Formel 1

Am Nürburgring dreht sich die Welt nur um Vettel

Erstmals seit seinem Titelgewinn startet Sebastian Vettel beim Großen Preis von Deutschland in seiner Heimat. Eine Spurensuche auf und abseits des Nürburgrings.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Sie zögern noch. Niko Picker ruckelt seinen Campingstuhl ein Stück nach vorn. Er setzt sich so aufrecht hin, wie es ein solches Möbel eben zulässt, verschränkt die Arme und blickt vielsagend seinen älteren Bruder an. Er hätte jetzt auch mit dem Finger auf seine Oma zeigen können, aber stattdessen nickt er mit dem Kopf in ihre Richtung, grinst und verkündet: „Sie will uns bekehren.“ Denn ohne sie, Anja Hadamik, gäbe es diesen kleinen Familienausflug auf den Zeltplatz mit Motorengeheul als Wecker am Morgen nicht. Die 59-jährige Anja ist Fan von Sebastian Vettel . Niko, 15, und Kevin, 18, sind es nicht – noch nicht. Vier Tage im Vettel Fan Camp am Nürburgring, umzingelt von Gleichgesinnten ihrer Großmutter zwischen sieben und 70 Jahren, könnten das ändern. Bisher gehört ihr Formel-1-Herz noch Rekord-Weltmeister Michael Schumacher.

Zwar sitzt der 42-Jährige am Sonntag im Cockpit, wenn der Startschuss zum Großen Preis von Deutschland fällt (14 Uhr/RTL und Sky), aber die Formel-1-Welt hat sich weiter gedreht – und sie dreht sich vor allem um Sebastian Vettel . Zum ersten Mal steht der 24-jährige Red-Bull-Pilot in seiner Heimat als Weltmeister am Start. Und ausgerechnet hier in Deutschland – ob nun in der Eifel oder am Hockenheimring – konnte der Heppenheimer die Sieger-Sause noch nie vom obersten Podestplatz genießen. Das soll sich ändern. Nach neun von 19 Rennen führt er souverän die Gesamtwertung an und kann jetzt seinen siebten Saisonsieg holen. Nirgendwo ist der Druck größer, nirgendwo fiebern so viele Fans mit ihm an der Strecke mit. Der Nürburgring steckt mitten in einer Transformationsphase. Aus Schumiland wird Vettelheim.

Die Brüder und ihre Großmutter hatten es trotz ihrer nur halbstündigen Anreise eilig – sie gehörten zu den Ersten, die in den abgesperrten Bereich mit dem Schild „Reserviert: Sebastian Vettel Fan Camp“ von den Ordnern hineingelassen wurden. Wer Zeit hat, stimmt sich eben so früh wie möglich auf den Rennsonntag ein. Es ist Donnerstag, 19 Uhr, als die drei entspannt vor ihrem großen Iglu-Zelt die Raviolidose öffnen. Lautes Schlagergejaule dringt aus den Boxen 100 Meter entfernt herüber, noch lauteres Techno-Geballer von einem anderen Campingplatz.

Auf sämtlichen Wiesen konkurrieren die Besucher schon jetzt um die lauteste Musikanlage sowie den schlechtesten oder besten Musikgeschmack zwischen Schlagern, 80er-Hits, Elektro oder Rock. Dazu überall der Geruch von gegrillten Würstchen. Und wer nicht gerade das Fleisch über dem Grillrost wendet, öffnet ein Bier. Und danach noch eines. Wer Musikfestivals gewohnt ist, hat hier keine Akklimatisierungsprobleme.

Etwa 10.000 Formel-1-Fans verwandeln das Rennwochenende auf den Campingplätzen rund um die Strecke in eine einzige riesige Party. 500 von ihnen haben sich mit Zelten und Wohnwagen im Vettel Fan Camp eingenistet. Sie haben an der Strecke sogar ihre eigene Tribüne. Fünf Gehminuten entfernt.

Bei manchen – wie bei Anja Hadamik, Niko und Kevin – geht es etwas ruhiger zu, aber nicht mit weniger Vorfreude. Die drei sind geübte Formel-1-Touristen. „Beim ersten Mal“, scherzt die Oma über ihren älteren Enkel, „mussten wir noch aufpassen, dass er nicht durch die Stuhlreihen fällt.“ Bald gesellt sich Max aus Mönchengladbach zu ihnen und ihrem Ravioli-Topf. Viel geredet hat die 59-Jährige bis dahin nicht – jetzt aber geht es um Formel 1, um Vettel, um sein Talent. „Er sieht ja noch jünger aus, als er ist. Wie macht er das nur – das fragt man sich“, sagt sie, und erwartet eigentlich keine Antwort.

Auch aus anderen Zelt- und Wohnwagenburgen abseits des Fan-Camps ragen Red-Bull-Fahnen – aber das Fan-Camp ist das Herz der Vettel-Anhänger. Am Freitagnachmittag rollt ein alter blauer Bus gemächlich auf die Wiese. Über der Frontscheibe prangt in großen Buchstaben: „Vettelheim“ – die inoffizielle Bezeichnung von Vettels Geburtsort Heppenheim seit dem WM-Titel. Die Stadtgrenzen dehnen sich an diesem Wochenende bis zum Nürburgring aus. Und der wiederum vereint Menschen aus den verschiedensten Ländern – auch im Vettel-Camp. Anna Alperovich, 25, hat sich sogar extra aus Russland auf den Weg gemacht – ganz alleine.

„Ich liebe Deutschland, es war immer mein Traum, ein Formel-1-Rennen zu sehen, und ich bin Vettel-Fan“, sagt sie und zupft ihre Red-Bull-Mütze zurecht. Dass nun aber an jedem Zelt auf diesem Extra-Camp eine Red-Bull-Fahne weht, aus jedem Wohnmobil ein in Fan-Kleidung gewandeter kleiner oder großer Vettel-Klon klettert, bleibt bloße Vorstellung. Auf jedes dritte Schlafgemach, jede dritte Person trifft das vielleicht zu. Ein bisschen Unterstatement eben. Aber genau das passt gut zu Vettel selbst.

Der reiste schon am Mittwoch zu seinem Fünf-Tage-Mammut-Programm mit PR-Terminen, Pressekonferenzen, Treffen mit Fans und ja, auch sportlichen Verpflichtungen. Verdreifacht haben sich die Anfragen seit seinem WM-Titel, selbst Wünsche nach persönlichen Hochzeitsgrüßen per Video sind darunter. Die hat er hier nicht zu erfüllen, aber sein Zeitplan lässt kaum Lücken. Mittwochabend reiste Vettel nach PR-Terminen vom Nürburgring sogar noch mal gen Frankfurt, um bei einem Benefizspiel zu kicken.

Für den 6:2-Sieg seiner Mannschaft setzte sich Vettel nach stundenlangen Presseterminen und Filmaufnahmen in einen Helikopter. Noch in der Nacht ging es wieder zurück zum Nürburgring. Der Terminplan am nächsten Tag: Teammeetings, Pressekonferenz, TV-Interviews, Preisverleihung des Deutschen Motor Sport Bundes, Kinderbesuch in der Box, Fotoshooting für einen Sponsor und das Grillfest der Formel-1-Branche.

Trotz des Stresses nimmt er sich Zeit für die wachsende Anhängerschaft. Am Mittwoch fuhr er im Auto von der einen Ecke des Nürburgrings zur anderen. Als er am Straßenrand von Fans entdeckt wurde, hielt Vettel an und gab aus dem Auto heraus Autogramme. Dass er sich dabei schon mal verquatscht und der nächste Termin eng wird, kommt vor.

Zu Höhenflügen setzt er auch bei der Pressekonferenz am Donnerstag nicht an. Wie ein kleiner Junge hockt er da neben dem aufrecht sitzenden Schumacher, redet und lacht mit seinem Vorbild, wenn gerade mal keine Frage an ihn gerichtet wird – was eher die Seltenheit ist. Die meisten Fragen – sie gehen an Vettel. Das lauteste Klacken der Kameraauslöser der mehr als 40 Fotografen – wenn Vettel lacht oder redet. Seine Stimme kommt manchmal kaum dagegen an. Als er dann von den „großen Fußstapfen“ erzählt, die Michael Schumacher hinterlassen habe, hakt der Altmeister selbst ein und sagt: „Wo wir von Füßen reden: Sebastian und ich haben in etwa die gleiche Größe.“ Darauf fällt dem kleinen, großen Weltmeister dann nichts mehr ein.

Dennoch, auf einen Sockel heben lassen will er sich nicht. Der 24-Jährige hält es beim Thema Fan-Liebe am Nürburgring auch eher mit Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone, der sagt: „Das ist Vettel- und Schumacher -Land. Zwei Weltmeister aus einem Land bei einem Heim-Grand-Prix – das ist einmalig.“ Es gebe da schon noch sehr viele rote Käppis, will Vettel festgestellt haben, und das sei gut so, schließlich könne nicht jeder gleich auf Silber umrüsten. Mercedes-Silber, Schumachers Arbeitgeber seit seinem Comeback, kann sich im Farbenmix der Campingwelt in der Tat nicht etablieren. „Wenn hier und da ein bisschen Blau für Red Bull dabei ist, ist das auch schön“, sagt Vettel.

Pure Untertreibung. Red-Bull-Blau hat Ferrari-Rot nicht nur auf der Strecke, sondern auch abseits überholt. Und auch die Ferrari-Enkel von Oma Hadamik machen den Trend vielleicht bald mit. „Unter Umständen lassen wir uns bekehren“, sagen Kevin und Niko, „wenn Vettel hier ein klasse Kopf-an-Kopf-Rennen gewinnt, das richtig schwierig für ihn ist.“