Formel 1

Button und Hamilton setzen auf Patzer von Vettel

Vor dem Heimrennen in Silverstone gibt sich Jenson Button bescheiden. Red-Bull-Chef Mateschitz beendet Wechselgerüchte: "Der Hamilton-Coup ist eine Ente von A bis Z."

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Sein eigener Fall macht Jenson Button die größte Hoffnung. Vor zwei Jahren hatte der Brite sechs von den ersten sieben Rennen gewonnen. Der Brawn-GP-Bolide, der den Briten von Sieg zu Sieg trug, war den restlichen Autos im Feld turmhoch überlegen, die Saison schien schon nach der Hälfte entschieden.

Dann reiste Button zum achten Lauf nach Silverstone, bekam während des gesamten Rennens seine Reifen nicht auf Temperatur und musste mehr oder weniger hilflos mit ansehen, wie seine Erfolgsserie krachend riss.

Er wurde nur Sechster, es war der Beginn der Aufholjagd seiner Konkurrenten, und am Ende wurde es noch einmal spannend im Kampf um den WM-Titel. Jetzt, da die Formel-1-Karawane zur Saisonhalbzeit in Silverstone Station macht, wünscht Button Sebastian Vettel ein ähnliches Schicksal.

Natürlich würde er das nie so deutlich sagen. Button ist Brite und dem Gentleman-Kodex verpflichtet, also formuliert er: „Wir wollen einen guten Job machen und ihn herausfordern.“ Mit wir meint er seinen McLaren-Rennstall, für den er inzwischen fährt, und natürlich seinen Team-Kollegen Lewis Hamilton .

Button hat 77 Zähler Rückstand auf Titelverteidiger Vettel, der dem restlichen Feld nun davon geeilt ist wie der Brite anno 2009, Hamilton sogar 89. Dennoch hoffen beide vor dem Heimspiel vor 100.000 Fans mehr als bei anderen Rennen auf einen Ausrutscher des Deutschen, der gleichsam der Beginn einer Aufholjagd bedeuten und die Saison vor der totalen Langeweile im Titelkampf bewahren könnte. Und sie hoffen nicht ohne Grund.

Erstmals tritt beim Großen Preis von Großbritannien die Regeländerung des Automobil-Verbandes Fia in Kraft. Fortan ist der Einsatz der Zwischengas-Technologie verboten, die als einer der Garanten für die Vettels Siegfahrten gilt. Der Titelverteidiger wird seinen Stil an die Veränderungen anpassen müssen. Button und Hamilton, die einzigen beiden Piloten, die ihn in dieser Saison besiegen konnten, wähnen ihre Chance gekommen.

„Ich kann nur hoffen, dass sich diese Veränderungen für uns auszahlen. Ein Sieg wäre überirdisch, aber schon ein Podium wäre etwas Besonderes“, sagte Button mit der Bescheidenheit des Gentlemans. Sein Stallgefährte Hamilton ist zwar auch Brite, doch er schlug im Interview mit der „FAZ“ ganz andere Töne an: „Unser Ziel ist Platz eins und zwei. Auch Sebastian macht Fehler. Ich spüre die Hoffnung, dass die Jungs in der Fabrik noch irgendetwas finden und wir jedes verdammte Rennen gewinnen.“

Hamiltons aggressiver Fahr- und Kommunikationsstil hatte ihm unlängst Kritik eingebracht, nun konterte der Gescholtene gelassen: „So ist das halt. Du wirst von allen geliebt, solange du deine Sache gutmachst und die Rennen gewinnst.“

Siege allein werden McLaren diesmal wohl nicht reichen. Es bräuchte für einen spannenden zweiten WM-Abschnitt zudem einige Ausfälle Vettels, der allen Fragen nach dem Zeitpunkt seines vorzeitigen Titelgewinns gelassen begegnet.

„Klar klafft eine große Lücke zwischen mir und anderen Fahrern“, sagte der jüngste Formel-1-Weltmeister der Geschichte. „Aber ich bleibe vorsichtig und werde nicht großspurig. Ich weiß aus dem letzten Jahr, wie schnell die Dinge sich ändern können.“

Damals hatte er erst beim letzten Rennen in Abu Dhabi die Klassement-Führung übernommen. 2009 führte Button umgerechnet sogar mit 82 Punkten Vorsprung. Am Ende rettete er läppische elf davon ins Ziel, weil der anfangs noch so überlegene Brawn GP plötzlich unzuverlässig wurde.

Aus diesem Grunde setzt Button am Wochenende auch auf das in dieser Hinsicht zuverlässige britische Wetter. „Es tut mir leid für alle Fans auf den Tribünen, aber für uns wäre wohl Regen das Beste“, sagte Button. Auf trockenem Asphalt sei dem Red Bull hingegen kaum beizukommen. Im Freien Training am Freitag landete Vettel nur auf Rang 13 – auf regennasser Strecke.

Hamilton wurde bei diesem ersten Warm-up, das etwas überraschend Michael Schumacher dominierte, immerhin Achter, musste dafür aber einen anderen Rückschlag wegstecken. Denn Red-Bull-Konzernchef Dietrich Mateschitz dementierte gestern alle Gerüchte über einen Wechsel von Hamilton aufs Deutlichste: „Von der Transfer-Idee stimmt nichts, auch nicht irgendwas“, sagte Mateschitz der „Kronen Zeitung“ in Österreich.

Der Hamilton-Coup sei „eine Ente von A bis Z“, eine Erfindung – und von Red Bull nicht einmal angedacht. Mateschitz vermutet, dass Hamilton selbst mit der ganzen Geschichte vielleicht öffentliche Akzente setzen wollte.

„So etwas passiert doch immer wieder bei Spitzenfahrern in der Formel 1, die momentan mit sich oder dem Auto nicht zufrieden sind“, sagte der Österreicher. Es deutet nun viel darauf hin, dass der Australier Mark Webber und Vettel auch in der kommenden Saison das Red-Bull-Duo bilden. Button und Hamilton sollten für 2012 vorsorglich schon mal Regen in Silverstone bestellen.