Eisbären Berlin

Eisbären Berlin: Aubin entfesselt die Leidenschaft

| Lesedauer: 6 Minuten
Marcel Stein
Wenn der Chef spricht, hören alle zu: Eisbären-Trainer Serge Aubin erklärt die Taktik.

Wenn der Chef spricht, hören alle zu: Eisbären-Trainer Serge Aubin erklärt die Taktik.

Foto: Andreas Gora / picture alliance/dpa

Trainer Serge Aubin formt die Eisbären Berlin zu einer Mannschaft, die an die großen Meisterjahre erinnert.

Berlin. Dem letzten Versuch fehlte die Überzeugung. Langsam lief Lukas Reichel an, unentschlossen. Die zurückliegenden 65 Minuten hatten viel Kraft gekostet, waren zermürbend, weil aus so vielen Chancen so wenig Tore entsprangen. Das schien den 18-Jährigen beim letzten Penalty des langen Abends zu lähmen. Reichel traf nicht, die Eisbären Berlin verloren in der neunten Partie das erste Heimspiel der Saison.

Er musste sich nicht grämen. Trotz des 2:3 nach Penaltyschießen gegen Wolfsburg demonstrierte der Tabellenführer der Gruppe Nord in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) sein Potenzial. „Mit der Art und Weise, wie wir gespielt haben, können wir zufrieden sein“, befand Trainer Serge Aubin. Sein Team erlaubte sich keine Schwächephase, hielt die gesamte Partie über das Tempo hoch, kontrollierte die Niedersachsen mit klugem Kombinationsspiel. Nur konnten die Eisbären den gegnerischen Torhüter diesmal zu selten überwinden. Halfen den Gästen dafür mit zwei abgefälschten Schüssen, den eigenen Schlussmann zu verladen. Pech, das man nach fünf Siegen in Serie und bei großem Vorsprung in der Tabelle gut verkraften kann.

Vergangene Saison brauchten die Eisbären lange, um die richtige Form zu finden

Der Stand in der Rangliste dokumentiert, dass die Berliner in ihrer Entwicklung schon weiter fortgeschritten sind als in der vergangenen Saison. Was auf der einen Seite für die kontinuierliche Arbeit von Trainer Aubin spricht, aber auf der anderen auch belegt, dass der Kanadier selbst mit schwierigen Konstellationen umzugehen weiß. Schließlich hatten die Berliner mehr Abgänge zu verzeichnen als geplant, mussten mehr neue Spieler integrieren. „Das hat man am Anfang auch gemerkt. Es brauchte Zeit, bis wir alle dort hatten, wo wir sie haben wollten“, sagt Aubin. Dennoch gelang die Anpassung sehr schnell.

Natürlich konnte der 46-Jährige die Basis dafür schon in seinem ersten Jahr bei den Berlinern legen. „Der Kern der Mannschaft ist ja immer noch da“, so Aubin. Diesen Profis vermittelte er bei seinem Start die Inhalte, die ihm wichtig sind: Tempo, Leidenschaft, Kampfgeist. Nach und nach setzte das Team seine Idee von einem laufintensiven Offensivspiel immer besser um, arbeitete sich in der Tabelle an die Top drei heran und wirkte vor dem Play-off in der perfekten Form, um die nicht mehr ganz so souveränen Mannheimer und Münchner zu attackieren. Nur leider fand das Play-off wegen der Pandemie nicht statt.

Die Eisbären haben starke Individuen, aber ein noch stärkeres Team

Genau an diesem Punkt weiterzumachen, das war dem früheren NHL-Profi nicht möglich wegen der unerwartet hohen Fluktuation im Kader. Er musste einen Schritt zurückgehen, neu ansetzen. „Aber wir haben wirklich viel Qualität dazubekommen. Sicher war es eine Art Neustart, doch ich konnte in jedem Spiel Wachstum sehen, die Rollen wurden schnell klarer, die Chemie passte immer besser“, sagt Aubin, der eine ganze Reihe gefährlicher Stürmer hinzubekommen hat. Er konnte ihnen seine Pläne gut darlegen, versteht insgesamt den Umgang mit den Spielern, redet viel mit ihnen und kommt damit gut an beim Team.

Die Offensive prägt das Spiel der Eisbären, doch darauf will der Trainer sein Team nicht reduzieren. „Wir sind vorn sehr dynamisch, aber mit gefällt es richtig gut, wie sehr die Mannschaft sich um die ganze Defensive kümmert. Wir wollen ein komplettes Spiel auf beiden Seiten der Eisfläche abliefern, mit und ohne Puck“, sagt der Trainer, eine ganze Palette an Fähigkeiten bei seiner Mannschaft sieht, am meisten jedoch von der Arbeitseinstellung beeindruckt ist. Trotz der vielen individuell starken Akteure „spielt hier keiner für sich selbst, alle wollen wirklich gewinnen. Deshalb gehen wir auf die Jagd und wollen den Puck gleich zurück, wenn wir ihn nicht haben“.

Die Eisbären Berlin müssen am Freitag in Bremerhaven antreten

Eben dieses Auftreten begeistert. Es hat dazu beigetragen, dass Aubin längst über den Status hinweg ist, hauptsächlich wegen seiner Vergangenheit in Hamburg, wo er einst an der Seite von Sportdirektor Stéphane Richer zum Cheftrainer aufstieg, für die Aufgabe in Berlin qualifiziert zu sein. Das war der Vorbehalt bei vielen Fans, unter dem Aubin antrat. Doch Richer, jetzt beim EHC der Sportliche Leiter, hat einen Mann nach Berlin geholt, der klare Vorstellungen hat und eine Mannschaft davon überzeugen kann, diese auf das Eis zu bringen. Der nicht nur kommunikativ ist, sondern auch konsequent. Der hin und wieder öffentlich Kritik übt. Der junge Spieler einbaut und dafür sogar Ausländer – was keineswegs selbstverständlich ist – draußen lässt, wie jüngst der Abgang von Stefan Espeland zeigte.

Aubin, der 2017 in Österreich mit den Vienna Capitals den Titel gewann, gibt den Berlinern genau das, was sie sich gewünscht haben. So erfrischendes, entfesseltes, mitreißendes Eishockey zeigten die Eisbären zuletzt in ihren großen Meisterjahren, die schon wieder eine Weile zurückliegen. Vor ein paar Wochen noch sagte Richer: „Das ist ein Übergangsjahr.“ Viele alten Helden gingen, junge Spieler kamen stattdessen. Doch plötzlich scheint sogar der Titel in Reichweite. „Wenn wir alle Mann dabeihaben, können wir richtig Gas geben“, sagt Serge Aubin, der am Freitag mit dem EHC in Bremerhaven spielt (18.30 Uhr/Magentasport): „Wir bewegen uns in die richtige Richtung.“ Daran ändert auch das Ergebnis gegen Wolfsburg nichts.

Noch mehr zu den Eisbären Berlin finden Sie hier.