Formel 1

Wie Vettel und Red Bull die Konkurrenz abhängten

Weltmeister Vettel fährt in Melbourne deutlich schneller als alle anderen. Sein Red-Bull-Team deklassiert die Konkurrenz mit einem einfachen Trick.

Foto: AP / AP/DAPD

Zu einem Weltmeister im Cockpit gehört immer ein kluger Kopf am Kommandostand. Jenson Button wurde 2009 überraschend zum Champion gekürt, weil Formel-1-Superhirn Ross Brawn einen technischen Kniff am Unterboden seiner Rennwagen anwendete, Michael Schumacher raste 1994 und 1995 mit sehr dünner Bodenplatte und elektronischer Starthilfe in seinem Benetton zum Titel, damals unter dem gerissenen Teamchef Flavio Briatore.

Jedes Jahr loten Ingenieure und Designer mit ihren Konstruktionen die Grenzen des Reglements neu aus. Oft stoßen sie dabei in Grauzonen vor. Dann muss der Automobilweltverband Fia nach Protesten der Konkurrenz entscheiden, ob das Auto legal ist oder nicht.

Der letzte Schrei aus dem Designstudio von Red Bull dagegen dürfte ohne Beanstandungen durchgehen. Das Geheimnis der roten Bullen in dieser Saison könnte sein, dass sie dort abgespeckt haben, wo andere mühevoll aufgerüstet haben: am Hybridsystem Kers.

In der Theorie soll der Fahrer mit dem Kinetic Energy Recovery System Knopfdruck pro Runde für etwa sechs Sekunden 82 zusätzliche Pferdestärken abrufen. Die Energie wird durch das Bremsen gewonnen und in Akkus gespeichert.

Als Sebastian Vettel nach Platz eins in der Qualifikation zum Großen Preis von Australien (Sonntag, 8 Uhr MESZ, RTL und Sky) aufgekratzt Fragen beantwortete, wurde er beim Thema Kers plötzlich wortkarg. Er und später auch Teamkollege Mark Webber auf Platz drei mussten zugeben, dass sie den Kers-Knopf gar nicht betätigt hatten. „Das System war nicht aufgeladen“, wiegelte Vettel ab, während Webber „teaminterne Gründe“ anführte. Teamchef Christian Horner sprach von „strategischen Gründen“.

Sofort erging sich die Branche in Spekulationen. Red Bull setze Kers angeblich nur am Start ein. Das könnte sich als großer Coup erweisen, wenn sich die Konkurrenz von Ferrari, McLaren und Mercedes den gesamten Testbetrieb über mit dem 20 Kilogramm schweren Batteriesystem abmühte, während Red Bull erkannte, dass der Leistungsgewinn durch Kers marginal ist verglichen mit dem Handicap des Ballasts durch den Akku. Ein Kers-System nur für den Start braucht weder eine aufwendige Kühlung noch eine schwere Batterie. Pfiffikus Horner deutete gegenüber dem Fachblatt „Autosport“ an: „Für alles, was wir tun, gibt es einen Grund.“

Bereits bei den Testfahrten machte Red Bull ein großes Geheimnis um Kers. Niemand sollte erfahren, wo im Auto das System platziert war. Weil es das gar nicht gab? Bei der Einführung 2009 brachte die von Mercedes entwickelte Technik die Ingenieure fast aller Rennställe zur Verzweiflung, zur Saisonmitte wurde Kers dann sogar ausrangiert.

Es kann der große Bluff gewesen sein, als die Teams vom 1. Februar bis 12. März zum Testen ausrückten, insgesamt 13.615-Mal die Kurse von Valencia, Jerez oder Barcelona umrundeten und an 17 Tagen insgesamt 60.823 Kilometer zurücklegten. Wie immer war die Aussagekraft der Rundenzeiten gering, weil keiner taktischen Zwängen unterlag. Mercedes überraschte mit schnellen Runden zum Abschluss der Probefahrten in Barcelona. Da schien es schon, als hätte Michael Schumacher zu Beginn der zweiten Saison seiner zweiten Karriere einen seiner schlimmsten Rückschläge überwunden. Im Vorjahr gewann der siebenmalige Weltmeister nicht ein Rennen und wurde vom Teamkollegen Nico Rosberg übertroffen.

Beim Saisonauftakt in Melbourne sollte sich alles zum Besseren kehren. Allein: Nach der Qualifikation sieht es nicht danach aus. Schumacher wurde Elfter, über zwei Sekunden hinter Vettel. Noch schlimmer: Teamkollege Rosberg rangierte vier Plätze vor dem Altmeister. „Ich muss zugeben, dass ich enttäuscht bin“, sagte Schumacher. „Wir haben nicht das Maximum herausgeholt.“ Das Resultat entsprach eher seiner Einschätzung in der Vorwoche. Da begann er; „von einem hochkomplexen, sehr kompetitiven und sich ständig verändernden Sport“ zu sprechen. „Da kann man nicht erwarten, dass die Dinge immer nach Wunsch laufen. Wichtig ist, sich nicht beirren zu lassen und konzentriert zu arbeiten.“

Vor bösen Überraschungen ist niemand gefeit. Auch der Auftakt von Renault verlief nach verheißungsvollen Tests enttäuschend. Nick Heidfeld landete auf Rang 18. Ferrari blieb mit Fernando Alonso (Platz fünf) und Felipe Massa (acht) hinter den Erwartungen zurück. Die Vorbereitungen verliefen reibungslos, aber wie 2010 hat das Auto Probleme, die Reifen in der Kürze der Qualifikation auf Betriebstemperatur zu bringen. Zumal es am Samstag im Albert Park mit 16 Grad frischer als erwartet war. Für das Rennen rechnete sich Alonso mehr aus: „Wir kämpfen um die Podestplätze.“

Vielleicht ist es auch so wie Ex-Rennfahrer David Coulthard vermutet. „Die Startaufstellung wird dieses Jahr weniger wichtig sein“, schrieb der Schotte im „Daily Telegraph“. Ein falsch abgepasster Reifenwechsel könne ein ganzes Rennen ruinieren.

Die tückischen neuen Pirelli-Reifen verschleißen zwar nicht so schnell wie erwartet, aber mit drei bis vier Stopps wird jeder Fahrer zu rechnen haben. Das veranlasste Mercedes-Mann Ross Brawn zu dem Schluss: „Nicht das schnellste Auto wird die WM entscheiden, sondern das klügste Team.“ Pirelli will das Material ständig weiterentwickeln. „Wir beanspruchen nicht für uns, über Nacht die Formel-1-Experten schlechthin zu sein“, sagte Motorsportchef Paul Hembery wenig beruhigend: „Wir sind hier, um die Show zu unterstützen.“

Es soll also mit aller Macht spannend werden, auch für Vettel. Im teaminternen Duell droht Mark Webber immer mehr abzufallen. Vettel deklassierte den Australier in der Qualifikation mit einem Vorsprung von Achtzehntelsekunden. „Ich kann mir den Abstand auch nicht erklären“, entfuhr es Teamchef Horner. Es wird ihn darin bestärken, dass Webber nur Ergänzungsfahrer ist.

Über den Winter besiegelte Red Bull die weitere Zusammenarbeit mit allen wichtigen Weltmeister-Machern. 34 Verträge wurden verlängert, darunter die von Sebastian Vettel und Technikchef Adrian Newey. Mark Webber wurde vertröstet. Er muss sich erst bewähren.

Vettel aber ist mit mehr Erfahrung, einem zuverlässigeren Auto als 2010 und dem Clou mit Kers nicht aufzuhalten. "Das ist der Weg zur Weltmeisterschaft“, sagte Niki Lauda und zog schon nach der ersten Zeitnahme der Saison sein neuerdings blaues Kapperl. „Wer über seine Sekunde Vorsprung hat, dürfte nur schwer einzuholen sein.“