Formel 1

Silverstone ist letzte Chance für Vettel-Konkurrenz

McLaren und Ferrari wollen die Dominanz von Red Bull endlich beenden: Siegt Sebastian Vettel auch in Silverstone, droht der Formel 1 endgültig die große Langeweile.

Genau 361 Tage ist es her, dass Sebastian Vettel den internen Machtkampf bei Red Bull gewann. Vor dem Großen Preis von England installierten die Mechaniker den letzten verbliebenen Frontflügel am Wagen des Deutschen und nicht am Boliden Mark Webbers – die Hierarchie im Team war fortan klar. Der Australier gewann zwar das Rennen, vier Monate später aber war Vettel Weltmeister.

Wenn die Formel 1 am Wochenende auf die Rennstrecke in der englischen Grafschaft Northamptonshire zurückkehrt, sind die Vorzeichen freilich anders: Vettel ist der Gejagte, und sein Verfolger Webber sagt: „Wenn wir es schaffen können, Sebastians Lauf zu stoppen, ist das mein nächstes Ziel.“

Er hätte auch sagen können: Es ist die letzte Chance, die diesjährige Formel-1-Saison noch zu einer spannenden zu machen. 77 Punkte beträgt der Vorsprung des Hessen nach neun von 19 Saisonläufen vor Webber und McLaren-Pilot Jenson Button. Englische Wettbüros nehmen schon Wetten an, wie viele Rennen vor Saisonende Vettel den WM-Titel erobern wird. Für Button und den fünftplazierten Fernando Alonso (Ferrari/99 Zähler Rückstand) wird das Rennen in Silverstone daher zum Nadelöhr für die zweite Saisonhälfte: Schaffen Sie es, die Dominanz von Red Bull zu beenden, könnten sie zur großen Aufholjagd ansetzen. Gelingt es ihnen nicht, verbleibt Webber als einzig ernsthafter Konkurrent Vettels, wobei das vielleicht die falsche Bezeichnung für einen Piloten ist, der umgerechnet drei Rennsiege Rückstand auf den Führenden hat.

Die Chancen, dass Alonso oder den McLaren-Fahrern Button und Lewis Hamilton bei deren Heimspiel der Gegenschlag gelingt, scheinen besser als bei den bisherigen Rennen. In Silverstone verbietet der Automobil-Weltverband Fia erstmals den Einsatz von künstlichem Zwischengas, um den Diffusor besser anströmen und somit die Energie in mehr Geschwindigkeit auf der Strecke umzusetzen zu können. Das war einer der Gründe für die beeindruckende Siegesserie von Vettel, der bisher sechs von acht Rennen gewonnen hat. In der Konstrukteurswertung liegt Red Bull schon jetzt quasi uneinholbar vor McLaren (89 Punkte Rückstand).

„Ich denke, die meisten Topteams werden ein bisschen von ihrer Performance verlieren“, sagt Mercedes-Teamchef Ross Brawn: „Alle Teams werden ein paar Defizite haben, und wir alle arbeiten schon an der Aerodynamik, um einen Teil der verlorenen Leistungsfähigkeit zurückzugewinnen.“ Drei bis fünf Zehntelsekunden werden die Fahrer pro Runde langsamer sein, glaubt Brawn. Wenn Vettel auch von dieser Regeländerung nicht zu stoppen ist, dann wird er seinen WM-Titel mit großer Wahrscheinlichkeit verteidigen, da sind sich alle einig. „Es ist unser aller Aufgabe, nicht nur meine, alles zu versuchen, um ein paar andere Rennsieger zu haben“, sagt Webber.

Vettel wirkte bisher unantastbar. Wie aber reagiert der Unantastbare, wenn er auf einmal besiegt wird? Nach dem Großen Preis von England folgen auf den Kursen Nürburgring, Spa-Francochamps/Belgien und Monza/Italien weitere selektive Läufe. Allein eine Serie von Ausfällen, so scheint es derzeit, könnte Vettels Vorsprung in ausreichendem Tempo schwinden lassen.