Virgin-Pilot

Timo Glocks Leben auf der Schattenseite der Formel 1

Timo Glock bestreitet Sonntag sein 63. Formel-1-Rennen. Er weiß, dass er zum 63. Mal nicht gewinnen wird. Sein Auto ist zu langsam. Frust spüre er dennoch nicht.

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Auch an diesem Wochenende gelang kein Sprung nach vorn. Timo Glock, 29, geht mit seinem Virgin am Sonntag auf dem Nürburgring nur von Startplatz 20 ins Rennen . An einen Rang im Vorderfeld ist bei dieser Ausgangslage nicht zu denken. Für Glock ein gewohntes Gefühl. Der gelernte Gerüstbauer aus dem Odenwald hat in dieser Saison noch keinen WM-Punkt gesammelt. Ein Gespräch über das Leben auf der Schattenseite der Formel 1.

Morgenpost Online: Herr Glock, wie gut ist Ihr Auto?

Timo Glock: Mit den technischen Möglichkeiten, die wir im Moment haben, ganz gut. Seit ein paar Rennen haben wir sogar Fortschritte gemacht. Aber was die Rundenzeiten betrifft, sind wir noch nicht schnell genug. Das ist das Hauptproblem.

Morgenpost Online: Wo liegt der Hauptunterschied zur Konkurrenz?

Glock: In der Aerodynamik. Alles wird heute in der Formel 1 über die Aerodynamik geregelt. Unser Auto hat nicht genügend Abtrieb und ist nicht effizient genug. Das ist das schlimmste was dir bei einer Formel-1-Auto passieren kann.

Morgenpost Online: Sie haben mit dieser Technik keine Chancen auf WM-Punkte. Was motiviert Sie?

Glock: Ich fahre ja mit meinen Möglichkeiten immer am Limit. Das ist eine Herausforderung und die macht mir Spaß. Dazu hat sich in den letzten Wochen im Team sehr viel getan. Wir haben eine technische Partnerschaft mit McLaren begonnen. Das gibt einen positiven Schub. Ich kann nicht sagen, dass ich mich schlecht fühle, sondern dass ich maximal motiviert bin und versuche jedes Mal, wenn ich in das Auto steige, das Beste rauszuholen.

Morgenpost Online: Gibt es da einen Zeitplan für den Anschluss nach oben?

Glock: Was mich betrifft, möchte ich nächste Saison im Mittelfeld fahren.

Morgenpost Online: Ganz schön optimistisch.

Glock: Wie sollte ich anders denken? Wenn ich im nächsten Jahr anpeilen würde, statt auf Platz 20 besser auf Platz 19 zu landen, wäre das keine nachvollziehbare Zielsetzung. Es muss ab jetzt schnell nach vorn gehen.

Morgenpost Online: Mal angenommen, Sie könnten zu Red Bull wechseln…

Glock: Auf der Stelle würde ich das tun. Jeder Fahrer würde so antworten und nicht lange nachdenken. Aber das sind Träume. Ich muss den harten Weg gehen und mich mit den Möglichkeiten meines Teams nach oben kämpfen.

Morgenpost Online: Vor Virgin sind Sie für Toyota gefahren, wo Sie mit der Spitze auch selten mithalten konnten. Haben Sie Angst, dass Ihnen irgendwann die Puste ausgeht?

Glock: Erst mal war meine Zeit bei Toyota keine harte Zeit. Wir waren da auf einem sehr guten Weg. 2008 habe ich in Ungarn mit dem Auto einen zweiten Platz eingefahren. 2009 haben wir bei Toyota dann einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht und sind mehrfach auf das Podium gefahren und hatten eine sehr gute Basis für 2010. Aber dann kam die Entscheidung auszusteigen, und ich musste die Überholspur auf der Formel-1-Autobahn verlassen. Dabei habe ich gelernt, dass man als Fahrer nicht auf alle entscheidenden Dinge Einfluss hat.

Morgenpost Online: Wie groß ist die Rolle des Fahrers?

Glock: Jeder, der in ein Formel-1-Auto steigt, ist davon überzeugt, dass er, vorausgesetzt er hat das richtige Auto, jeden anderen Fahrer im Feld schlagen kann. Jeder glaubt genau so schnell zu sein, wenn nicht sogar schneller, wie die anderen Fahrer im Feld.

Morgenpost Online: Was bedeuten würde, dass Sie im Red Bull dieselben Rundenzeiten fahren würden wie Sebastian Vettel.

Glock: Bis auf ein paar Zehntel ja.

Morgenpost Online: Wo würde der kleine Zeitunterschied herkommen?

Glock: Da geht es dann um die Feinheiten: Passt das Auto zu meinem Fahrstil? Gibt das Auto mir das Feedback, also verhält es sich so, wie ich mir das vorstelle und ich mich dann dementsprechend wohlfühle?

Morgenpost Online: Was passiert ohne Wohlfühlfaktor?

Glock: Man fühlt dann das Auto nicht. Es macht nicht das, was du willst. Und da kannst du machen, was du willst, du verlierst Zeit, und es geht nicht schneller. Egal, was auch immer du versuchst.

Morgenpost Online: Es gibt aktuell sechs deutsche Fahrer. Vettel fährt in der Sonne. Nico Rosberg, Michael Schumacher und Nick Heidfeld fahren im Halbschatten. Adrian Sutil und Sie im Schatten. Wären alle sechs in der Lage, mit dem richtigen Auto die WM zu gewinnen?

Glock: Wir würden alle weit vorne fahren und Rennen gewinnen. Die Frage ist, ob es dem einen oder anderen von uns gelingt, so konstant zu sein wie Sebastian.

Morgenpost Online: Welche realistische Chancen sehen Sie, in die Liga von Red Bull oder Sebastian Vettel aufzusteigen?

Glock: Ich muss zeigen, dass ich auch mit einem Auto wie dem Virgin erstklassige Leistungen abliefern kann. Ich werde wohl mit dem Virgin so schnell keine Grand-Prix-Rennen gewinnen oder Podiumsplätze einfahren. Aber ich muss versuchen, wenn wir jetzt technisch vorankommen, auf mich als Fahrer aufmerksam zu machen. Das ist extrem schwierig. Wenn ich einen Rückstand von fünf Sekunden um eine halbe Sekunde reduziere, fällt das niemandem auf. Wenn ich aber auf einer Fahrerstrecke wie in Monte Carlo eine Superrunde gefahren bin, freue ich mich riesig. Wenn wir 2012 ein besseres Auto haben, könnte ich dann wirklich positiv auffallen.