Formel 1

Weltmeister Sebastian Vettel will kein Vorbild sein

Im Interview auf Morgenpost Online spricht der amtierende Formel-1-Champion Sebastian Vettel über Popularität, Stress und seinen Helden Michael Schumacher.

Morgenpost Online: Sie haben mit 19 Jahren in der Formel 1 debütiert, ein Jahr später gewannen Sie 2008 Ihr erstes Rennen. In der darauffolgenden Saison waren es schon vier Siege, und im Vorjahr holten Sie Ihren ersten WM-Titel. Haben Sie manchmal Angst davor, dass es für Sie nicht immer weiter nach oben gehen kann?

Sebastian Vettel: Ich schaue nicht auf meine Karriere zurück und denke: Toll, was ich schon alles erreicht habe. Ich weiß, dass ich weiter an mir arbeiten muss. Ich habe im Vorjahr Fehler gemacht, und ich habe mir das Ziel gesteckt, dass ich diese Fehler nicht mehr mache und überhaupt Fehler vermeide. Es heißt, dass leichter wird, wenn du einmal Weltmeister geworden bist. Ich glaube auch, dass mich der Titel innerlich viel lockerer gemacht hat. Es wird auch für mich wieder Rückschläge geben. Entscheidend ist, wie ich sie wegstecke. In der Vergangenheit ist mir das, glaube ich, ganz gut gelungen. Ich möchte mir am Ende der Saison nichts vorzuwerfen haben. Ich habe aber ein gutes Gefühl, dass es mit der Titelverteidigung klappt.

Morgenpost Online: Ist die Jagd nach Titeln der größte Ansporn für Sie?

Vettel: Nein. Mich macht mein Job sehr zufrieden. Das ist mir nach der vergangenen Saison bewusst geworden, die physischen und psychisch sehr stressig war. Als die Räder im Januar stillstanden, habe ich gemerkt, wie sehr ich das Rennfahren vermisse, die Atmosphäre an der Strecke, mein Team. Schon während der Testfahrten hat es bei mir gekribbelt.

Morgenpost Online: Was haben Sie genau vermisst?

Vettel: Die Leute denken wahrscheinlich, was hat der für einen monotonen Job, bis auf das Reisen vielleicht. Aber die Arbeit mit einem Rennauto ist total abwechslungsreich. Ständig werden neue Teile eingebaut und Details verändert. Als Fahrer musst du eine Vorstellung davon bekommen, wie neue Teile miteinander funktionieren könnten. Die Formel 1 ist deshalb so spannend für mich, weil selbst das schnellste Auto noch irgendein Problem haben kann. Das zu lösen, motiviert mich.

Morgenpost Online: Michael Schumacher schlug nach seinen anfänglichen Erfolgen im Fahrerlager auch Antipathie entgegen. Sie sind trotz des Erfolges beliebt. Wie erklären Sie sich das?

Vettel: Ich bin noch jung und fahre für ein junges Team, das vor ein paar Jahren noch niemand ernst genommen hat. Vielleicht liegt unsere Beliebtheit daran, dass wir unterschätzt wurden. Vielleicht wird sich das jetzt ändern. Ich denke, es gibt die generelle Tendenz, es mit dem Underdog zu halten. Jenson Button war lange vor seinem WM-Titel in England immer beliebter als der erfolgreichere Lewis Hamilton.

Morgenpost Online: Wie ist Sie Ihr Standing unter den Kollegen?

Vettel: Es gibt einen großen Respekt, einen netten Umgang untereinander. Da wurden früher im Fahrerlager vielleicht mehr Spielchen gespielt. Heute macht jeder sein Ding. Das soll nicht abwertend klingen, aber unser Job ist mittlerweile so komplex geworden, dass wir kaum Zeit haben für tiefer gehende Kontaktpflege.

Morgenpost Online: Finden Sie das schade?

Vettel: Es ist so, wie es ist. Ich kann nicht mit den Fahrerkollegen in die Kneipe gehen, wie das vor 30, 40 Jahren der Fall war – jedenfalls wurde mir das so erzählt. Wir Fahrer sind uns nicht mehr so nah, jeder führt sein eigenes Leben, aber ich will mich nicht beklagen. Dafür müssen wir nicht jeden Tag im Cockpit um unser Leben fürchten.

Morgenpost Online: Sie sind im Fahrerlager oft im Laufschritt. Fühlen Sie sich verfolgt?

Vettel: Sieht das so aus? Nein, überhaupt nicht. Ich habe nur so wenig Zeit, und es gibt so viele Leute, die etwas von mir wollen. Ich bin ein Harmonie-Mensch, aber leider kann ich nicht die Wünsche aller Fans erfüllen, das macht mich manchmal traurig, der Laufschritt ist wahrscheinlich die Konsequenz daraus.

Morgenpost Online: Wie bewältigen Sie diesen Stress?

Vettel: Ich habe positiven Stress. Wer kann schon behaupten, in seiner Heimatstadt von Zehntausenden empfangen zu werden oder vor Hunderttausenden vor dem Brandenburger Tor eine Ehrenrunde zu drehen. Aus diesen Erinnerungen schöpfe ich viel Energie.

Morgenpost Online: Sie sind der jüngst Weltmeister der Formel-1-Geschichte, verdienen Millionen und werden von Millionen bewundert. Fühlen Sie sich als Vorbild?

Vettel: Nein, das will ich nicht sein, und ich weiß auch nicht, ob ich dazu tauge. Ich hoffe, dass mich die Leute so natürlich wahrnehmen, wie ich bin. Ich habe nicht vergessen, wo ich herkomme, wer meine wahren Freunde sind. Es gibt mir nichts, wenn ich Poster oder Plakate von mir auf der Straße sehe. Wenn mir die Leute zujubeln, macht es mich aber stolz. Noch etwas zu den Millionen: Ich habe mit diesem Sport nicht angefangen, weil du da viel Geld verdienen kannst und berühmt wirst.

Morgenpost Online: Ein Held möchten Sie auch nicht sein?

Vettel: Das bin ich noch weniger. Helden haben etwas Großes geleistet für ihren Sport oder für eine andere wichtige Sache. Michael ist ein Held für mich. Er hat der Formel 1 viel gegeben, sie hat sich durch ihn weiterentwickelt. Ich bin erst einmal Weltmeister geworden.

Morgenpost Online: In dieser Saison sehen sich die Fahrer besonders großen Herausforderungen gegenüber: die neuen Reifen, der verstellbare Heckflügel, Kers. Droht eine Überforderung?

Vettel: Die vielen Knöpfe im Cockpit sind eine große Herausforderung. Du musst jetzt auf viel mehr achten. Kers und den Heckflügel zu koordinieren kann ablenken. Bei Tempo 300 kann das gefährlich werden. Wir Fahrer müssen sehen, wie wir damit umgehen. Wenn es von der Sicherheit Bedenken gibt, müssen wir Piloten sofort unseren Mund aufmachen. Ich bin sicher, dass wir auch bei der Fia (Automobil-Weltverband – die Red.) Gehör finden.

Morgenpost Online: Michael Schumacher fährt in seiner Freizeit Motorradrennen, Ihr Kollege Robert Kubica verunglückte bei einer Rallye schwer. Neigen Formel-1-Piloten zu Übermut?

Vettel: Ich würde es eher das Ausloten von Grenzen nennen. Ich kann beide verstehen, ein Leben ohne Rennfahren kann sehr schnell sehr langweilig werden.