Formel 1

Schumacher rast an Weltmeister Vettel vorbei

Die Formel 1 beim letzten Saisontest in Barcelona: Der Rekordweltmeister fährt Bestzeit, Titelverteidiger Vettel und Alonso bleiben aber WM-Favoriten.

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Die Rettung kam am späten Abend. Ein neuer Vorderflügel, frisch ausgelieferte Bremsbelüftungen und Seitenkästen erreichten das Fahrerlager des Circuit de Catalunya nördlich von Barcelona. Bestimmt war die Ladung für Mercedes Grand Prix. In den Garagen mit dem silbernen Stern vor der Tür wurde sie sehnsüchtig erwartet. Bis Freitagmorgen schraubten die Mechaniker den Bausatz an der Karosserie des Formel-1-Boliden zusammen.

Prompt führte Michael Schumacher daraufhin den eilig zusammengewerkelten Rennwagen flott aus. Er unterbot in 1:21,268 Minuten die schnellste Rundenzeit von Weltmeister Sebastian Vettel im Red Bull und auch die von Ferrari-Star Fernando Alonso in diesem Jahr auf dem katalanischen Rundkurs.

Für gewöhnlich braucht es Zeit, Aerodynamik-Schwächen zu beheben. Anders als bei Problemen mit der Zuverlässigkeit bringt selten ein neues Teil den Durchbruch. An der Karosserie muss ständig gefeilt werden. Dass überhaupt Nachjustierungen erforderlich waren und der Mercedes runderneuert wurde, ehe die erste Renndistanz abgespult worden war, ließ nichts Gutes erahnen. Denn die Fracht aus der Mercedes-Fabrik aus dem englischen Brackley war nur das letzte Teil für umfangreiche Umbaumaßnahmen, die auf ein Dauertief hindeuteten. Bereits zum Auftakt des letzten Testlaufs vor Saisonbeginn am 27. März wurden dem Silberpfeil ein neuer Auspuff und Unterboden sowie neue Luftleitbleche verpasst.

Alles nur ein Bluff? Mercedes-Teamchef Ross Brawn verglich seine Kreation bei der Präsentation vor gut sechs Wochen mit einem schnöden „Vanilleeis“, sein Fahrer Nico Rosberg fand es während der ersten Übungsstunden gar „primitiv“. Offenbar hatte sich der alte Haudegen Brawn den unverkennbaren Geschmack, den letzten Kniff, bis zum Schluss aufgespart. Der verschobene Saisonstart kam gelegen, jetzt soll der W02 zum Hit dieses Sommers werden.

„Wir wollen diese Rundenzeit nicht überbewerten. Ich sehe uns noch nicht als Siegaspirant, aber unser Team hat seit dem letzten Test in Barcelona vor drei Wochen sehr gut gearbeitet und einen großen Schritt nach vorne gemacht“, lobte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug. Schumacher sei jene Zeit gefahren, „die unsere Berechnungen nach den letzten Windkanalversuchen ergeben hatte, und das ist immer ein gutes Zeichen.“

In der Woche, in der in dem McLaren-Testfahrer Pedro de la Rosa und dem zweiten HRT-Piloten Vitantonio Liuzzi die letzten Personalien im Fahrerlager bekannt gegeben wurden und alle Rennställe zu den letzten Praxistests antraten, erlebten Haug und Kollegen ein kleines Stimmungshoch.

Als Anfang Februar in Valencia die Wagen erstmals Kilometer machten, registrierten Ingenieure und Piloten die Rundenzeiten fast teilnahmslos, erst jetzt löst sich die Pokerrunde langsam auf. Die Fahrer wagen ernsthafte Prognosen: „Es gibt derzeit ein Team, das in Führung liegt, und ein Team auf Platz zwei. Und dann werden wahrscheinlich eine Handvoll Autos beim ersten Rennen um Platz drei kämpfen“, prophezeite Schumacher, bevor er Bestzeit gefahren war. Dann lobte er: „Das Auto hat sich so verhalten, wie wir es erwartet hatten und es war ein produktiver Tag.“ Teamkollege Nico Rosberg gelang am Nachmittag die drittbeste Zeit, obwohl er erst eine Stunde vor Ende auf die Strecke gerollt war.

Alle Testergebnisse zusammengenommen weisen tatsächlich Red Bull und Ferrari als die mit Abstand schnellsten Teams aus. Ex-Champion Jenson Button, dessen neuer McLaren vom ehemaligen Rennfahrer Martin Brundle als „Schrott“ niedergemacht wurde, sieht das ähnlich: „Ich wäre überrascht, wenn wir in Melbourne mit Red Bull mithalten können. Wenn man die Testkilometer ansieht und das Tempo, dann gibt es keine Zweifel.“

Die Konkurrenz beeindruckte besonders, dass Sebastian Vettel und sein australischer Teamkollege Mark Webber bis Donnerstag fünf Tagesbestzeiten vorlegten und, mindestens ebenso wichtig, in der Pannenstatistik nicht unangenehm auffielen. Noch mauert der Champion jedoch. „Es ist schwer, etwas aus den Ergebnissen herauszulesen“, wiegelt Vettel ab. „Das liegt daran, dass man nicht weiß, welche Autos mit welchen Reifen unterwegs waren.“ Von Schumachers Bestzeit war er überrascht: „So eine Zeit muss man erst mal fahren.“

Es gibt in dieser Saison besonders viele Unwägbarkeiten, die das Klassement durcheinander wirbeln können. Die Rückkehr des Energierückgewinnungssystem Kers, der verstellbare Heckflügel, vor allem die neuen Reifen und selbst die wieder zugelassene Teamorder werden den Rennverlauf beeinflussen.

Die Fahrt ins Ungewisse haben der Automobilweltverband Fia und Chefpromoter Bernie Ecclestone kalkuliert. Die Gummiwalzen des neuen Lieferanten Pirelli werden so gebacken, dass sie schnell verschleißen. Alle 15 bis 17 Runden müssen sich die Piloten vor der Garage einen neuen Satz abholen. Mehr als 100 Boxenstopps der 24 Autos im Feld werden während eines Grand-Prix-Rennens voraussichtlich zu einem großen Gedrängel in der Boxenstraße führen.

„Wir werden ein paar wilde Rennen erleben“, orakelt der frühere Teamchef Eddie Jordan. Je nach Beschaffenheit der Reifen haben sich bei den Testfahrten in Barcelona zwischen Schumacher und Vettel in einer Runde Zeitunterschiede von fünf bis sechs Sekunden ergeben.

Teams wie Williams oder Renault schlugen sich noch mit Problemen beim Hybridsystem Kers herum. Die als Beitrag der Formel 1 zum Umweltschutz gepriesene Technik wird für die Rennställe im Mittelfeld und die Hinterbänkler zum Ärgernis. Wie nach der Einführung 2009 droht die Erfindung zum zweiten Mal zu flappen, weil der schwere Akku tückisch im Betrieb ist, und weil er sich wegen des Gewichts schwierig in die Boliden integrieren lässt.

Timo Glock muss pausieren

Diese Erfahrung machte auch Marussia-Virgin. Das Team des Deutschen Timo Glock, der beim letzten Test nach einer Blinddarm-Operation passen muss, warfen technische Probleme immer wieder zurück.

Noch mehr in Verzug geriet nur das Bummel-Team HRT. Es stellte als Letztes seinen neuen Rennwagen vor. Getestet werden soll der F111 auch noch einmal – nämlich Samstag. Es ist der letzte Testtag der Saison.

Da ging Ferrari seine WM-Mission vergleichsweise generalstabsmäßig an. Die Italiener spulten mehr Kilometer als jedes andere Team ab. Die „Rote Göttin“ erwies sich als schnell und auch zuverlässig bei den Testfahrten. Fernando Alonso will damit den Angriff auf Vettel starten.

Aber auch er jagt Vettel. Der Weltmeister hat in der Vorbereitung auf seine Titelverteidigung kräftig Gas gegeben. Der neue Red Bull war flott und schnurrte zuverlässig. Bis zu seinem letzten Testeinsatz am Freitag fuhr Vettel viermal die schnellste Runde des Tages. Gleich zum Testauftakt am 1. Februar setzte er ein Ausrufezeichen. Es folgte zweimal die Topmarke beim ersten Barcelona-Test, ehe er beim Probefahrt-Finale auf dem Circuit de Catalunya erneut einmal am schnellsten unterwegs war. Der Kurs gilt als Gradmesser.

Sebastian Vettel kann beruhigt nach Australien aufbrechen.