Formel 1

Auch ohne "Hot Blow" rast Red Bull vorn weg

Auch die neuen Regeln können das Auto von Sebastian Vettel in Silverstone nicht stoppen. McLaren fährt abgeschlagen hinterher, Ferrari ist überraschend stark.

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Für gewöhnlich sorgt das Wetter mit seinen Kapriolen in Silverstone für reichlich Gesprächsstoff. Mehr oder weniger elegante Rutschpartien und die Regenkünste der Formel-1-Fahrer stehen im Fokus.

Die angespannten Mienen vor allem beim Team von Red Bull und das hektische Treiben am Samstag vor dem Qualifying zum Großen Preis von Großbritannien hatten aber nichts mit dem typischen, wechselhaften englischen Sommerwetter zu tun. Ein heftiger Streit war entbrannt.

Es ging um Politik, um Fairness, um Regeln – um technische Details, die der Automobil-Weltverband Fia innerhalb kurzer Zeit gleich dreimal geändert hatte.

Vor allem bei Sebastian Vettel und seinem Red-Bull-Team war der Ärger wegen der kurzfristigen Regeländerung groß. Sie fühlten sich benachteiligt und sollen überlegt haben, das Training am Samstagvormittag zu boykottieren. Doch scheinbar unbeeindruckt von dem Trubel – oder vielleicht dadurch umso motivierter – dominierten die Red-Bull-Fahrer einmal mehr in dieser bisher so einseitigen Saison.

Weltmeister Vettel musste dieses Mal jedoch seinem australischen Teamkollegen Mark Webber mit 32 Tausendstelsekunden den Vortritt lassen. „Ich habe mich kurz vor der Ziellinie verschaltet. Wäre das nicht passiert, hätte es wohl gereicht“, sagte Vettel. Webber startet also von der Pole au s (14 Uhr/RTL und Sky). „Es ist aber schön zu sehen, dass wir noch vorne stehen und die Sache im Griff haben“, sagte Vettel.

Auf Platz drei fuhr Ferrari-Pilot Fernando Alonso, während die McLaren-Fahrer enttäuschten. Dabei wollten gerade sie bei ihrem Heimrennen an der Vormachtstellung von Red Bull kratzen. Lewis Hamilton wurde nur Zehnter, Jenson Button steht auf Platz fünf.

Paroli können sie Vettel im Kampf um den WM-Titel wohl nicht mehr bieten – dazu ist wohl nur Teamkollege Webber in der Lage. Dabei hatte doch gerade McLaren große Hoffnungen in die aktuellen Regeländerungen gesetzt.

Der Gewinner aber ist neben Red Bull ist vielmehr Ferrari. „Normalerweise liegen wir im Qualifying eine Sekunde hinter Red Bull. Hier ist der Abstand auf 0,1 Sekunden geschrumpft“, sagte Alonso. Für Ferrari-Rennleiter Stefano Domenicali beginnt die Saison jetzt erst richtig.

Der Italiener bezeichnet „die zehn Grand Prix ab dem Rennen am Sonntag als zweite Weltmeisterschaft in einer Saison“. Der Spannung wäre dies zuträglich, ist die Königsklasse bislang doch zu einem einseitigen Wettbewerb mutiert: Von acht Grand Prix hat Red Bull sechs gewonnen, und bei allen Rennen stand das Team auf Startplatz eins. Das Establishment der Branche hechelte meistens chancenlos hinterher.

Ab Silverstone, so hoffte die Konkurrenz, würde eine Regeländerung das Bild verschieben. Das Verbot des so genannten „Hot Blow“-Auspuffsystems sollte die Dominanz der Red-Bull-Renner brechen oder sogar beenden.

Das System, angeblich von Red Bull perfektioniert, brachte beim Abbremsen aerodynamische Stabilität. Als fragwürdig gilt die Entscheidung, mitten in der Saison einen technischen Eingriff oder eine Regeländerung, vorzunehmen, sowieso.

Nur zweimal in der modernen Formel-1-Geschichte gibt es vergleichbare Fälle. 1969 wurden vor dem Grand Prix in Monte Carlo die übergroßen, breiten und deshalb extrem zerbrechlichen hohen Heckflügel verboten.

Nach dem Grand Prix von Schweden wurde 1978 eine Art Staubsaugergebläse im Heck eines Brabham verboten. Das System hatte den Renner durch einen künstlichen Unterdruck wie einen Saugnapf regelrecht auf die Rennpiste gedrückt. Beide Male wurde das schnelle Verbot wegen Sicherheitsbedenken ausgesprochen. Diesmal liegt die Interpretation nahe, Vettels Team solle eingebremst werden.

Grundsätzlich sind durch Auspuffgase angeblasene Flügel, Diffuser oder Unterböden, heute branchenintern als „Cold Blow“ beschrieben, schon seit 1983 im Grand-Prix-Sport eine bekannte Methode.

Zum ersten Mal wurde das System beim Grand Prix von Monte Carlo 1983 in einem Renault eingesetzt. Niemand protestierte oder erhob Einspruch gegen den Versuch, durch den Anpressdruck der Auspuffgase die Straßenhaftung bei Formel-1-Rennwagen zu maximieren.

Das jetzt verbotene „Hot Blow“-System war eine Verbesserung des alten und erst kürzlich von Renault erdacht worden. Dabei wird, obwohl der Fahrer seinen Gasfuß hebt, weiter Benzin in den heißen Auspuff gepumpt.

Dort explodiert es und produziert weiter Auspuffgase, die die Bodenhaftung des Autos verbessern. „Laut Fia-Artikel 3.15 ein eindeutiger Eingriff des Fahrers auf die Aerodynamik“, stellt Fia-Rennleiter Charlie Whiting fest.

Für zusätzliche Ungewissheit und Verwirrung sorgte vergangene Woche Red-Bull-Teamchef Christian Horner. „Wir haben aus Gründen der Motor-Zuverlässigkeit und eines höheren Benzinverbrauch das „Hot-Blow“-System, im Gegensatz zur Konkurrenz, noch nie angewendet“, sagte er mit süffisantem Lächeln. Wäre das der Fall, dann hätte das plötzliche Verbot sogar eine beflügelnde Wirkung gehabt.

Als nun aber am Samstagvormittag so kurz vor dem Qualifying wieder etwas Neues verkündet wurde, verging ihm das Lachen. Eine Krisensitzung musste her. Allgemein gesagt, ging es um eine Einstufung der Motorsteuerung.

Der seit Wochen andauernde Zick-Zack-Kurs endete – vorerst jedenfalls – damit, dass Red Bull am Sonntag den Motor umstellen muss. Gerüchte besagen, dass dies auf eine Intervention von Mercedes zurückgehe.

Umso größer war die Genugtuung für Horner nach dem Qualifying. „Es war ein fantastischer Auftakt“, sagte er – und blickte wieder etwas entspannter als noch am Vormittag. Denn festzuhalten bleibt: Die Regeländerungen haben ihre Wirkung gezeigt, Profiteur war Ferrari. Aber Red Bull hat seine Spitzenstellung nicht eingebüßt.