 2003 seine Karriere in der höchsten Motorsportklasse bei Sauber beendet.

Morgenpost Online: Sie waren beim Rennen in Singapur als Steward der Fia, einer Art Schiedsrichter der Rennstrecke, zu Gast bei der Formel 1. Was haben Sie für Eindrücke mitgenommen?

Heinz-Harald Frentzen: Ich habe wieder den Rhythmus gespürt, den die Formel 1 von Rennen zu Rennen treibt, den Ehrgeiz und die Wettkampf der Piloten. Ich habe diese Anspannung in der Luft gespürt. Das hat mich an meine Vergangenheit in der Formel 1 erinnert.

Morgenpost Online: Sie haben Weltmeister Sebastian Vettel in Augenschein genommen. Was halten Sie für die größte Leistung des Titelverteidigers?

Frentzen: Ich habe seinen Fahrstil genauer studiert. Er ist immer am Limit . Und das mit größter Gelassenheit . Er trifft in jeder Kurve genau den Scheitelpunkt. Er ist nicht nur sehr schnell, sondern auch sehr präzise und konstant. Das macht einen Topfahrer und den Unterschied zu seinen Teamkollegen aus.

Morgenpost Online: Ist es der Fahrer, der so weltmeisterlich fährt, oder doch das Auto, das ihn zum Weltmeister macht?

Frentzen: Er hat ohne Zweifel eine Top-Mannschaft um sich herum, zum Beispiel Designer Adrian Newey. Zu meinen Williams-Zeiten durfte ich mich von seinen Qualitäten überzeugen. Er ist ein Genie. Aber Sebastian hat schon mit seinem Sieg im Toro Rosso in Monza 2008 gezeigt, dass er in einem schwächeren Auto Rennen gewinnen kann. Das, was er jetzt und in der vergangenen Saison gezeigt hat, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Langsam kommt seine Erfahrung dazu. Wenn er seinen zweiten WM-Titel hat, wird er noch souveräner .

Morgenpost Online: Ist das für Vettel und Red Bull der Beginn einer Ära so wie bei Michael Schumacher und Ferrari?

Frentzen: Es gibt doch schon diese Ära.

Morgenpost Online: Die Glanzzeiten von Fernando Alonso bei Renault dauerten genau zwei Jahre. Hält dieser Erfolg länger an?

Frentzen: Ich denke schon. Frank Williams hat einmal gesagt: Es ist verdammt schwierig, ein Topteam zusammenzustellen. Aber noch schwieriger ist es, ein Topteam zusammen zu halten. Solange das Team zusammenbleibt, wird Red Bull sehr schwer zu schlagen sein. Das hat man bei Ferraris Dreamteam gesehen.

Morgenpost Online: Ferrari hat seine Fühler nach Vettel ausgestreckt, aber Red-Bull-Teamchef Christian Horner betont, dass schon allein deswegen kein Wechsel des Champions infrage käme, weil er mit dem Team so eng verbunden sei. Wie wichtig ist das Wohlfühlklima?

Frentzen: Das muss man sich erst einmal erarbeiten. Das Wohlfühlklima wurde zu meiner Zeit bei Williams sehr hoch gespielt. Ich hätte mich auch deshalb vom Team getrennt, weil ich mich nicht wohl gefühlt habe, hieß es. Ich sage: Du kannst dich nur wohl fühlen, wenn die Resultate stimmen. Bei Jordan haben sie auch immer gesagt: „Ach, der Frentzen, der fährt um den WM-Titel, der fühlt sich da unheimlich wohl“. Aber Fakt ist: Eddie Jordan hätte mich schon ein Jahr früher rausgeschmissen, wenn die Leistungen nicht gestimmt hätten. Du musst dir deinen Stellenwert im Team erarbeiten. Die Harmonie ist zweitrangig. Wichtig ist, dass man Fortschritte macht. Und dass man auch in schwierigen Phasen produktiv zusammenarbeitet.

Morgenpost Online: Ist jetzt Vettels Engagement bei Red Bull ein Selbstläufer?

Frentzen: Es sieht so aus. Sebastian ist im Team die klare Nummer eins, das ganze Team ist um ihn herum gebaut.

Morgenpost Online: Und Mark Webber eine dankbare Nummer zwei? Red Bull hätte noch einen Topfahrer verpflichten können. Stattdessen wurde der Vertrag mit dem Australier verlängert.

Frentzen: Red Bull zeigt damit, dass sie ein Team sind. Mark Webber ist offenbar für Christian Horner ein wichtiger Grundstein, damit das Team zusammensteht.

Morgenpost Online: Hat jeder Fahrer neben Vettel automatisch verloren, so wie früher jeder Fahrer, der in Michael Schumachers Team fuhr?

Frentzen: In einem perfekten Team gehört zu jeder Nummer eins auch die perfekte Nummer zwei. Und das ist Mark Webber. Die perfekte Nummer zwei zu finden ist nicht einfach. Es ist besser für das Team, eine perfekte Nummer zwei zu haben als zwei Nummer-eins-Fahrer. Die können ganz schön Unruhe ins Team bringen.

Morgenpost Online: Juckt es Sie gar nicht mehr, sich mit den jüngeren Fahrern zu messen?

Frentzen: Ich fürchte, das geht schon rein körperlich nicht. Dafür bin ich zu lange raus aus dem Geschäft und zu alt.

Morgenpost Online: Wieso? Ihr ehemaliger Formel-1-Kollege Michael Schumacher ist auch nur zwei Jahre jünger als Sie.

Frentzen: Ich würde mir schon zutrauen, mit einem der aktuellen Formel-1-Rennwagen ein oder zwei Runden zu drehen. Das technische Verständnis hätte ich noch. Und es würde mir auch Spaß machen.

Morgenpost Online: Es liegt also an der Fitness?

Frentzen: Das Thema Fitness wurde und wird in der Formel 1 überbewertet. Ich bin 1998 in Ungarn mit einer Salmonellenvergiftung gefahren und Fünfter geworden. Fitness ist wichtig, aber die Jungs von heute sind alle von Haus aus fit. Es sind die Fliehkräfte, die mein Körper nicht mehr aushalten würde. Ich müsste ungefähr drei Monate die notwendigen Muskeln trainieren, um vielleicht zehn Runden am Stück fahren zu können.

Morgenpost Online: Ist es im Verlauf der vergangenen zehn Jahre anspruchsvoller geworden, in der Formel 1 zu fahren?

Frentzen: Ja und nein. Schon zu meiner Zeit mussten wir allerlei Aktivitäten neben dem Rennfahren erledigen, zum Beispiel Softwareeinstellungen vornehmen. Ich konnte 1997 jedes einzelne Rad vom Cockpit aus in der Kurve per Knopfdruck bremsen. Oder es gab die elektronischen Fahrhilfen. Dann wurden sie von dem einen Tag auf den anderen wieder verboten. Die Formel 1 entwickelt sich von Rennen zu Rennen , von Jahr zu Jahr immer weiter. Ob das jetzt Technik ist oder die Kommunikation oder ob es neue Rennstrategien sind. Aber das Entscheidende ist gleich geblieben oder gar rückläufig gewesen: die Geschwindigkeit, speziell die Kurvengeschwindigkeit.

Morgenpost Online: Also liegt es nicht an der Rennpause von drei Jahren, dass Michael Schumacher jetzt hinterher fährt?

Frentzen: Michael ist derzeit zwei, maximal drei Zehntelsekunden von seiner Höchstform entfernt. Hinzu kommt, dass sein Mercedes noch nicht weltmeistertauglich ist. Sonst hätte Michael schon das eine oder andere Rennen gewonnen.

Morgenpost Online: Trauen Sie Schumacher zu, dass er sich steigern kann?

Frentzen: Ja. Das, was ihm an Sekundenbruchteilen fehlt, wird er mit seiner Erfahrung kompensieren. Wenn das Zusammenspiel zwischen ihm und dem Renningenieur noch besser klappt, holt er auch mehr aus dem Auto raus. Er gehört zu den Topfahrern. Er kann immer noch mehr Input geben, was Technik oder die Zusammenarbeit mit dem Team angeht, als jeder andere junge Fahrer. Er hatte immer ein Händchen dafür, ein Team zu motivieren und weiter zu bringen.

Morgenpost Online: Sie sprechen in der Vergangenheit.

Frentzen: Das waren damals bei Ferrari seine Pluspunkte. So etwas verlernt man nicht.