Formel 1

Vater und Sohn Vettel setzen auf Bodenhaftung

Amateurfahrer Norbert Vettel verkaufte sein Auto, um den Aufstieg des Sohnes zu fördern. Der väterliche Manager setzt weiter auf Kontinuität beim Weltmeister.

Es war Ende der 80er-Jahre, erinnert sich Norbert Vettel „da war im Tennis nur noch von Boris Becker die Rede“. Und mit ihm von dessen Vater Karl-Heinz. Dass der Architekt war, wusste bald jeder in Deutschland.

Und dass der „Bobbele“ viel Geld verdiente. So viel, dass der Senior wohl nie wieder einen Supermarkt oder eine Turnhalle würde planen müssen. „Da haben sich bestimmt viele Väter gedacht, warum passiert mir das nicht?“, sagt Norbert Vettel. „Ich habe daran nie einen Gedanken verschwendet.“

Natürlich könnte der gelernte Zimmermann die Hände in den Schoß legen, ähnlich wie es einst der Papa von Michael Schumacher, ein ehemaliger Ofenbauer, getan hat. Aber Norbert Vettel (52), dessen Sohn am Sonntag in Japan zum zweiten Mal Formel-1-Weltmeister wurde, ist kein typischer Sportlervater.

Er überließ das Feld keinem Ziehvater; Ion Tiriac und Willi Weber betrachteten ihre Schützlinge am Anfang auch wie ein Renditeobjekt. Norbert Vettel begleitete die Karriere seines Sohnes stets aus der Nähe. Als sie in Schwung kam, beim ersten Formel-1-Rennen 2007 in Indianapolis, ließ er sich aus Heppenheim zum Debüt einfliegen.

„Er ist sympathisch und bescheiden und keiner dieser Vater, der die unerfüllten Träume der eigenen Sportlerkarriere auf seinen Sohn projiziert“, sagt der ehemalige BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen, der Norbert Vettel am Sonntag an die Rennstrecke eine Glückwunsch-SMS schickte.

Der Vater des Champions reiste zum Weltmeisterwochenende am Freitag in Suzuka an und feierte mit seinem Sohn den Triumph mit Karaoke und Red Bull in einem Irish Pub. Am Tag danach musste der Champion zu einem launigen PR-Termin in eine Autofabrik in Yokohama. Da gab er schon seine nächsten Ziele aus. Weltmeister zu werden, das „macht süchtig“, bekannte Sebastian Vettel. „Es gibt nichts anderes in meinem Leben, das mir so eine Genugtuung verschafft.“

Keine Pause

Vettel gönnt sich keine Pause, er klang ganz so wie Schumacher in seinen glorreichen Ferrari-Jahren. „Das erlaubt uns nicht, in Urlaub zu gehen“, mahnte er. „Wir dürfen nichts als selbstverständlich hinnehmen. Es könnte morgen vorbei sein. Wir müssen uns den Hunger bewahren.“

Auch wenn er lässig in Jeans und mit verstrubbelten Haaren auf der Bühne lümmelte und später mit kreischenden japanischen Fans scherzte, ließ Vettel keinen Zweifel daran, dass er sich erst am Anfang eines Hochs sieht, und Vater Norbert Vettel ergänzte mit etwas heiserer Stimme: „Wir werden jetzt nicht abheben.“

Norbert Vettel ist schon aufgrund seiner körperlichen Statur ungeeignet dafür, die Bodenhaftung zu verlieren. Er misst knapp 1,70 Meter und führt ein Bäuchlein spazieren.

Bodenständig

Und während der Sohn wegen des Höchstgewichts in der Königklasse auf seine Linie achten muss, mag der Rennfahrervater gern deftige Küche, Kochkäs und Hamburger. Im Motorhome des Red-Bull-Rennstalls, wo schon mal ein österreichischer Sterne-Koch brutzelt, ist er sich nicht zu fein, der Kellnerin herunter gefallenes Besteck nachzutragen.

Der bescheidene Selfmademan hat sein Leben lang darauf geachtet, dass die Rechnung stimmt. Dem dreijährigen Sebastian schraubte er im Keller das erste Bambini-Kart zusammen. Auf dem Hof ließ er ihn weiter üben.

Und damit es dem Junior nicht so schnell langweilig wurde, um die Aufstellhütchen herumzukurven, half der Papa mit ein paar Eimern Wasser nach, damit es schön rutschig war. Rennen fuhr er in der Regel gegen Ältere. Wenn er sich beklagte, dass er gegen die viel größeren Gegner keine Chance habe, erinnert sich Norbert Vettel im „Blick“, da habe ich geantwortet: „Dann brems halt später.“

Er sprach ja auch ein bisschen aus eigener Erfahrung. Immerhin fuhr Norbert Vettel über zehn Jahre Bergrennen in einem Golf GTI. Als das Geld knapp wurde, um Sebastians Aufstieg in die höheren Rennklassen zu finanzieren, verkaufte er sein geliebtes Rennauto und legte sich ein Wohnmobil zu, das einen Zusatztank hatte, um auf den Reisen zu den Kartrennstrecken schon mal das (damals teure) italienische Benzin zu sparen. „Der Bub hatte Spaß dran, da hab ich gedacht, dann verkauf ich alles.“

Es ging nicht ganz so zu wie im Hause Schumacher, wo schon mal Reifen für die Karts aus dem Müll gezogen wurden, wenn die Familie knapp bei Kasse war. Aber es waren auch andere Verhältnisse als bei den Rosbergs, wo Sohn Nico schon mal mit dem Privatjet zu einem Nachwuchsrennen einschwebte.

„Wir haben nie vergessen, woher wir kommen“, sagt Norbert Vettel. Zum Gewinn des EM-Titels im 2001 logierten die Vettels auf Einladung im noblen Hermitage-Hotel von Monte Carlo. Das Zimmer kostete knapp 1000 Mark. „Da sagte Seb erstmals: ‚Papa, das nimmt uns keiner mehr.’ So etwas vergisst du dein Leben lang nicht. Da darfst du stolz sein!“

Kein Spitzenverdiener

Am Sonntag in Suzuka wird er sich die eine oder andere Episode in Erinnerung gerufen haben. Als er Nico Hülkenberg im Fahrerlager traf, den Testfahrer von Force India, der schon zu Kartzeiten gegen seinen Sohn fuhr, und vor einer Fernsehkamera über die Familie Vettel sprechen sollte, schluchzte er in Tränen. „Ich bin der Vater, ich bin kein Weltmeister: Sebastian ist Doppelweltmeister. Ich bin stolz auf das, was er erreicht hat. Ich habe nichts erreicht.“

Das ist natürlich glatt untertrieben, denn womöglich wäre ein mehr auf den Kommerz ausgerichteter Berater den Verlockungen einer saftigen Provision erlegen. Ein Wechsel zu Ferrari schien noch vergangenes Jahr möglich, stattdessen setzten der Champion und sein väterlicher Manager auf Kontinuität.

Gemessen an Fernando Alonso und Michael Schumacher gehört Sebastian Vettel nicht zu den Spitzenverdienern, sein bis Ende 2014 datierter Vertrag ist stark leistungsbezogen. „ Er passt zu Red Bull , und das ist uns wichtig“, sagt Norbert Vettel.

Den Zaun höher ziehen

Dass auch sein Sohn so bescheiden geblieben ist, als eines der wenigen Hobbys das Sammeln von DVDs und Beatles-Alben angibt und an der Hand eine Casio-Uhr trägt, führt der Papa nicht auf seinen Einfluss zurück: „Ich denke, dass ich da keine große Rolle spiele.“

Er muss sich nicht aufplustern, um wahrgenommen zu werden, Norbert Vettel wirkt diskret im Hintergrund. Ein Betätigungsfeld für die rennfreie Zeit hat er auch gefunden. Er will den Zaun um sein Haus in Heppenheim etwas höher ziehen, aus Schutz vor Paparazzi und allzu neugierigen Fans.