Eisbären Berlin

Eisbären-Chef Lee: „Dürfen stolz sein, dass alle spielen"

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Marcel Stein
Kai Wissmann (r.) spielt mit den Eisbären bislang gut mit in der Gruppe Nord der DEL.

Kai Wissmann (r.) spielt mit den Eisbären bislang gut mit in der Gruppe Nord der DEL.

Foto: nordphoto GmbH / Engler / picture alliance / nordphoto GmbH / Engler

Peter John Lee, Geschäftsführer der Eisbären Berlin, spricht über den Zusammenhalt der DEL und die Folgen der Pandemie.

Berlin. Der Start in die Saison war eine schwere Geburt für die Deutsche Eishockey Liga (DEL), statt im September ging es erst drei Monate später los. Mit einigen Veränderungen wie der Einteilung in zwei regionale Gruppen und einer reduzierten Anzahl an Spielen. Wenn die Eisbären Berlin am Sonntag in Wolfsburg antreten (17 Uhr, Magentasport/Sport1), ist die Hälfte des ersten Teils der Hauptrunde absolviert. Eine gute Gelegenheit für ein Zwischenfazit in einer alles andere als normalen Saison. Eisbären-Geschäftsführer Peter John Lee (65) spricht über den Zusammenhalt der Liga in schwierigen Tagen und die Folgen der Pandemie.

Berliner Morgenpost: Herr Lee, die Saison in der DEL läuft bislang störungsfrei. Hätten Sie das erwartet?

Peter John Lee: Niemand kann in eine Glaskugel schauen und sagen, dass alles bis zum Ende perfekt läuft. Wir wissen, dass wir flexibel sein müssen. Aber ich kann sagen, dass die Spieler und Mitarbeiter wirklich sehr diszipliniert sind, dass die Vereine versuchen, alles zu tun, was notwendig ist, damit der Betrieb laufen kann. Trotzdem müssen wir sehen, wie sich alles entwickelt. Das Virus agiert sehr unvorhersehbar.

Worin bestehen die Grundzüge dieses erfolgreichen Konzepts?

Wir haben einen Hygiene-Beauftragen, der für das Hygiene-Konzept verantwortlich ist beim Training, bei den Heim- und Auswärtsspielen. Er steht auch in Kontakt mit den verschiedenen Gesundheitsämtern. Wir reduzieren zudem die Meetings in großen Gruppen, wir fahren nur noch mit dem Bus, beschränken die Reisen in der ersten Saisonphase auf regionale Gruppen. Alle sind sich der Bedeutung der Maßnahmen bewusst.

Es hagelte viel Kritik für die DEL, weil sich der Saisonstart solange hingezogen hat. Sicher fiel das Warten niemandem in der Liga leicht, aber am Ende war die Entscheidung wohl richtig und dürfte nun auch die Kritiker überzeugen.

Ich denke, wir haben das alle ganz vernünftig gemacht. Es war absehbar, dass es eine zweite Welle geben würde. Wie hart sie uns treffen würde, wusste aber niemand. Als klar war, dass die Zuschauer wohl nicht zurückkehren können, hatte jeder die Möglichkeit, in Ruhe mit Sponsoren und Partnern zu reden. Natürlich auch mit den Spielern. Schließlich wurde eine Lösung gefunden, damit die Saison beginnen kann. Obwohl nicht alles optimal abgelaufen ist und es nicht immer einfach war in den Diskussionen, haben Liga und Spieler zusammengehalten und beide Seiten haben einen gemeinsamen Willen gezeigt.

Das Niveau der Spiele ist ohne Zuschauer überraschend gut

Der Weg bis zum Start war beschwerlich, an vielen Standorten wurde gezittert, ob eine Teilnahme realisierbar ist. Wie haben Sie das persönlich erlebt? Als Ihre schwerste Saison bei den Eisbären? Oder waren die Jahre vor Anschutz schwieriger?

Früher lagen die Probleme etwas anders. Dass vor dem Einstieg der Anschutz-Gruppe 1999 als Gesellschafter das Geld knapp war, gehörte zum Alltag bei den Eisbären und im Eishockey. Das, was jetzt passiert ist, dafür gab es kein Beispiel. Das hat niemand erahnen können. Deshalb war der Umgang damit so schwierig, weil nicht nur ein Detail Sorgen gemacht hat, sondern einfach so viele Ebenen nicht überschaubar waren. Wir mussten so viel reden und klären wie noch nie. Und wir hatten schon etwas Angst, dass die Saison ohne Zuschauer nicht starten kann. Umso mehr freuen wir uns, dass die Liga zusammen zu einer Lösung gekommen ist. Wir dürfen stolz sein, dass alle 14 Mannschaften es geschafft haben zu spielen.

Wie ist jetzt das Gefühl, ohne Zuschauer in der großen Mercedes-Benz Arena zu sein?

Für mich verändert sich damit das Spiel. Wenn die Zuschauer da sind, bringen sie die Stimmung in ein Spiel. Die Atmosphäre beeinflusst das Adrenalin bei den Profis, sie gibt ihnen Schwung. Jetzt liegt alles bei den Spielern selbst, und ich bin überrascht, wie gut das Eishockey-Niveau unter diesen Voraussetzungen ist.

Zu Hause kann Ihr Team mit den neuen Bedingungen sehr gut umgehen, auswärts eher nicht. Warum nicht?

Vielleicht spielt es dabei schon eine Rolle, dass wir jetzt bei den Auswärtsreisen längere Zeit unterwegs sind mit dem Bus. Das war bislang nicht so. Auf der anderen Seite haben die Gegner, wenn sie zu uns kommen, das gleiche Problem mit den langen Reisen.

Sie mussten die Mannschaft deutlich stärker verändern als beabsichtigt, was zum größten Spielertausch der vergangenen Jahre führte. Hängen die wechselhaften Ergebnisse auch damit zusammen, dass die Mannschaft noch etwas Zeit braucht, sich zu finden?

Normalerweise dauert es ein bisschen, bis ein Team zusammenwächst bei so vielen neuen Spielern. Aber das funktioniert trotz allem in kurzer Zeit schon ganz gut, die Mannschaft wirkt weitgehend stabil. Der Trainerstab und Sportdirektor Stéphane Richer haben das Team gut aufgestellt. Darauf können wir hoffentlich in den nächsten Monaten aufbauen.

Eisbären-Profis mussten auf mehr als nur 25 Prozent Gehalt verzichten

In der Gruppe Nord haben Sie bereits alle Teams live gesehen. Sie verfolgen aber sicher auch, was im Süden passiert. Was sehen Sie dort?

Man hört öfter, dass die Süd-Gruppe hier und da besser sein soll. Mannheim und München sind wohl keine Überraschungen, und aus dem Norden hätten neben uns auch ganz sicher Bremerhaven und Düsseldorf oben mitgespielt in einer normalen Saison. Nur Krefeld hatte mit vielen Turbulenzen zu kämpfen.

Wo könnten sich die Eisbären einordnen, wenn es in das Play-off geht?

Möglich ist in dieser Saison alles, denn du weißt nicht, was dir noch alles widerfahren kann. Das gilt für Verletzungen, aber auch eventuelle Corona-Fälle. Wenn das passiert, wird man sehen, ob der Kader tief genug ist. Es wäre in jedem Fall schön, wenn wir die Qualifikation für die Champions Hockey League schaffen könnten als Gruppenerster.

Die Einsparungen, die Liga und Klubs in dieser Saison leisten mussten, waren enorm. Teilweise ist bei manchen Vereinen von bis zu 60 Prozent Gehaltsverzicht der Profis die Rede. Wie sieht es diesbezüglich bei den Eisbären aus?

Das Budget, mit dem wir ursprünglich die Saison geplant hatten, war nicht realisierbar. Jeder im Klub musste verzichten dafür, dass wir überhaupt spielen können. Auch bei unseren Profis ist es nicht nur bei den 25 Prozent Gehaltsverzicht geblieben, die von der DEL gefordert wurden, sondern deutlich mehr geworden.

Trotz allen Sparens und Verzichtens wird dennoch bei vielen Klubs nachverpflichtet. Wäre es da nicht sinnvoller, noch mehr junge deutsche Spieler heranzuführen an die DEL?

Grundsätzlich haben wir im Sommer bei den Eisbären schon drei bis vier Profis weniger verpflichtet, als normal im Kader wären. Und unsere Quote an jungen Spielern ist dabei erneut gestiegen. Wir müssen trotz der Umstände darauf achten, dass unser Kader den Herausforderungen der Liga entspricht. Das ist bei der Saisonplanung einkalkuliert worden.

Auch die nächste Saison müssen die Eisbären konservativ angehen

Üblicherweise wären Sie jetzt schon mit den Planungen für die neue Saison befasst. Rechnen Sie da bereits wieder mit normalen Verhältnissen?

Die DEL wird die nächste Saison sehr konservativ angehen müssen. Keiner sollte erwarten, dass alles wieder den Status von 2019/20 erreicht. Ich denke, es dauert mindestens noch ein bis zwei Jahre, bis wir dort wieder hinkommen. Die Einnahmesituation ist weiterhin unklar. Darum muss man sehr vorsichtig sein. Ich kann gerade unserem Sportdirektor nicht sagen, was für einen Vertrag wir einem neuen Spieler für die nächste Saison anbieten sollten. Es wird daher noch einige Zeit vergehen, bis Verträge für die nächste Saison abgeschlossen werden.

Herr Lee, Sie sind kürzlich 65 Jahre alt geworden, könnten bald an den Abschied vom Arbeitsleben denken. Welchen Gefallen finden Sie nach einem ganzen Leben im Eishockey und über 25 Jahren bei den Eisbären noch an einer so unkalkulierbaren Situation, wie sie sich jetzt darstellt?

Wie schnell die Zeit vorbeigeht, wenn die Arbeit Spaß macht.

Wäre vielleicht der nächste Titel ein guter Zeitpunkt, um sich zur Ruhe zu setzen?

Vielleicht steigert der aber auch nur die Lust, noch mehr Titel zu gewinnen.

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