Formel 1

Vettels Spazierfahrt könnte sich bald wiederholen

An der Reihenfolge der Topteams hat sich über den Winter nichts geändert. Auch in zwei Wochen in Malaysia wird Sebastian Vettel wahrscheinlich dominieren.

Für die Ansprache über Boxenfunk hatte sich Sebastian Vettel offenbar etwas vorgenommen. Er klang abgeklärt und ruhig, ganz anders als bei seinem Gefühlsausbruch beim Saisonfinale 2010, als er im Cockpit mit tränenerstickter Stimme seinen Dank ans Team übermittelt hatte. Also funkte Vettel im Stakkato: „Fantastisches Rennen. Vielen Dank. Sehr cool. Exzellentes Auto. Exzellente Stopps.“ Dann noch ein ganzer Satz, der ihm wichtig war: „Wir haben heute eine Menge gelernt, behaltet das im Kopf.“

Auf die Lobrede konnte sich der Red-Bull-Pilot gedanklich lange vorbereiten. Am Samstag deutete sich nach einer klar gewonnen Qualifikation an, dass es beim Grand Prix von Australien eine Spazierfahrt werden könnte. Tatsächlich geriet sein Sieg am Sonntag kaum in Gefahr: Platz eins mit über 22 Sekunden Vorsprung auf Lewis Hamilton im McLaren. Überraschend stark hielt sich Witali Petrow. Der Renault-Pilot, der vergangenes Jahr eher als Bruchpilot aufgefallen war, bevor der Russe im Saisonfinale Fernando Alonso WM-entscheidend aufgehalten hatte, erkämpfte erstmals einen Podestplatz. Wieder zeigte er dem spanischen Doppelweltmeister den Heckflügel; der Ferrari-Mann wurde Vierter.

Über 60.000 Testkilometer legten die Rennställe im Februar und März zurück, um ihre neuesten Kreationen auf der Rennstrecke auszuprobieren, sie tüftelten mit dem verstellbaren Heckflügel, dem Energierückgewinnungsystem Kers und den neuen Reifen. Die Gummiwalzen galten als größter Unsicherheitsfaktor, Kers und der Heckflügel sollten das Überholen erleichtern. Aber als die ersten Runden in Melbourne gefahren waren, legte sich die Aufregung. Die Reifen hielten viel länger als befürchtet, die Topteams kamen mit zwei Reifenwechseln über die Runden – vor Wochen hatte es geheißen, mindestens vier Stopps seien Pflicht.

Auch führte der abklappbare Heckflügel nicht zu einer Inflation von Überholmanövern. Kaum ein Fahrer konnte allein dank des scharf gestellten Spoilers auf der Start- und Zielgeraden am Vordermann vorbeiziehen. Und Red Bull war ganz ohne Einsatz von Kers schnell. Es wird gemunkelt, dass die Weltmeister auf das sperrige Batteriesystem ganz verzichten oder nur eine abgespeckte Version für Strecken mit langen Geraden an den Start bringen.

Auf die Hierarchie aus dem Vorjahr hatten die Regeländerungen ohnehin keine Auswirkungen. Die Abstände sind über den Winter in etwa gleich geblieben. Red Bull verfügt seit vergangenem Herbst über das schnellste Auto, dahinter mühen sich McLaren und Ferrari um Anschluss. Beim Grand Prix von Malaysia in zwei Wochen dürfte sich an der Reihenfolge kaum etwas ändern. Die Autos werden direkt zur nächsten Tourneestation der Formel 1 am 10. April verschifft.

Für Vettel begann der Tag seines elften Grand-Prix-Siegs schwungvoll. Er durfte im Fahrerlager einen Mann kennen lernen, der für ihn „eine Legende“ ist: Walter Röhrl (64), Rallye-Weltmeister von 1980 und 1982. Danach warf er Ex-Pilot und BBC-Kommentator David Coulthard eine Torte ins Gesicht – der Schotte wurde am Sonntag 40 Jahre alt. Nach dem Rennstart konnte sich Vettel gleich absetzen und fuhr schnell einen Vorsprung von drei Sekunden auf Hamilton heraus.

Er hielt den Abstand auf den Champion von 2008, bis die Reifen mehr und mehr abbauten. Es war die einzige brenzlige Situation für den 23 Jahre alten Deutschen, denn der Brite kam bis auf eine Sekunde heran. Der Boxenstopp in Runde 16, „war das richtige Timing“, fand Vettel, „ich hätte nicht noch mehr Runden fahren können“. Hamilton übernahm die Führung, aber dahinter konnte Vettel McLaren-Mann Jenson Button überholen. Der Red-Bull-Star lag nach Hamilton Stopp wieder vorn.

Vettels Teamkollege Mark Webber erlebte ein enttäuschendes Heimspiel. Der Australier, der von Rang drei gestartet war, kam nicht über Platz fünf hinaus – mit 38 Sekunden Rückstand auf Vettel im gleichen Auto. „Es hat etwas am Fahrwerk nicht gestimmt“, vermutete Motorsportchef Helmut Marko. „Mark Webber hatte das ganze Wochenende Probleme.“ In der Qualifikation hatte Webber auf seinen Stallgefährten acht Zehntelsekunden in der entscheidenden Runde eingebüßt. Immerhin wiederholte Webber seine beste Platzierung in Melbourne, den fünften Platz von 2002.

Force-India-Pilot Adrian Sutil rückte nachträglich noch von Rang elf auf Platz neun vor und bekam zwei WM-Punkte, da die beiden ursprünglich auf Platz sieben und acht gelandeten Sauber-Piloten Sergio Perez und Kamui Kobayashi wegen nicht regelkonformer Heckflügel aus der Wertung genommen wurden. Sauber erwägt, gegen die Entscheidung des Automobil-Weltverbandes Fia Protest einzulegen. James Key beteuerte, dass es keinen technischen Vorteil gegeben habe.

Was das Design angeht, geht der Trend in der Formel 1 zum Vereinfachen. McLaren ersetzte ein verschwurbeltes Auspuffsystem kurz vor Saisonstart durch eine herkömmliche Bauart. „Es gab Mängel bei der Zuverlässigkeit“, gab Teamchef Martin Whitmarsh im Interview mit der „Morgenpost Online“ zu. „Unsere Ingenieure waren kreativ, aber das Konzept war in seiner Dimension nicht so praktikabel.“ Auch Designidol Adrian Newey verzichtete beim Entwickeln des Red Bull auf extravagante Formen, mal abgesehen von der Heckpartie. Die soll nach Ansicht Vettels ja recht knackig sein und führte zum schlüpfrigen Spitznamen des Red Bull „Kinky Kylie“. Die Gute hat schon jetzt das Zeug zum Klassiker.