Unfall in Spa

Formel-1-Rüpel Lewis Hamilton kriecht zu Kreuze

Ex-Weltmeister Lewis Hamilton entschuldigt sich für seinen Unfall beim Großen Preis von Belgien in Spa, der ihn aus dem Titelrennen wirft.

Lewis Hamilton (26) ist gewiss ein fantastischer Rennfahrer. Er kann seinen McLaren manchmal auf drei Rädern über die Strecke balancieren und geht keinem noch so brenzligen Überholmanöver aus dem Weg. Genau mit diesem radikalen Stil steht sich der britische Starpilot allerdings immer öfter im Weg.

Beim Großen Preis von Belgien in Spa brockte er seinem Rennstall erneut eine saftige Reparaturrechnung ein. Eine Werbetafel ging zu Bruch und die Frontpartie seines Wagens wurde zerfetzt, als er sich mit einem haarsträubenden Unfall um die letzte Titelchance brachte. Für seinen Einschlag in die Leitplanken lud er via Twitter alle Schuld auf sich. „Nachdem ich die Wiederholung angeschaut habe, habe ich erkannt, dass es mein Fehler war. Zu hundert Prozent.“

Eine Berührung in der 13. Runde mit dem Sauber von Kamui Kobayashi beendete jäh die Dienstfahrt des Weltmeisters von 2008. „Ich habe Kobayashi nicht genug Platz gelassen. Ich hatte gedacht, dass ich an ihm vorbei wäre“, sagte Hamilton ungewohnt reumütig. Der Anflug einer Läuterung?

Ende Mai in Monte Carlo wurde ihm eine Durchfahrtsstrafe aufgebrummt, nachdem er Felipe Massa im Ferrari blockiert hatte. Anschließend erhielt er noch eine Zeitstrafe, weil er den Williams von Pastor Maldonado ziemlich rüde von der Strecke geräumt hatte. Da gestand er eigenes Unvermögen mit deutlich größerer Verzögerung ein und musste Schadensbegrenzung in höchster Not betreiben, indem er ein Entschuldigungsschreiben an den Präsidenten des Internationalen Automobilverbandes, Jean Todt, verfasste. „Entschuldigung an Kamui und an mein Team“, twitterte Hamilton diesmal: „Das Team verdient, dass ich es besser mache.“

Der Rebell, der aus der Kurve kam, kriecht zu Kreuze. Immerhin musste er diesmal nicht zu den Rennkommissaren. Mit den Schiedsrichtern hatte er nach harten Attacken regelmäßig Verabredungen in dieser Saison, zuletzt wegen einer Rempelei am Samstag in Spa, wieder mit Pastor Maldonado. Da kam Hamilton mit einer Verwarnung davon. Und gelangte zur erstaunlichen Erkenntnis, dass „ich der Einzige bin, der Sebastian etwas entgegen halten kann, noch dazu in einem Auto, das nicht so gut ist wie seines“.

Mit der Nullnummer in den Ardennen aber sank das unerschütterliche Vertrauen in die eigenen Steuerkünste auf den Nullpunkt. Es schwand zugleich die letzte Hoffnung jener, die sich eine bis zum Schluss packende Formel-1-Weltmeisterschaft versprechen. Nach Punkten zwischen dem Tabellenersten Sebastian Vettel und seinem einst aussichtsreichen Widersacher Hamilton steht es 259:146.

Wie sich die Zeiten ändern. Im Vorjahr kritisierte Hamiltons Teamchef Martin Whitmarsh den havarierenden Vettel als „Crash-Kid“, jetzt schlüpfte sein Fahrer selbst in die Rolle des PS-Tölpels, und Whitmarsh musste lange nachdenken, bevor er dem Ausfall etwas Positives abgewinnen konnte. „Er ist ein Mann der Extreme, durch ihn wird die Formel 1 erst richtig aufregend.“

Hamilton schreibt den Titel ab

Wenn aber noch etwas in Sachen Spannung passieren sollte, dann nicht mehr mit Hamilton. „Jeder sollte jetzt den Titel vergessen, dazu wird es nicht kommen“, greinte er. Vettel hingegen kann theoretisch nach dem übernächsten Rennen in Singapur seinen zweiten Titel sichern.

Bei keinem der Verfolger ist der Karriereknick so offensichtlich wie bei Hamilton, denn niemand hat sich so rasant durchgesetzt wie er. Bereits in seiner Debütsaison 2007 schrammte er knapp am Titel vorbei. „Seither bin ich jedes Jahr mindestens einmal Erster geworden. Gibt es einen anderen Fahrer, dem das geglückt ist?“ Auch nach seinem Titelgewinn galt er noch als smarter Streber, der seit frühen Teenagertagen bei McLaren seine Ziele verfolgt.

Einen Teil dieser Vergangenheit hat Hamilton inzwischen abgestreift. Zu dieser Häutung gehörte vor allem das Abkapseln von seinem Vater Anthony. Der Senior betreut jetzt Force-India-Mann Pauli di Resta, Lewis dockte beim britischen Fernsehproduzenten Simon Fuller an, der das schrille Image der „Spice Girls“ pflegte und David Beckham zu dem Ruhm verhalf, den er als Fußballspieler allein nie erlangt hätte.

Jetzt überprüft Hamilton im Fahrerlager regelmäßig den Sitz von Sonnenbrille, trimmt seinen Bartstreifen und tastet nach seinen Brillanten im Ohr.

Für das Lenkrad hat er zurzeit weniger Gefühl.