Fernando Alonso

"Der Titel gehört mir. Ich will Revanche!"

Fernando Alonso spricht mit Morgenpost Online über das Duell gegen Sebastian Vettel, die neuen Regeln der Formel 1 und seinen Respekt vor Michael Schumacher.

Neben Sebastian Vettel gilt er als bester aktiver Formel-1-Rennfahrer. Fernando Alonso, 29, verlor den sicher geglaubten dritten WM-Titel nach 2005 und 2006 nur durch eine falsche Rennstrategie seiner Ferrari-Mannschaft beim Saisonfinale in Abu Dhabi. In seinem zweiten Jahr bei der Scuderia zählt für den Spanier nun erst recht nur Platz eins.

Morgenpost Online: Sie gelten als extrem ehrgeizig. Leiden Sie noch unter dem Verlust des WM-Titels 2010?

Fernando Alonso: Ich habe zwei, drei Tage nach Abu Dhabi damit verbracht, darüber nachzudenken, was alles falsch lief und was wir hätten besser machen sollen.

Morgenpost Online: Hat es Ihnen geholfen, dass Sie in der Woche darauf zum Reifentest zurück ins Cockpit mussten?

Alonso: Ja, so war ich gezwungen, auf die Realität umzuschwenken. Was mich wirklich aufgebaut hat, war die Reaktion in der Fabrik in Maranello. Die Leute haben mir trotz der Niederlage sehr viel Respekt entgegengebracht, erschienen mir extrem motiviert und kampfbereit. Das hat mir imponiert. Hilfreich bei der Bewältigung war auch, dass ich Erfahrung im Verlieren von WM-Titeln in einem Entscheidungsrennen habe. Viermal entschied sich in meiner Karriere alles im letzten Rennen. Zweimal habe ich verloren – einmal mit McLaren, jetzt mit Ferrari. Zweimal habe ich mit Renault gewonnen. Macht unter dem Strich keine schlechte Bilanz, oder? Warum sollte ich traurig sein?

Morgenpost Online: Ziehen Sie aus dem verkorksten Finale 2010 sogar eine Portion zusätzliche Motivation?

Alonso: Auf jeden Fall. Es gibt für mich keine Form von Sattheit, wenn ich gewinne. Wie soll ich mich da erst fühlen, wenn ich verliere? 2011 will ich die Revanche für letztes Jahr. Der WM-Pokal gehört am Ende dieses Jahres mir und so wird es 2012, 2013 und all die anderen Jahre sein. Ein anderes Ziel habe ich nicht.

Morgenpost Online: Da haben Sie sich aber noch viel vorgenommen.

Alonso: Mag sein, aber das ist für mich nichts Besonderes. Als ich 2005 meinen ersten Titel gewonnen habe, wollte ich den Titel auch 2006. Dasselbe 2007 mit McLaren und 2008 und 2009, jeweils am Anfang der Saison. Mit Renault war es nicht anders und jetzt ist klar, wenn du für Ferrari fährst, rückst du automatisch in eine Position, in der es nichts anderes gibt als den Titel. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Für mich und für Ferrari.

Morgenpost Online: Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht?

Alonso: Das ist keine Einstellung, die ich exklusiv habe. Jeder Fahrer, der Formel-1-Rennen fährt, glaubt, dass er jedes Jahr den WM-Titel gewinnen kann, sonst könnte er diesen Job nicht machen. Ich bin da vielleicht extrem: Wenn ich mit meinen Schulfreunden Fußball gespielt habe und selbst wenn wir 0:9 zurücklagen, habe ich meine Kumpels angefeuert und aufgefordert, das Spiel noch 10:9 zu gewinnen. Ich gebe nie auf.

Morgenpost Online: Sie sind ein zäher Bursche.

Alonso: Schon immer gewesen.

Morgenpost Online: Auch privat?

Alonso: Nein. Da reagiere ich entspannter.

Morgenpost Online: Worin besteht der Unterschied zwischen dem Ferrari des vergangenen Jahres und Ihrem neuen Rennauto?

Alonso: Der neue Pirelli-Reifen hat das Fahrverhalten unseres Autos komplett bestimmt. Das Hybridsystem Kers und der verstellbare Heckflügel sind zwar auch eine massive technische Veränderung, aber damit wird man als Fahrer fertig. An so etwas gewöhnt man sich und es verändert vor allem nicht die Charakteristik eines Autos.

Morgenpost Online: Rücken die Topfahrer leistungsmäßig noch enger zusammen als im Vorjahr?

Alonso: Red Bull, McLaren, Mercedes und Ferrari werden, trotz der neuen Regeln und der Reifen, wie im letzten Jahr die Dramaturgie der WM bestimmen. Ich glaube nicht, dass wir andere Sieger haben werden oder einen Mix von vielen Teams, die gewinnen oder in der Startaufstellung für große Überraschungen sorgen. Die Rennen werden durch häufige Boxenstopps wahrscheinlich spektakulärer, aber am Ende der Rennen werden sich die Namen auf den Siegerlisten nicht von denen aus dem Vorjahr unterscheiden. Wie letztes Jahr werden die Top-Teams die Nase vorne haben. Das gilt auch für das Mittelfeld und die Teams, die sich dahinter einordnen.

Morgenpost Online: Was ist besser: Einen sehr starken oder einen eher schwächeren Teamkollegen zu haben?

Alonso: Das hängt von der Qualität des Teams ab. In einem Top-Team gibt es keinen langsamen Fahrer. Wir fahren alle auf einem Niveau. Als ich früher bei Minardi war, war es besser, einen schnelleren Fahrer als Teamkollegen zu haben.

Morgenpost Online: Warum?

Alonso: Weil man als junger Fahrer von diesen Leuten eine Menge lernen kann.

Morgenpost Online: Haben Sie Respekt vor Ihrem Teamkollegen Felipe Massa?

Alonso: Felipe ist für mich eine große Herausforderung. Ich glaube nicht, dass es viele Fahrer gibt, die schneller sind als er. Felipe war, als er beim Rennen in Brasilien 2008 über die Ziellinie fuhr, immerhin Weltmeister. Zwar nur für ein paar Sekunden, aber er muss niemand beweisen, dass er hochtalentiert ist und sehr schnell.

Morgenpost Online: Halten Sie Michael Schumacher immer noch für einen Ihrer stärksten Gegner und glauben Sie weiter an den Erfolg seines Comebacks?

Alonso: Wenn er ein konkurrenzfähiges Auto hat, wird er sehr schnell sein. Ich kenne sein Talent und seine Erfolge. Deshalb werde ich nie meinen Respekt vor seinen fahrerischen Möglichkeiten verlieren.

Morgenpost Online: Hätten Sie etwas gegen Sebastian Vettel als Teamkollegen?

Alonso: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich fahre und trete grundsätzlich problemlos gegen jeden Teamkollegen an. Im Moment ist es Felipe.

Morgenpost Online: Könnten Sie sich Ihr Leben ohne die Formel 1 oder irgendein Autorennen vorstellen?

Alonso: Nein. Es ist für mich keine angenehme Idee, eine längere Zeit nicht in einem Formel-1-Rennauto – oder wenn das nicht möglich wäre, in einem anderen Rennauto – zu sitzen. Es gäbe unter normalen Umständen nichts, was mich davon abhalten könnte.

Morgenpost Online: Also ist es auch bei Ihnen nicht auszuschließen, dass Sie, wie Schumacher, mit 42 noch Rennen fahren?

Alonso: Formel 1 ist die höchste Klasse des Motorsports. Gut möglich, dass ich deshalb eines Tages zu dem Schluss komme, dass es besser ist, keine Grands Prix mehr zu fahren.

Morgenpost Online: Warum?

Alonso: Formel 1, das bedeutet neben der Leidenschaft auch viel Stress, viel Reisen, Medienarbeit, Sponsorenverpflichtungen. Aber es gibt, wenn man das nicht mehr mag oder es einem zu viel ist, noch andere Kategorien im Rennsport, sogar Gokart-Rennen. Dort gibt es kaum Presse, kein großes Publikum und keinen Reisestress. Trotzdem kann man ungestört seinen Spaß haben, und das sogar sein ganzes Leben.

Morgenpost Online: Könnten Sie einem jungen Rennfahrer einen Tipp geben, wie er Formel-1-Weltmeister wird?

Alonso: Setz dich ins Auto und fahr so schnell wie du kannst! Wenn ein junger Fahrer sein Auto schneller als seine Konkurrenten bewegt, ist es wahrscheinlich, dass er sich positiv entwickelt. Es gibt kein Patentrezept. Jeder Fahrer ist von seiner Persönlichkeitsstruktur her anders. Es gibt in der Formel 1 keine zwei Fahrer, die sich ähneln. Die einzig zulässige Verallgemeinerung ist, dass aktuell fünf oder sechs Fahrer das Talent und die Möglichkeit haben, Weltmeister zu werden.

Morgenpost Online: Welche Fahrer sind das?

Alonso: Diejenigen, die auch im letzten Jahr die schnellsten waren.

Morgenpost Online: Robert Kubica konnte sogar in der Formel-1-freien Zeit nicht von seiner Leidenschaft lassen und verunglückte bei einer kleinen Rallye in Italien schwer. Klingt so, als könnten Sie verstehen, warum ein Formel-1-Pilot dieses Risiko eingeht?

Alonso: Ja. Ebenso, wie ich Michael Schumacher verstehe. Er war zu Hause, er hat die Rennen vermisst und ist dann auf ein Rennmotorrad gestiegen. Wahrscheinlich so leidenschaftlich wie Robert in das Rallyeauto.

Morgenpost Online: Aber war der Rallyestart nicht unvernünftig von Kubica? Immerhin setzte er damit seine Karriere, seine Zukunft aufs Spiel.

Alonso: Darauf kommt es nicht an. Robert brauchte das, wir alle brauchen das. Wir brauchen die Emotionen und das Adrenalin. Wir sind verrückte Leute.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass Robert Kubica ein Comeback gelingt?

Alonso: Da bin ich mir absolut sicher. Ich kenne ihn. Er wird alles tun, dass das so schnell wie möglich passiert.

Morgenpost Online: Sie würden ähnlich handeln?

Alonso: Definitiv. Ich würde alles tun, um wieder in ein Rennauto zu steigen.