EM-Finale gegen Spanien

Deutschland braucht diesen Titel

Wir haben es uns verdient - und wir haben es nötig: Ein Triumph bei der EM würde der Welt zeigen, wie gut der deutschen Fußball von heute ist. Die Wertschätzung deutscher Ballfertigkeiten nämlich hält sich im Ausland im Grenzen. Das könnte sich nun ändern, was neben Renommee auch Geld bringen würde. Doch ausgerechnet im Finale droht der Ausfall von Kapitän Ballack.

Die letzte Etappe der „Bergtour 2008“ beginnt mit einer Busfahrt. Sie führt die Wagramer Straße entlang, geradeaus über die Donau, vorbei am Volksprater und vorbei an den Fans mit ihren schwarz-rot-goldenen Fähnchen. Mit jedem Kilometer Wegstrecke werden es mehr, die in ihren Nationaltrikots am Straßenrand stehen und dem Bus zujubeln. Und alle haben an diesem 29. Juni nur das eine Ziel: ein Stadion am Stadtrand von Wien, das als Symbol für einen so lang gehegten Titeltraum steht.

Die Fahrt vom Quartier der deutschen Mannschaft zum Ernst-Happel-Stadion dauert nicht lang, vielleicht 20 Minuten. Trotzdem wird Bundestrainer Joachim Löw unmittelbar nach der Abfahrt am Hotel einen Film in den DVD-Player legen lassen. Er zeigt das Team beim Grillfest im Tessin, er zeigt lachende Nationalspieler am Pool, jubelnde Nationalspieler nach dem 3:2 im Viertelfinale gegen Portugal. Und er zeigt noch einmal die drei Tore vom Halbfinalsieg gegen die Türkei. Rund vier Minuten EM-Emotionen im Zeitraffer, die das Team auf mindestens 90 Minuten Finale einstimmen sollen.

„Jetzt fehlt nur noch der letzte Schritt zum Gipfel. Den wollen wir gemeinsam gehen“, sagt Löw, der zwei Jahre lang auf diesen Juniabend hingearbeitet hat. 2006 wurde er vom Assistenten zum Bundestrainer befördert. Er setzte die von Jürgen Klinsmann begonnene Arbeit fort, entwickelte das gemeinsam entworfene Konzept und die Mannschaft weiter. Für ihn geht es um die Bestätigung seiner Arbeit. Doch ausgerechnet bei diesem letzten Schritt droht ihm nun sein Kapitän Michael Ballack zu fehlen, der wegen einer verhärteten rechten Wade gestern nicht mit der Mannschaft trainieren konnte. „Wir müssen uns ernsthafte Gedanken machen, dass er nicht spielen kann“, sagte Löw. Der Ausfall Ballacks wäre schlimm, denn alle wollen diesen Titel, unbedingt. Und der deutsche Fußball kann ihn brauchen.

Der letzte große Sieg ist lange her

Es ist lange her, dass die große Fußballnation einen großen europäischen Pokal gewonnen hat. Vor zwölf Jahren humpelte eine deutsche Auswahl in England bis ins Finale und wurde mit dem letzten Aufgebot Europameister. Danach feierten nur noch die anderen. Die Turniere 2000 und 2004 endeten bereits in der Vorrunde. Trauerspiele, trostlos. Da tröstet auch der ebenso glückliche wie glanzlose Finaleinzug bei der WM 2002 nicht. Auf Klubebene war es meistens nicht viel besser. 2001 gewann Bayern München gegen Valencia die Champions League. Es war der bisher letzte europäische Triumph.

„Das Finale ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, der Welt zu zeigen, wie gut sich der Fußball in Deutschland entwickelt. Und den Titel brauchst du, um allen klar zu machen, wie gut du wirklich bist“, sagt Franz Beckenbauer, der die Probleme des deutschen Fußballs kennt. Im Ausland sieht jeder die professionelle Organisation der Liga, jeder blickt neidisch auf die modernen und so häufig ausverkauften Stadien, jeder schätzt die so seriös wirtschaftenden Vereine. Geht es aber um die Beurteilung deutscher Ballfertigkeiten, hält sich die Wertschätzung in Grenzen.

"Vom Titel profitieren wir alle"

„Wenn Beispiele für erfolgreichen Fußball genannt werden sollen, werden immer andere Länder vorangestellt“, sagt Ligapräsident Reinhard Rauball, der sich auch deshalb heute auf der VIP-Tribüne des Ernst-Happel-Stadions einen Sieg wünscht. Er würde zumindest für einen Moment die Dominanz der finanzstärkeren Fußballmärkte in England oder Spanien vergessen lassen und den Fokus auf ein Deutschland lenken, in dem sich seit einigen Jahren etwas bewegt. „Wir haben es durch kontinuierliche Aufbauarbeit verdient. Und sollte unser Team den Titel gewinnen, profitieren wir alle“, sagt Rauball.

Der erste Profiteur wäre der Deutsche Fußball-Bund, der mit einem EM-Sieg die beste Bestätigung für seinen konzeptionellen Kurs bekommen würde. Das Vertrauen in einen manchmal unkonventionell arbeitenden Trainerstab, die Vereinheitlichung der offensiven Spielphilosophie bis in die Nachwuchsbereiche, die Investitionen in die Nationalmannschaft und Trainerausbildung bekämen zusätzliche Legitimation. Der Verband würde mit dem Titel Profil und Mitglieder gewinnen. „Die Erfolge haben große Strahlkraft, gerade auf die Jugend“, sagt DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Nationalmannschaft als Werbeträger

Gleiches gilt für die Bundesliga. Bereits im Anschluss an die WM vor zwei Jahren hielt das Interesse an. Nach dem Turnier zogen Millionen Menschen das Nationaltrikot aus und das Vereinstrikot über, um ihre Klubs zu sehen. Diesmal soll es genauso sein. Rauball: „Nirgendwo ist Fußball so gesellschaftsfähig wie bei uns. Wir haben sehr viele Anhänger dazu gewonnen.“

Der Ligapräsident weiß, wie sehr ein erfolgreiches Turnier bei den Expansionsbestrebungen hilft. Während hierzulande die Nachfrage nach deutschem Fußball bereits immens ist, gibt es auf ausländischen Märkten noch jede Menge Spielraum. Ein EM-Gewinn würde dabei die Popularität viel mehr steigern als jede Marketingkampagne. Nur Ballack (FC Chelsea), Christoph Metzelder (Real Madrid) und David Odonkor (Sevilla) spielen im Ausland, der Rest steht in Deutschland unter Vertrag. Einen besseren Werbeträger als das Nationalteam kann die Bundesliga nicht haben.

Ein Titel fördert den Verkauf

„Im Ausland sehen die Menschen, dass hier ein Nationalteam entstanden ist, die hohe Identifikation erzielt. Gewinnt sie den Titel, verleiht das dem deutschen Fußball noch mehr Ansehen“, sagt Herbert Hainer, Vorstandschef von Adidas, dem Ausrüster des DFB, der die Potenziale und Perspektiven des größten europäischen Fußballmarktes kennt. Eine Million deutsche Trikots hat sein Unternehmen im Zuge der EM abgesetzt, die Spanier kauften nur 100.000 Exemplare ihres Teams.

Wenn die deutsche Nationalmannschaft gut spielt, geht es dem deutschen Fußball gut. Diese Gleichung ist mittlerweile auch bei den Vereinsvertretern angekommen, die sich am lautesten gegen die frechen Reformvorhaben eines Jürgen Klinsmann gewehrt haben. „Die Darstellung bei der WM 2006 hat es dem VfL Wolfsburg sicher leichter gemacht, später zwei italienische Weltmeister zu holen“, gibt VfL-Trainer Felix Magath ganz offen zu: „Ein Titel wäre wertvoll, aber die Art und Weise, wie das EM-Finale erreicht wurde, ist für die Vereine auch hilfreich.“

Beckenbauer rechnet mit "einem richtigen Schub"

Die Klubs haben plötzlich mehr zu bieten als noch vor einigen Jahren. Dass ein Luca Toni oder Franck Ribery vergangenes Jahr zum FC Bayern wechselten, lag in erster Linie an den guten Verdienstaussichten. Aber es lag auch an der Aussicht, in einem erstklassigen, begeisterungsfähigen Umfeld zu spielen. Wenn jetzt noch das Argument dazu kommt, in der Liga des Europameisters dabei zu sein, ist das ein weiterer Trumpf bei Transferverhandlungen, das Selbstbewusstsein würde steigen.

Selbstbewusstsein hat der Bundestrainer auch seiner Mannschaft vermittelt. Alle wollen den Pokal. Wenn es nicht klappt, werden sie trotzdem feiern. „Aber der Titel“, sagt Beckenbauer, „würde dem deutschen Fußball einen richtigen Schub geben“.