Christian Horner

"Sebastian Vettel liegt das Überholen im Blut"

Red-Bull-Teamchef Christian Horner spricht mit Morgenpost Online über die Stärken seines Starfahrers und Weltmeisters Sebastian Vettel.

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Als Rennfahrer war Christian Horner, 38, mäßig begabt. Nach fünf Jahren bei Red Bull als Teamchef holte der Brite im Jahr 2010 den ersten WM-Titel in der Formel 1.

Morgenpost Online: Mister Horner, Ihr Team steht zum zweiten Mal als Weltmeister bei Fahrern und Konstrukteuren fest. Reisen Sie als Formel-1-Tourist zu den letzten beiden Saisonrennen?

Christian Horner: Leider nein, wir arbeiten mit Hochdruck am Wagen für die nächste Saison: Die letzten Rennen liefern uns wichtige Erkenntnisse, wie wir uns noch verbessern müssen.

Morgenpost Online: Im Gegensatz zur vergangenen Saison, als Sie Schlichter zwischen Ihren Fahrern waren, gab es für Mark Webber keinen Anlass zu murren. Er hatte gegen Sebastian Vettel nie eine Chance. Haben Sie ihm dafür gedankt, dass er von Anfang für klare Verhältnisse gesorgt hat?

Horner: Es ist stets eine meiner Hauptaufgaben, kein Gefühl der Benachteiligung aufkommen zu lassen. Mark hat von Anfang an größere Probleme mit dem Auto gehabt als Seb. Er ist nie in die Saison hereingekommen, während sich Seb in eine Art Rausch fuhr. Mir ist es aber lieber, zwei gleich starke Fahrer zu haben. Das erhöht die Chancen auf den Titelgewinn. Ich bin ein kühler Rechner.

Morgenpost Online: Zwischen Ferrari-Teamchef Jean Todt und Michael Schumacher bestand ein Vater-Sohn-Verhältnis. Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Vettel beschreiben?

Horner: Auch wir haben ein sehr persönliches Verhältnis, ich mag seinen Vater, sein Umfeld. Ich gehöre aber einer anderen Generation an. Wir haben bei Red Bull flache Hierarchien. Ich muss nicht autoritär sein, um Seb die Meinung zu sagen.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich als sein Chef?

Horner: Ich, die Ingenieure und Mechaniker tun alles, um das Beste aus Seb herauszuholen. Ich trage die Verantwortung, dass sich die Fahrer wohl fühlen. Wenn zum Beispiel Neid aufkommt, läufst du Gefahr, dich zu isolieren. Da muss ich gegensteuern. Muss ich dafür Chef sein? Vielleicht. Aber ich lege auf Titel keinen wert.

Morgenpost Online: Vettel scheint nicht immer Ihre Anweisung zu befolgen. In Indien drehte er am Ende des Rennens noch einmal eine schnelle Runde und riskierte einen sicheren Sieg.

Horner: Er kann da nicht aus seiner Haut heraus. Das verstehe ich. Er ist ein Vollblutrennfahrer, auf dem Fußballfeld wäre er ein Mittelstürmer. Ein Wayne Rooney, der immer Tore schießen will. Er hat sich nach seiner kleinen Show bei mir entschuldigt. Sebastian ist vernünftig. Ich glaube nicht, dass er bis an die Grenze gegangen ist. Er wollte vielleicht etwas für seine Statistik tun.

Morgenpost Online: Vettel gibt aber vor, dass ihn Rekorde nicht sonderlich interessieren.

Horner: Da wäre ich mir nicht so sicher.

Morgenpost Online: Was schätzen Sie an Vettel?

Horner: Er hat die Gabe, viele Informationen in kurzer Zeit aufzunehmen. In Valencia zum Beispiel haben wir Mark die harten Reifen aufgezogen und Seb nichts davon erzählt, weil wir nicht wollten, dass er noch mehr ans Limit geht. Plötzlich fragte er über Funk, welche Zeit Mark auf den harten Reifen fährt. Wir haben uns am Kommandostand gefragt, wer das ausgeplaudert hat. Niemand. Sebastian hatte sich auf dem großen Bildschirm an der Strecke selbst informiert. Oder in China, als es sehr rutschig war. Da wollte er von uns wissen, an welcher Stelle die meisten Autos abgeflogen sind. Er wollte vorbereitet sein. Wenn es nass ist, konzentrieren sich die Fahrer nur darauf, heil um die Kurven zu kommen. Sebastian aber stellte uns ständig neue Fragen. Er hat neben dem Fahren noch den Überblick. Er hört nie auf nachzudenken. Das ist eine seiner großen Stärken.

Morgenpost Online: Hat er eine Schwäche?

Horner: Mir fällt keine ein. Drei Dinge zeichnen einen Weltklassefahrer aus: Speed, Intelligenz und Persönlichkeit. Alle drei Eigenschaften vereint Vettel. Er hat das Gefühl dafür, wenn der Renningenieur den Frontflügel nur einen Millimeter verstellt, er merkt das sofort. Er hat den Hunger eines 24-Jährigen, das motiviert jeden im Team. Als er 17 war und gerade einen Test für uns absolviert hatte, flog er von Deutschland in unsere Fabrik nach Milton Keynes, um bei uns ein Praktikum zu machen. Er wollte sich alles anschauen. Mir hat imponiert, dass er diese Initiative ergriffen hat.

Morgenpost Online: Ist er ein Streber?

Horner: Streber sind verkrampft, er hat eine nüchterne Intelligenz und ist stets nett dabei. Er hat einen Killerinstinkt, dabei sieht er aus wie ein Unschuldslamm. Er ist ein Perfektionist und enorm ehrgeizig. Wenn er vom Fahrerlager zum Parkplatz geht und jemand vor ihm ist, muss er an ihm vorbei. Das Überholen liegt ihm im Blut.

Morgenpost Online: Wird Vettel 2012 noch besser?

Horner: Ja, weil er sich weiter entwickelt. Er hat ein unerschütterliches Selbstvertrauen, es wird mit jedem Sieg größer. Und er weiß aus 2010, dass er eine Phase meistern kann, in der es nicht so gut läuft.

Morgenpost Online: Haben Sie Angst, Ihren Starfahrer eines Tages an Ferrari zu verlieren?

Horner: Nein. Wir geben Sebastian ein gutes Umfeld, ein Team, in dem unglaublich viel Energie steckt. Wenn wir ihm kein schnelles Auto mehr bauen, hat er alles Recht auf dieser Erde zu gehen. Aber so weit werden wir es nicht kommen lassen.