Bernie Ecclestone

"Vettel ist der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen"

Formel-1-Chef Bernie Ecclestone spricht im Interview mit Morgenpost Online über Macht, Reichtum, seine größten Erfolge, Max Mosley und die deutschen Stars.

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Fast ein halbes Jahrhundert ist Bernie Ecclestone in der Formel 1 zu Hause. Der Brite gilt als Architekt, Macher und Chef der weltweit größten und profitabelsten Rennserie im Motorsport. Ein Ende seiner Regentschaft ist nicht in Sicht – obwohl er am Freitag seinen 81. Geburtstag feiert.

Morgenpost Online: Mister Ecclestone, was werden Sie morgen machen?

Bernie Ecclestone: Nichts anderes als an den anderen Tagen auch: Ich arbeite und kümmere mich um die Formel 1 . Nun zum ersten Mal in Indien . Es wird ein tolles Rennen.

Morgenpost Online: Und nach getaner Arbeit, gönnen Sie sich dann wenigstens ein Gläschen?

Ecclestone: Vielleicht. Mal sehen, worauf ich Lust habe.

Morgenpost Online: Sie sind der wichtigste Mann. Wie viel Macht haben Sie wirklich?

Ecclestone: Glauben Sie mir, ich wollte nie Macht haben. Ich war immer bemüht, alle Dinge so zu regeln, dass sie hilfreich sind und die Menschen zufrieden oder glücklich machen. Wenn du erfolgreich bist, hat das nichts mit Macht zu tun.

Morgenpost Online: Sondern?

Ecclestone: Dass die Menschen einem eher zuhören und zum Schluss kommen, dass das, was du zu sagen hast, gut und richtig ist. Diese Art von Zustimmung hat aber absolut nichts mit Macht zu tun.

Morgenpost Online: Gibt es Menschen in Ihrem Umfeld, die mehr Macht besitzen als Sie?

Ecclestone: Nein. Jeder von uns besitzt die Möglichkeit, Nein zu sagen – egal, was von ihm gefordert wird. Zugegebenermaßen hängt das nicht selten vom richtigen Zeitpunkt ab. Ich habe nicht wirklich Probleme, wenn sich jemand querstellt, nicht so will, wie ich es gern will. Wir sprechen von Macht in der Formel 1, was meinen Sie konkret?

Morgenpost Online: Von der Macht, Dinge zu entscheiden, die auch umgesetzt werden.

Ecclestone: Das einzige, was ich tun kann, ist, die Leute zu überzeugen. In diesem Zusammenhang bedaure ich, dass die Formel 1 heutzutage sehr demokratisch ist.

Morgenpost Online: War das zu Zeiten von Max Mosley als Präsident des Automobil-Weltverbandes Fia besser?

Ecclestone: Absolut. Max und ich konnten anstehende Fragen und Probleme zumeist sehr schnell lösen. Für Dinge, für die wir heute manchmal zwei Jahre benötigen, um sie durchzusetzen, haben wir damals nicht selten nur wenige Tage oder Wochen gebraucht. Davon profitierten alle – die Teams, das Publikum, alle.

Morgenpost Online: Gab es in der sogenannten „Max und Bernie Show“ auch Spaßmomente?

Ecclestone: Selbstverständlich. Max und ich haben gleich gedacht und sind den gleichen Weg gegangen. Die Versuchung ist schon groß, oftmals über die guten alten Zeiten zu sprechen. Vielleicht waren sie auch gar nicht so gut, aber ich komme am Ende immer zum Schluss, dass es früher viel, viel angenehmer war als heute.

Morgenpost Online: Spielt beim Schwärmen von der Vergangenheit das Geld eine Rolle?

Ecclestone: Nein. Die Leute waren anders drauf. Es gab noch nicht diese massiven Ego-Probleme, die viele Leute heute haben, denen sie sich bedingungslos unterwerfen.

Morgenpost Online: Woran liegt das?

Ecclestone: Weil sich unser ganzes System in den vergangenen Jahren gewaltig verändert hat. Dazu trugen die neuen Kommunikationsmöglichkeiten wesentlich bei. Aber auch Max wurde ja in den vergangenen Jahren sehr viel demokratischer.

Morgenpost Online: Hat Sie das gestört?

Ecclestone: Seine Position wurde im Rahmen der Veränderungen zwangsläufig schwieriger. Er musste sich ändern und notwendige Kompromisse eingehen, um als Präsident akzeptiert zu werden. Ich sage Ihnen: Wenn Max heute anstreben würde wieder als Präsident gewählt zu werden, würde er mit Leichtigkeit durchkommen. Er würde von fast 90 Prozent der Teams unterstützt.

Morgenpost Online: Wie groß war die Rolle von Max Mosley, der im Oktober 2009 als Fia-Präsident von Jean Todt abgelöst wurde, beim Aufbau der Formel 1 zu einem weltweit anerkannten Sportereignis?

Ecclestone: Darüber haben wir nie diskutiert. Ich weiß nur, dass er mir vertrauen konnte und ich ihm. Max musste nie beweisen, dass er ein guter Mann ist. Das hat mit Selbstvertrauen, Unabhängigkeit und Intelligenz zu tun. Er spricht vier oder fünf Sprachen. Ich dagegen habe Probleme, mich halbwegs vernünftig in Englisch zu artikulieren…

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie die Arbeit von Jean Todt?

Ecclestone: Ich schätze Jean sehr. Ich habe ihn von Peugeot zu Ferrari gebracht, was nicht einfach war. Aber ich glaube, dass er, was seinen Job als Präsident betrifft, nicht geahnt hat, was auf ihn zukommt. Max hat Jean geholfen, Präsident zu werden. Aber ich vermute, wenn Jean zu sich selbst ehrlich sein würde und er noch einmal die Wahl hätte zwischen der Präsidentschaft und Ferrari, würde er wieder nach Maranello zurückkehren.

Morgenpost Online: Warum ?

Ecclestone: Weil er fühlt, dass er bei der Fia eine undankbare und dazu extrem schwere Aufgabe erfüllen muss. Max hatte damit im Gegensatz zu Jean kein Problem. Wenn Max zurückkommen würde, würde er einen noch besseren Job machen. Auch weil er nicht mehr so verbissen wäre, dafür flexibler und aber trotzdem ein Kämpfer.

Morgenpost Online: Was war Ihr größter Erfolg als Geschäftsmann?

Ecclestone: Natürlich die Formel 1. Wobei der größte Coup die Fernsehvermarktung war. Ich erinnere mich noch daran, als alle nationalen Fernsehanstalten machten, was sie wollten. Es war ein heilloses Durcheinander. Beendet habe ich das mit der Forderung, dass Formel-1-Rennen nur noch übertragen darf, wer sich verpflichtet, alle Saisonrennen zu zeigen. Das half der Formel 1 als weltweit attraktivem Sport entscheidend auf die Beine. Hätte mein Vorstoß nicht funktioniert, wäre die Formel 1 heute nicht da wo sie ist.

Morgenpost Online: Viele aus dem Business haben noch immer Probleme damit, dass Sie den Vermarktungsvertrag mit dem Automobil-Weltverband Fia geschlossen haben, der eine Laufzeit von 100 Jahren umfasst.

Ecclestone: Ich wollte die Vermarktungsrechte von der Fia kaufen, aber die Fia war dazu nicht bereit. So kam Max auf die Idee, die Rechte zu leasen. Das Modell ist in England sehr verbreitet. Man kauft nicht, sondern least das Produkt auf eine lange Zeit. Das Problem aber war, dass die Fia die Rechte gar nicht besaß, weil ich, oder besser wir das gesamte neue Formel-1-Vermarktungssystem über Jahre aufgebaut hatten. Wir besaßen quasi die Verträge, die Rechte – praktisch alles. Trotzdem haben wir den Deal gemacht, und ich bin damit zufrieden.

Morgenpost Online: Es wird gemunkelt, dass die Teams derzeit intensiv prüfen, die Vermarktungsrechte zu kaufen und ohne Sie zu arbeiten.

Ecclestone: Ich glaube nicht an eine Einheitsfront der Teams. Schon gar nicht in Bezug auf die Vermarktung und auch nicht was die anstehenden Verhandlungen für das neue Concorde Agreement betrifft.

Morgenpost Online: Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo würde Ihnen für den Fall, dass die Hersteller oder die Teams die Formel?1 übernehmen, wieder den Job als Hauptvermarkter für die Teams und das neue Konstrukt anbieten. Hätten Sie daran Interesse?

Ecclestone: Wir müssen innerhalb der Fia ein paar wichtige Dinge verbessern und neu aufstellen, bevor das System kollabiert. Sie sehen, ich habe überhaupt kein Interesse an einer möglichen Aufsplittung der Formel 1 in zwei Lager oder an einer sogenannten Herstellerserie. Aber wenn es gegen meine Überzeugung dazu kommen sollte, hätte ich kein Problem, den Job zu übernehmen oder zumindest darüber nachzudenken.

Morgenpost Online: Warum?

Ecclestone: Mein Ziel ist eine erfolgreiche, gut funktionierende Formel-1-Weltmeisterschaft.

Morgenpost Online: Verleiht Ihnen Ihr Alter eine gewisse Macht?

Ecclestone: Macht ist auch hier nicht der richtige Begriff. Richtig ist, dass Menschen, die von meinem Leben gehört haben, mir möglicherweise aufmerksamer zuhören. Der Vorteil für mich ist auch, dass ich aus meiner Position heraus an jedes Geschäft entspannter rangehe.

Morgenpost Online: Den nächsten großen Deal haben Sie schon eingefädelt. Im Juni 2013 soll das erste Formel-1-Rennen vor den Toren New Yorks stattfinden.

Ecclestone: Es wird ein grandioses und wichtiges Rennen . Ich bin absolut überzeugt, dass es eine super Show geben wird.

Morgenpost Online: Waren Sie früher hektischer?

Ecclestone: Ich fühle mich jetzt wesentlich besser, weil ich weiß, dass ich mir nichts mehr beweisen muss.

Morgenpost Online: Führen Macht und Reichtum zu Einsamkeit? Haben Sie Freunde?

Ecclestone: Ich fühle mich nicht einsam. Es ist aber schwer zu wissen, wie viel richtige Freunde du hast. Ab und zu merke ich, dass Menschen auf meinen Erfolg eifersüchtig reagieren und manche auch versuchen, mir in den Rücken zu fallen.

Morgenpost Online: An welchen wichtigen Entscheidungen waren Sie in den vergangenen Jahrzehnten nicht involviert?

Ecclestone: Sagen wir es so: Wenn die Leute mich fragen, oder ansprechen, versuche ich zu helfen. Beim Wechsel von Michael Schumacher damals von Jordan zu Benetton habe ich zum Beispiel sehr geholfen ….

Morgenpost Online: Wer ist mächtiger auf der Strecke: Schumacher oder Sebastian Vettel ?

Ecclestone: Ihre Position hat mit Macht überhaupt nichts zu tun. Michael war lediglich extrem populär, weil er extrem gut in seinem Job war. In dieser Rolle hat er die Formel 1 unterstützt. Sebastian ist ein sehr netter, junger Mann. Der Erfolg ist ihm nicht zu Kopf gestiegen. Er ist ein fantastischer Rennfahrer, dem ich mit großem Respekt begegne.