Ferrari-Pilot Massa

"Wenn es dich trifft, bist du erst einmal geschockt"

Mit Morgenpost Online spricht der Brasilianer über die Einsamkeit eines Formel-1-Piloten, die Beziehung zu Michael Schumacher und die Lehren aus seinem Unfall.

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Seit 2002 startet Felipe Massa in der Formel 1, seit 2006 fährt er für Ferrari. 2008 wurde er WM-Zweiter. Mit Morgenpost Online spircht der Brasilianer über die Einsamkeit eines Formel-1-Piloten, die Beziehung zu Michael Schumacher und die Lehren aus seinem Unfall.

Morgenpost Online: Sie sind seit knapp zwei Jahren der Teamkollege von Fernando Alonso, dem angeblich besten Formel-1-Rennfahrer der Gegenwart. Ist das ein Problem?

Felipe Massa: Nein. Das funktioniert gut und ist hilfreich für das Team. Fernando ist ein erfahrener Mann, da kann es kaum Probleme geben.

Morgenpost Online: Sie haben 2006 bei Ferrari auch mit einem anderen Superstar, Michael Schumacher, gearbeitet. Ist das mit der Kooperation mit Alonso zu vergleichen?

Massa: Beide sind extrem erfahrene Leute – und beide sehr schnell. Ich habe ja auch mit Kimi Räikkönen zusammengearbeitet – auch ein Weltklassefahrer. Es ist ja kein Geheimnis, dass wenn du für Ferrari fährst, du immer auch mit den besten Fahrern fährst. Das macht einen stolz.

Morgenpost Online: Liegen die fahrerischen Qualitäten Schumachers und Alonsos auf demselben Niveau?

Massa: Beide sind große Fahrer, die sich nichts nehmen. Michael ist sehr komplett, schnell, konstant, intelligent, er kann ein Rennen lesen und sich dementsprechend taktisch verhalten. Dasselbe gilt für Fernando.

Morgenpost Online: Halten Sie auch persönlichen Kontakt zu Ihrem Teamkollegen?

Massa: Es ist in erster Linie wichtig, dass wir, was das Team betrifft, gut miteinander auskommen und ausschließlich für das Team arbeiten und uns jederzeit voll und ganz einbringen. Was den privaten Teil betrifft, habe ich mit Michael mehr Kontakt gehabt. Die Beziehung zu Michael war enger als die mit Fernando. Aber das ist überhaupt kein Kriterium für eine gute oder schlechte Zusammenarbeit. Es kommt am Ende nur darauf an, dass wir für das Team eine Art Einheit schaffen. Wenn das nicht funktioniert, werden die Dinge schwierig und noch komplizierter, als sie naturgemäß in der Formel 1 schon sind. Zwischen mir und Fernando läuft es, was diese professionellen Dinge betrifft, genauso gut wie mit mir und Michael. Es geht in einem Formel-1-Team nicht darum, einen lustigen Freundeskreis aufzubauen, sondern eine maximale Effizienz herzustellen.

Morgenpost Online: Sollte Rubens Barrichello, Ihr Landsmann, 2012 nicht mehr starten, wären Sie der Nachfolger von Ayrton Senna, Nelson Piquet, Emerson Fittipaldi oder Carlos Packe – der letzte wirklich erfolgreiche, brasilianische Fahrer einer langen Tradition.

Massa: Ich kenne die brasilianische Tradition in der Formel 1, aber am Ende ist jeder Pilot in seinem Rennwagen allein. Dort denkst du immer nur daran, wie du das Beste für dich und dein Team erreichen kannst – vielleicht auch für dein Land, aber am Ende bist du allein im Cockpit.

Morgenpost Online: Das klingt sehr reduziert?…

Massa: Ich habe aktuell 23 Gegner, und ich bin im entscheidenden Moment nur ein Individuum mit der Absicht, jeden davon in jedem Rennen zu besiegen.

Morgenpost Online: Alonso steht mehr im Mittelpunkt als Sie. Experten halten ihn für den besseren und schnelleren Fahrer.

Massa: Es ist wahr, dass Fernando mehr im Brennpunkt steht. Das stört mich nicht.

Morgenpost Online: Warum?

Massa: Für Fernando war es eine größere Angelegenheit oder größere Sache, als er Formel-1-Rennfahrer wurde, als es das für mich war. Als ich Rennfahrer wurde, hatte ich legendäre brasilianische Vorgänger: Emerson Fittipaldi, Nelson Piquet, Ayrton Senna. Allein die drei haben acht WM Titel für sich und Brasilien gewonnen. Für mich war mit dieser Vorgeschichte klar: Entweder du gewinnst Rennen oder du bleibst zu Hause ein Nobody. Für Fernando liegen die Dinge anders. Er war und ist der einzige spanische Formel-1-Rennfahrer, der jemals auf allerhöchstem Niveau gefahren ist. Das hat ihn direkt in eine zentrale und öffentliche Position – vor allem in Spanien, aber auch international – befördert. Was mich betrifft: Ich weiß, was ich kann, und bei Ferrari wissen sie das auch.

Morgenpost Online: Fahren Sie auf demselben Niveau wie Fernando Alonso?

Massa: Absolut. Abgesehen davon, dass er bessere Resultate als ich erzielt. Aber das bedeutet für mich noch lange nicht, dass ich mich und meine fahrerischen Qualitäten unter seinem Niveau einordne.

Morgenpost Online: Das klingt sehr selbstbewusst …

Massa: Mag sein, aber es ist die Wahrheit, und jede andere Option oder Einstellung wäre sinnlos. Wenn ich nicht so denken würde, würde ich nicht mehr in einen Rennwagen steigen, und Ferrari würde mir keinen Vertrag mehr geben.

Morgenpost Online: Ihr Vertrag läuft Ende 2012 aus. Müssen Sie sich steigern, um einen neuen Kontrakt zu erhalten?

Massa: Das muss jeder Formel-1-Fahrer tun. Jeder von uns steht konstant auf einer Art Prüfstand und unter kritischer Beobachtung. Dieser Job, nicht nur bei Ferrari, ist eine permanente Herausforderung. Das macht mir Spaß. Das fordert mich.

Morgenpost Online: Sollte Ferrari Ihren Vertrag über 2012 hinaus verlängern, werden Sie es bis 2015 mit Alonso zu tun haben ….

Massa: Na und? Das ist eine große Herausforderung. Weltmeister wirst du nicht, weil du Glück hast, sondern weil du dazu in der Lage bist. Und das habe ich mir und dem Team schon zweimal bewiesen. Seit ich denken kann, wollte ich Rennfahrer werden, Rennen gewinnen und in der Formel 1 die Weltmeisterschaft holen.

Morgenpost Online: Sie hatten vor zwei Jahren in Ungarn einen schweren Unfall. Haben Sie danach verstärkt über die Gefahr nachgedacht, der Sie sich permanent aussetzen?

Massa: Der Unfall war, was mein ganzes Leben betrifft, eine komplett neue Erfahrung.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Massa: Wir sind als Grand-Prix-Piloten heute und im Vergleich zu früher sehr gut geschützt. Wenn das, was mir in Ungarn passiert ist, ein paar Jahre früher passiert wäre, wäre die Sache für mich viel dramatischer abgelaufen. Nach dem Tod von Ayrton Senna bewegte sich das Thema Sicherheit in der Formel 1 in eine konstruktive Richtung. Damals war die Formel 1 sehr gefährlich, ohne dass es jemandem so richtig bewusst war. Ayrtons Tod hat diesen Irrglauben auf eine brutale Art und Weise zerstört. Das war ein merkwürdiges Phänomen.

Morgenpost Online: Warum?

Massa: Sogar die Fahrer, die es hätten besser wissen müssen, waren irgendwie in diesem Irrglauben gefangen, obwohl sie sich konstant in dieser Gefahrenzone bewegt haben. Aber wenn du als Fahrer einen Unfall erlebst, wie ich ihn hatte, kannst du dir vorstellen, wie extrem gefährlich, ja sogar tödlich dein Sport ist oder sein kann. Mit Sicherheit haben die Fahrer früher um diese Gefahr gewusst, weil sie ja die tödlichen Unfälle oder die Gefahr bei jedem Rennen gespürt haben. Aber sie haben sich gesagt: Fahr einfach am Limit und sieh zu, dass du heil durchkommst! Jeder Fahrer, der in einen Formel-1-Rennwagen steigt, denkt, dass ihm nichts passieren kann – und im Zweifelsfall, dass es immer einen anderen Fahrer trifft. Das ist so ein Blitzableitereffekt. Aber wenn es dich dann trifft, bist du erst einmal geschockt.

Morgenpost Online: Hatten Sie Angst, als Sie danach zum ersten Mal wieder in einen Rennwagen stiegen?

Massa: Nein, absolut nicht. Da waren keine Zweifel oder Unsicherheiten.

Morgenpost Online: Wie erklären Sie sich das?

Massa: Wenn Sie einen Formel-1-Rennwagen am Limit fahren, müssen Sie alle anderen Gedanken zur Seite schieben – oder besser alle anderen Gedanken verschwinden automatisch.

Morgenpost Online: Es gibt jetzt eine Initiative des Automobilweltverbandes Fia, die besagt, dass die Fahrer in Zukunft mit einem durchsichtigen, aber trotzdem unzerstörbaren Halbdach über dem Kopf geschützt werden sollen. In Ihrem Fall hätte das geholfen ….

Massa: Ich habe davon gehört, und ich denke, es wäre ein großer Schritt nach vorn. Aber es würde auch die Optik eines Rennwagens komplett verändern. Wir reden bei einem Grand-Prix-Rennwagen – seit der Sport existiert – von einem Auto ohne Dach. Die neue Lösung wäre trotz der verbesserten Sicherheit – und vorausgesetzt, das System würde tatsächlich funktionieren – eine Art Kulturrevolution oder auch eine Art Schock….

Morgenpost Online: Ist der WM-Titel für Sie immer noch ein konkretes und greifbares Ziel?

Massa: Dafür fahre ich Rennen, und dafür kämpfe ich. Besonders, weil ich den Titel 2007 und 2008 zweimal knapp verpasst habe. Ich weiß, wovon ich spreche.

Morgenpost Online: Nämlich?

Massa: Von Emotionen, Sehnsüchten und verpassten Chancen. Da ist noch eine Rechnung offen. Ich weiß, dass ich es kann – und das macht das Verlangen danach nur noch größer.