Formel 1 in Indien

Helfer finden bei Probealarm Medical Center nicht

Am Sonntag findet zum ersten Mal ein Formel-1-Rennen in Indien statt. Bei einem Test in Neu Delhi gab es beängstigende "Startschwierigkeiten".

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Happy Diwali“, dröhnte es aus hundert Kehlen auf dem Connaught Place in Neu Delhi zum Lichterfest, einem der größten hinduistischen Feiertage Indiens. Doch noch ist den Einheimischen die Erleuchtung bei der Ausrichtung des ersten Grand Prix der Formel-1-Geschichte auf indischem Boden nicht gekommen. PT Usha, die populäre Ex-Hürdenläuferin, mokierte sich, der Vollgaszirkel aus dem Abendland sei die reinste Geldverschwendung. 99,9 Prozent der Inder hätten „mit dem Hi-Fi-Business nichts am Hut“.

Zu den 0,1 Prozent zählt Karun Chandhok, ein von der winzigen Motorsportgemeinde im Land umjubelter 27 Jahre alter Rennfahrer aus Chennai. Aber Chandhok muss seinen Lotus leider in der Garage lassen. Die Leitung hält den elfmaligen Grand-Prix-Starter für zu unerfahren und wohl auch für zu aufgeregt. „Das ist eine ganz pragmatische Entscheidung“, sagt Teamchef Tony Fernandes und vertraut auf die Routiniers Jarno Trulli und Heikki Kovalainen. „Wir wollen uns keine Blöße geben.“

Überhaupt scheint die Premiere in Noida, einer Vorstadt der Zehn-Millionen-Einwohner-Metropole unter keinem guten Stern zu stehen. Das Sicherheitstraining für die indischen Streckenposten musste auf dem Buddh International Circuit abgebrochen werden. Bei einem Probealarm inklusive Bergung eines Fahrers fanden die Helfer auch nach 20 Minuten den Weg zum Medical Center an der Rennstrecke nicht. Am Ende des Tages, tröstete Vicky Chandhok, Mutter von Karun und Präsidentin des nationalen Motorsportverbandes, hätten die orientierungslosen Marshalls ihre Lektion gelernt und die Übung angeblich nach vier Minuten erfolgreich beendet. „Das sind normale Startschwierigkeiten.“

Der PS-Zunft ist auf Sicherheitslücken schlecht zu sprechen, erst recht jetzt. Sie betrauert den Tod der Rennfahrer Dan Wheldon (Indycar) und Marco Simoncelli (Motorrad) . Weltmeister Sebastian Vettel vertraut darauf, dass der Automobil-Weltverband Fia schon wisse, wen er als Helfer auf die Strecke lässt, aber am Mittwoch fiel die Fortsetzung des Crash-Kurses wegen des Feiertages aus. Schon wird spekuliert, dass erfahrene Marshalls abgelehnt wurden und sich Frischlinge mit etwas Bakschisch für den ehrenvollen Job angedient hätten. Das Gerücht wird der Fia nicht schmecken, sieht sich der Dachverband doch als Vorreiter bei der Unfallprävention. Der Indien-Grand-Prix ist das erste Formel-1-Rennen seit den zwei Tragödien.

Finanziell muss sich das Projekt inmitten von Müllbergen und Straßenkindern ohnehin noch bewähren. Während der Bau eines Kricketstadions ein Selbstläufer ist, muss die Rentabilität des Buddh International Circuit, für 250 Millionen Euro am Reißbrett des Aachener Architekten Hermann Tilke entworfen, bezweifelt werden. Seit acht Jahren bemüht sich der Vollgaszirkel in China vergeblich um mehr Aufmerksamkeit, und auch in Delhi muss befürchtet, dass die Formel 1 bei den Einheimischen abblitzt. Nichts deutet auf das nahende Debüt in der Innenstadt hin, von dem sich Bernie Ecclestone soviel verspricht. Der Chefpromoter hatte vor vier Jahren Greater Noida in der früheren englischen Kronkolonie per Vertrag in seinen Zirkus aufgenommen. Bei einem Besuch erinnerte er an die indische Motorsporttradition. Nach 1904 wurde auf der Strecke Delhi – Bombay von betuchten Gentlemen eine Rolls-Royce-Rallye ausgetragen.

An der Leidenschaft mangelt es den motorbegeisterten Indern jedenfalls nicht. In zerbeulten Kisten, angetrieben von acht PS, brettern die tollkühnsten von ihnen auf der Janpath-Straße in Motorrikschas schneidig über den brüchigen Asphalt, dass es einem Michael Schumacher zur Ehre gereicht. Und hat nicht auch der Rekordweltmeister in dieser Saison schon so manchen Unfall gebaut? Nur dass der prominente Gastarbeiter aus Deutschland keine sieben Insassen auf der Rückbank hatte. Formula One? Nie gehört, schüttelt einer der Fahrer den Kopf. Racing? Ja, das machen wir doch täglich mit unseren Rikschas, bei Tempo 50 Blechkiste an Blechkiste durch den Berufsverkehr.

Das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt ist voll von talentiertem Nachwuchs. Aber die Familie von Narain Karthikeyan ist eine der wenigen, die ihrem Sohn das elitäre Hobby Motorsport finanzieren konnte. Karthikeyan ist Indiens erster Autofahrer, in der Formel 1 gibt er gesponsert vom Autobauer Tata für das Hinterbänklerteam HRT Gas. „Es ist ein historischer und symbolischer Moment“, sagt er. „Ich hätte nie gedacht, dass die Formel 1 einmal in Indien fahren wird und ich dabei bin.“ Das Force-India-Team mit dem schillernden Zampano Vijjay Mallya an der Spitze hat kürzlich eine Rennfahrschule gegründet.

Einer goldenen Zukunft des Rennsports steht in Indien fast nichts mehr im Weg, glaubt Vicky Chandhok. „Die Formel 1 ist sehr lebhafter, sie zieht den Glamour an, sie steht für Sex, und wir haben das geeignete Publikum dafür. Die jüngste Bevölkerung gibt es in Indien.“ So einfach kann Motorsport sein.