Formel 1

Vettel will seinen Vorsprung nicht nur verwalten

Zweimal nicht gewonnen, auf dem Nürburgring erstmals nicht auf dem Podium. Sebastian Vettel hat eine Ergebniskrise, die seinen Vorsprung schrumpfen lässt.

Lewis Hamilton hatte gerade die letzten Tropfen aus seiner Champagner-Flasche vom Gewinnerbalkon des Nürburgrings gespritzt, als er verbal in die Offensive ging. „Wir sind zurück im Kampf“, stellte der Engländer nach seinem zweiten Saisonsieg euphorisiert fest und meinte damit den Wettstreit um die WM-Krone: „Es wird nun sehr, sehr, sehr hart. Ich hoffe wirklich, dass wir so weitermachen und das Momentum lebendig halten können.“ Sebastian Vettel hörte von all dem nichts. Er durfte zum ersten Mal in dieser Saison nicht an Siegerehrung und auch nicht an der anschließenden Pressekonferenz teilnehmen.

Auf Platz vier war der Deutsche gelandet, nachdem er durch einen Dreher nach einem Fahrfehler wertvolle Sekunden verloren hatte. „Wir müssen härter arbeiten“, sagte Vettel. „McLaren und Ferrari werden schneller und schneller.“ Seine Niederlagen in Silverstone und jetzt am Nürburgring dürften ihn dabei mehr aufgeschreckt haben als die Siege der Konkurrenten. Noch immer beträgt sein Vorsprung im WM-Klassement beruhigende 77 Zähler vor seinem Stall-Kollegen Mark Webber.

Beginnt nicht schon am nächsten Wochenende in Ungarn eine historisch einmalige Pannenserie, ist dem Red-Bull-Piloten sein zweiter Titel kaum noch zu nehmen. Ferrari und McLaren, Fernando Alonso und Lewis Hamilton oder Jenson Button werden sich auch in Zukunft zuverlässig gegenseitig die Punkte wegnehmen und damit eine Aufholjagd größeren Umfangs kaum möglich sein. Trotzdem wird die Laune im Lager der Bullen allmählich etwas schlechter.

Das liegt vor allem an der Einsicht, dass die Dominanz der ersten Saisonhälfte, in der der Deutsche sechs von acht Läufen gewann, einem scheinbar ausgeglichenen Leistungsniveau an der Spitze gewichen ist. Auf dem Nürburgring waren weder Vettel noch sein Team-Gefährte Webber in der Lage, dem wie entfesselt fahrenden Hamilton zu folgen.

„Wir sind hier geschlagen worden und in dem Rennen davor. Du musst kein Einstein sein, um zu wissen, dass wir weiter hart arbeiten müssen“, betonte Webber, der immerhin als Dritter über die Linie gefahren war. Die Konkurrenz aus England und Italien hat aufgeholt – die entscheidende Frage vor den restlichen Rennen lautet, wie Vettel und Red Bull damit umgehen werden.

"Die anderen wurden immer schneller"

Am Sonntag machte der 24-Jährige schon mal vor, wie der Weg zum sicheren Titelgewinn aussieht: In dem Wissen um die Unterlegenheit seines Autos, fuhr er kontrolliert und ohne ein großes Risiko einzugehen ins Ziel. Der Viertplazierte bekommt immer noch zwölf Zähler, seine Führung in der Gesamtwertung schmolz im Endeffekt nur um drei magere Pünktchen. Trotzdem wurmt Vettel der Gedanke ans Verlieren: „Ich hab mich das ganze Wochenende nicht wohlgefühlt. Wir waren nicht schnell genug. Nach vier, fünf Runden konnte ich nicht mehr mithalten, die anderen wurden immer schneller.“

Um das Dilemma zu verstehen, in dem Vettel nach seiner Siegesserie zu Beginn und der derzeitigen Schwäche-Periode steckt, empfiehlt sich ein Blick zurück in das Jahr 1988. Dort gewannen die McLaren-Honda Piloten Alain Prost und Ayrton Senna 15 von 16 Saisonrennen.

Dennoch eilte der damalige Teammanager Ron Dennis mit wöchentlich steigendem Stresspegel durch das Fahrerlager: „Wenn man ganz oben ist, ist es viel schwieriger, oben zu bleiben, als wenn man hin und wieder verliert. Erst wenn die Crew, die Fahrer, einfach alle diese Aufgabe verstanden haben, kann man dauerhaft erfolgreich sein.“ Eine vergleichbare Situation sieht nun Vettel heraufziehen, wenn er rein prophylaktisch an seine Mechaniker appelliert, den Traum vom zweiten WM-Titel nicht frühzeitig als erfüllt anzusehen.

Wie groß Vettels eigener Ehrgeiz ist, stellte er kürzlich in der britischen TV-Show „Top Gear“ unter Beweis. In einer herkömmlichen Klapperkiste musste er über eine Rennstrecke rasen und wurde bei 100 Kilometern pro Stunde auf seinem Sitz heftiger hin- und hergeschleudert als bei dem dreifachen Tempo in seiner „Kinky Kylie“. Dennoch trat er das Gaspedal bis zum letzten Meter auf das Bodenblech und unterbot unter dem frenetischen Jubel der Studiozuschauer die Bestzeit des Brasilianers Rubens Barrichello.

„Das war ganz schön ungewohnt“, parlierte er nachher in perfektem Englisch. „Da ist keine Boxencrew und auch keine Stimme im Ohr, da muss man alleine schauen, wie weit man kommt. Aber ich denke, dass ich den Umständen entsprechend ganz okay war.“ Diese Episode verdeutlichte eines: Der Siegeswille ist bei Vettel besonders ausgeprägt – ausgeprägter vielleicht als bei manch anderem Formel-1-Fahrer.

Nicht zuletzt dürfte auch der Blick auf die nächsten Rennen die Laune des Titelverteidigers verbessern. Schon am Wochenende gastiert der Formel-1-Zirkus auf dem Hungaroring in Budapest, bevor es in eine vierwöchige Pause geht. Das bedeutet nicht nur eine kurze Zeit des Ärgerns, sondern auch die baldige Chance auf Wiedergutmachung.

Denn anstelle von 15 Grad und Regen wie in der Eifel werden dort 25 Grad und Sonnenschein erwartet – Bedingungen, die dem Red Bull wieder deutlich besser liegen. „Sie werden extrem stark in Ungarn sein, das haben wir vergangenes Jahr gesehen“, prophezeite der Spanier Alonso – 2010 feierte Webber im Red Bull seinen bis dato letzten Sieg.

Doch auch Alonso, der mit zwei zweiten Plätzen und einem Sieg die meisten Punkte in den vergangenen drei Rennen holte, hat wie sein Mitstreiter Lewis Hamilton Morgenluft gewittert: „Es wird eine Herausforderung für uns. Aber wir freuen uns drauf.“