Formel 1

Michael Schumacher steht in Melbourne hoch im Kurs

Der Rekordweltmeister hat mit Mercedes aufgeholt und gefällt sich in der Rolle des Routiniers. Im Training wird er Sechster, McLaren überrascht alle.

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Was die Saison bereithält, lässt sich nicht vorhersagen, auch deshalb registrierten sie beim McLaren-Rennstall auf die Tagesbestzeit mit ungläubigem Staunen. Jenson Button setzte beim Formel-1-Auftakt in Melbourne die erste Bestmarke der Saison. Es war ein Schnellschuss zur rechten Zeit. „Zum ersten Mal ist nichts schief gegangen“, jubelte der Weltmeister von 2009 vor dem Großen Preis von Australien am Samstag (8.00 Uhr, RTL und Sky live).

Der englische Rennstall gehört seit längerem zum Kreis der Titelanwärter, doch Button und Teamkollege Lewis Hamilton beklagten nach jeder Testfahrt im Winter technische Mängel. Zuletzt bereitete ihnen ein kühn gestalteter Auspuff Sorge. Der MP-26 sollte eigentlich ausgemustert werden, bevor das Auto auch nur ein Rennen absolviert hatte.

Es wurde kein neuer Wagen in den Albert Park geliefert, aber die McLaren-Mechaniker konnten eine Vielzahl neuer Teile auspacken und anschließend montieren. Das Auspuffsystem ähnelt jetzt dem von Ferrari und Red Bull. „Wir sind ein hohes Risiko eingegangen“, sagte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh über die kurzfristigen Umbaumaßnahmen. Und Lewis Hamilton befand nach Platz zwei im Training: „Es sieht so aus, als ob wir auf dem richtigen Weg sind.“

Die Aussagen aller Fahrer beruhten auf dem Bauchgefühl und ließen viel Raum für Deutungen. Sebastian Vettel konnte nach dem etwas enttäuschenden ersten Trainingstag nicht schnell genug zurück in die Garage kommen. Neben dem McLaren-Duo war auch Ferrari-Mann Fernando Alonso schneller als der Red-Bull-Star unterwegs gewesen.

„Wir sind nicht so schlecht dabei, aber wir müssen abwarten“, sagte Vettel und wirkte nervös. Viel lieber würde er jetzt aber mit seinen Mechanikern an der Problemlösung tüfteln, fügte der 23 Jahre alte Champion an. Ob Vettels Bedenken begründet sind, darüber gibt die Qualifikation heute erste Aufschlüsse. Wie so viele grübelte auch Renault-Pilot Nick Heidfeld nach Platz 13 über seine Form: „Es war okay. Es hätte besser sein können – aber auch schlechter.“

Aber nicht mal bei Mercedes gibt es offenbar ernsthafte Zweifel, dass der Weg zum Titel nur über den Titelverteidiger führt. In einem neuen Werbespot der Marke mit dem Stern nehmen sich Michael Schumacher und Nico Rosberg in ihren Rollen als Teamrivalen in einem Nobelrestaurant gegenseitig aufs Korn. Die von der Agentur Jung von Matt ersonnene Neckerei nimmt eine überraschende Wendung, als den beiden Star-Piloten eine Red-Bull-Dose unter der Silberhaube serviert wird. Der schmunzelnde Gönner ist die finnische Mercedes-Ikone Mika Häkkinen.

Stilbruch oder nicht, das Zeug zum Werbeklassiker haben die 45 Sekunden allemal. Schumacher (42) freundet sich immer mehr mit dem Status des Altmeisters an. „Meine ersten Eindrücke der Saison 2011 waren recht positiv“, sagte er nach den ersten Ausfahrten in Australien: „Wir haben viel gelernt und sind mehr oder weniger da, wo wir es erwartet hatten.“ Das klang im vergangenen Jahr noch ganz anders.

Schumacher geht nach einer beschwerlichen Saison zuversichtlich ans Werk. Er hat in der rennfreien Zeit Datensätze analysiert und kam zu dem Schluss, dass er mit den jungen Fahrer auch in Sachen Reaktionsvermögen noch mithalten könne. Im Vorjahr büßte er viel Zeit in den lang gezogenen Kurven ein, während er in den schnellen Kehren, wo es auf Reaktionszeit ankommt, laut Schumacher mit dem 17 Jahre jüngeren Rosberg mithielt. Laut Motorsportchef Norbert Haug verspüre Schumacher „die volle Motivationsdröhnung“. Er sei „ein stets sprudelnder Quell und reißt mit seiner begeisterten und begeisternden Arbeitskultur alle mit“.

Auch von seinem Ehrgeiz hat Schumacher nichts verloren. „Am Ende des Tages geht es nicht um Podestplätze, sondern es geht ums Siegen und um den Weltmeistertitel. Das ist alles, was zählt“, sagte Schumacher britischen Journalisten. „Mich elektrisiert die Vorstellung, mit Mercedes Weltmeister zu werden.“ Er räumte aber auch ein, dass er sein Team dazu noch nicht in der Lage sehe.

Vielleicht könnte es auch anders kommen. Denn es deutet sich an, dass 2011 ein Jahr der Experimente wird, mit ständig wechselnden Kräfteverhältnissen. Ein Zweikampf um den Titel zwischen Red Bull und Ferrari wie im Vorjahr wird es wohl nicht mehr geben, McLaren und vielleicht auch Mercedes zählen in dieser Saison zu den Sieganwärtern, wobei sich von Strecke zu Strecke die Hierarchien verschieben können.

Neben unwägbaren Variablen wie dem Energierückgewinnungssystem Kers und dem verstellbaren Heckflügel zum Überholen werden die schwarzen Gummiwalzen von Pirelli zum entscheidenden Faktor. „Das Klassement wird durch die Reifen durcheinander gewirbelt“, glaubt Mercedes-Teamchef Ross Brawn.

Elf Reifensätze stehen jedem Fahrer pro Grand Prix zur Verfügung, und die Frage nach dem verträglichsten Umgang mit der Kautschuk-Mischung treibt die Strategen am Kommandostand um wie keine zweite. Schon in der Qualifikation wird gepokert. Ein frisches Quartett auf der entscheidenden Runde könnte einen Piloten in der Startaufstellung weit nach vorn spülen, aber dann stünde ihm im Verlauf des Rennens womöglich ein Satz weniger zur Verfügung.

Die Strategen werden noch intensiver darüber brüten, den günstigsten Zeitpunkt für einen Boxenstopp abzupassen. Wer die beste Taktik hat, gewinnt, ist Technik-Guru Brawn überzeugt: „Das schnellere Auto kann durch das schlauere Team besiegt werden.“

Für Red Bull spricht, dass Vettel und Stallgefährte Mark Webber mit den Pirelli-Reifen 20 Runden konstant schnell waren. „Wir sind eigentlich ein bisschen überrascht. Wir hatten Schlimmeres erwartet, was die Haltbarkeit angeht“, sagte Vettel. Kein Konkurrent des Deutschen hielt die Reifen so lange auf einem vergleichbar hohen Niveau.

Die Aufregung wegen des schnellen Verschleißes scheint sich in der Szene gelegt zu haben. Seitens der Fahrer gab es viel Lob für den Ausrüster aus Italien. „Sie sind wirklich überraschend gut“, freute sich Lewis Hamilton. Schumacher sieht das ähnlich: „Es war angenehm, mit den Pirellireifen zu fahren.“ Das hörte sich bei den Testfahrten anders an. Wie angenehm die Fahrer die Reifen wirklich finden, wird sich Sonntag zeigen.