Dritter in Melbourne

Formel 1 boomt dank Witali Petrow in Russland

Bisher war für die Automobilindustrie in Russland nicht viel zu holen. Aber das ändert sich. Sogar Regierungschef Putin ist begeistert und unterstützt Petrow.

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Nikolai Formenko (48) liebt schnelle Sportwagen, doch als Rennfahrer ist er weniger begabt. Als er vor zweieinhalb Jahren mal wieder seinen Austin Martin bei einem Training der GT-Serie in Shanghai zerlegte, musste der Wagen zur Reparatur. Die chinesischen Mechaniker tauschten über Nacht die komplette Frontpartie aus und erneuerten die Stoßdämpfer. Der Wagen stand nach dem prompten Service wieder tipptopp in der Garage, und die eifrigen Helfer machten ihm einen unvorstellbaren Preis: umgerechnet 250 Dollar.

Das Arbeitstempo und der Preis ermunterten Hobby-Rennfahrer, Popsänger und TV-Moderator Formenko, das Geschäftsmodell in Moskau nachzuahmen und eine eigene Schmiede für edle Rennwagen aufzuziehen. In Europa, rechnet er vor, hätte die Reparatur das 20-fache gekostet. Er gründete Marussia Motors, jetzt dreht Formenko an der ganz großen Schraube. Vor einem Jahr stieg er mit Marussia in die Formel 1 ein, als Mehrheitsteilhaber des Virgin-Teams, das seit diesem Jahr offiziell „Marussia Virgin Racing“ heißt. Ziel ist es, die Marke international bekannt zu machen. „Diejenigen, die jetzt noch Lamborghini fahren, werden schon bald auf einen Marussia umsteigen“, glaubt Formenko.

Noch allerdings kann die Allianz aus Plattenmilliardär Richard Branson (Virgin) sowie Formenko und dessen Co-Mitgründer Jefim Ostrowski nicht mit sportlichen Erfolgen hausieren gehen. Der deutsche Pilot Timo Glock fiel beim Grand Prix von Australien aus. Dessen Kollege Jerome D’Ambrosio wurde als Letzter gewertet. Aber das Projekt soll ja auch langfristig angelegt sein, betont Multitalent Formenko. Red Bull habe schließlich auch sechs Jahre gebraucht, um Weltmeister zu werden.

Russen vom Schlage Formenkos drängen in den Rennsport. Die Bestrebungen werden von höchster Stelle unterstützt. Regierungschef Wladimir Putin, selbst glühender Motorsportfan, fühlte sich einer großen Tradition verpflichtet. Parteichef Leonid Breschnew verhandelte mit Formel-1-Chefpromoter Bernie Ecclestone Anfang der Achtziger Jahre über die Austragung internationaler Rennen auf einem russischen Rundkurs. Als Ecclestone vor einem halben Jahr endlich einen Vertrag mit der Wintersportmetropole Sotschi über die Ausrichtung von Formel-1-Rennen ab 2014 besiegelte, jubelte Vermittler Putin. „Das Wichtigste ist, dass wir Millionen von Motorsportfans in unserem Land eine Freude bereitet haben.“

Die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Bisher war Russland für die Automobilindustrie ein weißer Fleck auf der Karte, was die Vermarktungsmöglichkeiten der Formel betraf.

Neben Olympischen Spielen 2014 und Fußball-Weltmeisterschaft 2018 bildet die Formel 1 die dritte Säule einer aufstrebenden Sportnation; als Wirtschaftsfaktor, aber auch als einendes Element des Vielvölkerstaates.

Wer besser könnte da als Idol taugen als Witali Petrow, ein bodenständiger und für die Formel 1 großer Kerl (1,83 Meter) aus der russischen Provinz. Just als das russische Fernsehen zum ersten Mal seit Jahren live vom Saisonauftakt berichtete, schoss Petrow (26) am Ende bis auf Rang drei vor – und zeigte dem stolzen spanischen Doppelweltmeister Fernando Alonso in seinem rotlackierten Ferrari den Auspuff. Das tat er auch beim Saisonfinale in Abu Dhabi, womit er Sebastian Vettel zum WM-Titel verhalf.

Noch gibt sich der Botschafter etwas sperrig. Gefragt, ob er nach dem Ausfall des verletzten Robert Kubica die Führungsrolle beim Renault-Team übernehmen könne, blieb Petrow unnahbar: „Ich glaube nicht, dass ich irgend etwas beantworten muss.“ Man könne es doch sehen.

Im Vorjahr drohte Petrow seine patriotische Mission fulminant vor die Wand zu fahren. In seinen drei ersten Formel-1-Rennen baute er zwei Unfälle, einmal schied er mit Defekt aus. Da grinsten sie im Fahrerlager über den Exoten, der als Kind nicht wie Schumacher, Alonso oder Vettel am Steuer eines Kart kurbelte, sondern schon auf dem Fahrersitz eines Lada Shiguli durch die Straßen seiner Heimatstadt Wyborg bretterte.

Die Nerven des Teamchefs Eric Boullier dürfte in dieser Zeit allein Petrows Millionenmitgift beruhigt haben. Er wird unter anderem unterstützt von Lada, dem Petrochemiekonzern Sibur, dem Energieunternehmen Novatek und der High-Tech-Firma Rostechnologii, alles erste Adressen in Russland.

Weil das Geld weiter sprudelt, wurde Petrows Vertrag um zwei Jahre verlängert. Prompt bekam er mit seiner Managerin eine Audienz bei Putin im Kreml.

Der liebt bekanntlich große Gesten. Bei der Silk-Way-Rallye im September 2010 sorgte Putin mit seiner Entourage für Aufsehen, als er kurz entschlossen ins Biwak von Volkswagen stürmte. Als das Weltmeisterteam von Renault 2005 auf dem Roten Platz Station machte, nahm er im Cockpit Platz. Mehr als Showkurse rund um den Kreml mit David Coulthard oder Heikki Kovalainen sprangen auch danach nicht heraus, dabei schien schon 2004 alles für Formel-1-Rennen in Moskau bereitet zu sein. Dann konnten sich Bürgermeister Juri Luschkow und Ecclestone nicht über den Preis einigen.

Auf Pioniertaten sind die Russen ohnehin nicht gut zu sprechen. „Wir wollen das progressive Image von Russland würdig vertreten – modern, intelligent und erfolgreich“, tönte der gebürtige Russe mit kanadischem Pass, Alex Shnaider, vor sechs Jahren bei der offiziellen Vorstellung des neuen Jordan-Boliden, der danach Midland hieß.

Der undurchsichtige Milliardär, der sein Vermögen in der zwielichtigen russischen Stahlbranche machte, wollte jedes Jahr 100 Millionen Dollar in seinen Rennstall investieren, verkaufte ihn 2006 wieder. Jetzt macht er in Fußball und besitzt den Klub Maccabi Tel Aviv.

Formenko ist aus anderem Holz, versichert er. „Das Projekt ist auf Nachhaltigkeit angelegt.“