Formel 1

Vettels einziger Gegner – Button gratuliert zum Titel

Jenson Button spricht mit Morgenpost Online über die Dominanz von Weltmeister Vettel, sein Restaurant in England und den wohltuenden Schmerz beim Triathlon.

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Jenson Button ist der einzige Fahrer, der Sebastian Vettel die Formel-1-Weltmeisterschaft noch entreißen könnte. Dazu müsste der Brite alle fünf ausstehenden Rennen gewinnen, und der Deutsche dürfte keinen einzigen Punkt mehr holen. Dies ist so unwahrscheinlich, dass Button dem Konkurrenten guten Gewissens schon mal zum Titel gratulieren kann. Auf den Rest der Saison freut sich der 31-Jährige dennoch. Auf die Zeit danach aber auch, wenn er in Ruhe kochen und einen Triathlon bestreiten kann.

Morgenpost Online: Mister Button, bis zum Saisonende sind noch fünf Rennen zu fahren, und Sebastian Vettel liegt beinahe uneinholbar vorn. Ist die Formel-1-WM gelaufen?

Jenson Button: Ja. Wir brauchen da keine Luftschlösser zu bauen und uns etwas vormachen. Im Prinzip war das schon seit geraumer Zeit klar. Sebastian Vettel war die ganze Saison über so stark. Er hat den Titel verdient.

Morgenpost Online: Wie motivieren Sie sich für die kommenden Rennen? Es geht doch um nichts mehr.

Button: Ganz im Gegenteil. Für mich und für alle anderen Fahrer geht es noch um sehr viel. Darum, noch möglichst jedes Rennen zu gewinnen. Wir hatten dieses Jahr fast ausschließlich spannende Rennen, und das muss für uns und das Publikum so weiter gehen. Egal, ob der WM-Titel vergeben ist oder nicht. Es ist eine große emotionale Erfahrung, bei einem Grand Prix als Erster über die Ziellinie zu fahren. Wir sind alle Kämpfer und wollen immer gewinnen. Ob im Formel-1-Auto, im Kart oder beim Triathlon. Das ist zumindest bei mir eine sehr starke innere Bestimmung.

Morgenpost Online: Es gibt Leute, die behaupten, Sie und Lewis Hamilton seien zurzeit das beste Fahrerteam.

Button: Vielleicht sind wir ein gutes Paar, weil wir fast alle Notwendigkeiten eines Teams abdecken. Wir fahren in der Regel um den Titel. Jeder versucht, das Beste für sich dabei herauszuholen. Dabei ist der Teamkollege der schwierigste und gefährlichste Gegner, weil er dasselbe Material hat. Lewis ist ein verdammt schneller Teamkollege. Es ist, so gesehen, nicht einfach mit ihm. Er hat keinen Spaß, wenn ich vor ihm bin. Dasselbe gilt für mich. Ich bin nicht glücklich, wenn Lewis gewinnt und ich auch die Chance hätte zu siegen. Bei Lewis wird das, was mich betrifft, dasselbe sein.

Morgenpost Online: Also gibt es in der Formel 1 eigentlich keinen perfekten Teamkollegen?

Button: Wenn ich nicht gewinnen kann, freue ich mich, wenn er gewinnt und denke mir: ,Wow, im Gegensatz zu dir hat er wirklich einen guten Job gemacht.’ Umgekehrt wird es genau so sein, weil wir beide am Ende für dasselbe Team fahren. Ein Sieg ist immer gut ist für die Stimmung und die Arbeit in einem Team. Der beste Weg für ein Team, die Weltmeisterschaft zu gewinnen, wäre wahrscheinlich ein Nummer-1-Fahrer und ein Nummer-2-Fahrer, der damit zufrieden ist, die Nummer zwei zu sein. Diese Konstellation haben wir bei McLaren nicht.

Morgenpost Online: Welche Unterschiede gibt es zwischen Ihnen und Hamilton?

Button: Lewis ist sehr gut. Selbst wenn sein Auto nicht so perfekt ist, macht er mehr aus diesen Möglichkeiten als ich. Ich dagegen fühle mich nicht wohl in einem Auto, das nicht meinen Wünschen oder Vorstellungen entspricht. Wenn ich nicht die optimale Abstimmung finde, tue ich mich schwer, extrem schnelle Rundenzeiten zu fahren

Morgenpost Online: Lewis Hamilton steht für seinen harten Fahrstil häufig in der Kritik.

Button: Wir gehen verschieden an die Sache ran, weil wir auch sonst verschieden sind. Die Hauptsache ist, dass wir beide mit dieser Tatsache klar kommen. Das ist der Fall. Was meinen Fahrstil betrifft, habe ich eine Menge von Ayrton Senna und Alain Prost gelernt. Sie haben versucht, so wenige Fehler wie möglich zu machen. Wenn sie welche gemacht haben, haben sie daraus gelernt. In gewisser Weise habe ich meine Art, ein Formel-1-Auto zu fahren, dieser Methodik angepasst. Der unspektakuläre Stil entspricht meinem Wesen.

Morgenpost Online: Sie sind ein guter Koch und stehen gern am Herd.

Button: Stimmt. Ich koche sehr viel Fisch mit gedünstetem Gemüse und japanisches Essen. Mein Lieblingsgericht ist aber Brokkoli und Stilton Käse. Hört sich komisch an und ist auch nicht sehr gesund, aber ich liebe es. Früher habe ich auch gerne Pasta gekocht, weil ich dachte, das wäre gut für meine Fitness, aber mein Trainer hat mich aufgeklärt. Also jetzt mehr Brokkoli mit Stilton statt Pasta.

Morgenpost Online: Warum essen Sie so gern?

Button: Durch das viele Reisen besuche ich weltweit viele gute Restaurants. Das macht mir einfach Spaß. Gutes Essen in verschiedenen Ländern und Kulturen genießen zu können, ist ein großes Erlebnis.

Morgenpost Online: Sie haben sogar mit Freunden ein Restaurant eröffnet.

Button: Das Victus in Harrogate. Es ist mehr ein Café. Entspannte Atmosphäre, keine große Sache. Nett eingerichtet, aber nicht aufgeblasen. Es gibt internationale Küche auf hohem, aber nicht übertriebenem Niveau. Ein Platz, wo man einfach gut essen kann – japanisch, russisch, Chili, alles sehr international. Wenn es gut läuft, wird es in England noch ein paar mehr Victus-Restaurants geben.

Morgenpost Online: Sie sind auch Triathlet. Wie sind Sie zu dieser Sportart gekommen?

Button: Weil ich den Wettkampf mag, auch wenn es manchmal extrem ist. Beim Triathlon ist es für mich besonders toll. Wie in der Formel 1 möchte ich der Beste sein. Ich werde beim Triathlon nie richtig siegen, und ich werde dort nie der Beste sein, aber ich werde es versuchen. Ich mag den Schmerz, wenn ich versuche, alles aus mir herauszuholen. Es gibt mir das Gefühl, lebendig zu sein. Triathlon ist für mich eine andere Lebensdimension mit einer komplett anderen Erfahrung als in der Formel 1. Ich will mein Leben nicht nur nach der Formel 1 ausrichten.

Morgenpost Online: Warum?

Button: Das würde mich verrückt machen, weil es eine zu einseitige Erfahrung wäre. Dabei hat Triathlon sogar auch ein bisschen mit der Formel 1 zu tun.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Button: Der Wechsel vom Schwimmen zum Laufen und vom Laufen zum Fahrradfahren muss genau getimt sein, so wie bei einem Boxenstopp. Die Position auf dem Fahrrad muss technisch genau zu deinem Körper passen. Eine Form der Perfektion, die auch in der Formel 1 notwendig ist, um effizient ins Ziel zu kommen.

Morgenpost Online: Die meisten Formel-1-Fahrer träumen von einem Engagement bei Ferrari. Können Sie das verstehen?

Button: Ferrari bedeutet Leidenschaft in jeder Beziehung. Die Ferrari-Geschichte ist einmalig und unverwechselbar. Das ist für die meisten Fahrer eine riesige Attraktion.

Morgenpost Online: Und für Sie?

Button: Als ich mich zum ersten Mal mit der Formel 1 beschäftigt habe, gab es für mich nur drei Teams: Ferrari, Williams und McLaren. Ich bin für Williams gefahren und fahre jetzt für McLaren. Wenn ich von Leidenschaft spreche, muss ich fairerweise auch über die Begeisterung und die Passion sprechen, die es in englischen Teams und beim englischen Publikum gibt.

Morgenpost Online: Was fasziniert Sie bei McLaren?

Button: Wie bei Ferrari der große Name. Emotionen? Klar! Für McLaren sind Alain Prost und Ayrton Senna gefahren. Das ist für mich eine gigantische Geschichte und auch viel Mythos.

Morgenpost Online: Und Ferrari? Es gibt ja Spekulationen und Gerüchte…

Button: Ich bin schon eine Menge Ferraris gefahren…

Morgenpost Online: Aber keinen Grand-Prix-Ferrari.

Button: Wer weiß, was die Zukunft bringt. Wenn ich die Möglichkeit habe, mit einem anderen Team den WM-Titel zu gewinnen statt ihn mit einem Ferrari zu verlieren, wäre Ferrari keine Option. Es kommt für mich nicht auf den Namen, die Emotion oder eine Legende an, sondern auf die konkreten Möglichkeiten. Mit anderen Worten: Wenn ich am Ende meiner Karriere niemals für Ferrari gefahren wäre, wäre ich nicht traurig.