Berliner Spaziergang

Ein Eisbär mit einer Vorliebe für den Tiergarten

Wir treffen Menschen zum Spaziergang, die in der Stadt etwas bewegen. Heute: Serge Aubin, Cheftrainer der Berliner Eisbären.

Serge Aubin mit seinem Bearded Collie namens Denver im Tiergarten.

Serge Aubin mit seinem Bearded Collie namens Denver im Tiergarten.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Der Wuschelkopf kommt allein. Nicht ganz natürlich, sein Herrchen läuft schließlich neben ihm her, aber Ashley fehlt. Weil sie nicht mehr die Jüngste ist und kaum mehr als eine halbe Stunde durchhält. Daher lässt Serge Aubin Fürsorge walten, denn unser Spaziergang durch den Tiergarten wird deutlich länger dauern. Kein Problem für Denver, den Wuschelkopf, er ist in der Blüte seiner Jahre und strotzt vor Kraft. Schnappt sich zum Beweis gleich einen großen Stock und schleppt ihn lässig im Maul mit.

Serge Aubin schlendert – das passt gut zu ihm, er ist ein ruhiger, kein hektischer Typ – oft durch Berlins grüne Mitte. In den vergangenen Monaten hatte er sehr viel Zeit dazu, nicht nur, weil die Eisbären Berlin und die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) ohnehin in der Sommerpause waren. Diese wurde durch die Corona-Pandemie immer länger und länger, einen sicheren Starttermin für die neue Saison gibt es noch immer nicht, Mitte Dezember erst soll es soweit sein. Aber wenigstens läuft die Vorbereitung, er darf wieder das Mannschaftstraining leiten. Das hat dem Coach gefehlt.

Sie waren so viel unterwegs wie nie, meist im Tiergarten

Gegen die Wehmut halfen die Hunde. Obwohl er früher nie ein großer Tierfreund war. Das hat sich durch Denver und Ashley verändert. „Das Schöne an Hunden ist, sie sind immer positiv eingestellt. Der Schwanz wedelt, das Leben ist schön. Das gibt einem selbst neue Energie“, sagt der 45-Jährige, der stets etwas nachdenklich ausschaut. Vor allem in der langen Zeit des Wartens auf neue Entwicklungen taten ihm die Tiere gut, sie waren so viel unterwegs wie nie, meist im Tiergarten.

Aubin lächelt, wenn er über diesen Park spricht. Trotz seiner kräftigen Statur wirkt er sanftmütig, erfreut sich an den Dingen, die ihn umgeben. Die Natur, die Tiere, seine Familie. Der Kanadier ist genügsam, fährt gern mit seiner Frau mit dem Rad durch die Gegend und entdeckt die Stadt.

Wir starten am Rosengarten. Denver – ein Bearded Collie, der wegen des heißen Sommers noch immer einen modischen Kurzhaarschnitt trägt – kennt sich offenbar aus, marschiert voran. Aubin liebt die Blumen, die hier im Sommer so toll blühen. Seit etwas mehr als einem Jahr lebt der Kanadier in Berlin, erst jetzt konnte er die Stadt richtig kennenlernen. Die nahezu täglichen Spaziergänge im Tiergarten ließen Aubin oft abschweifen vom Alltag.

In Kanada hatten sie ein Haus am See

Manchmal auch an daheim denken. Die Ruhe und die Weite des Tiergartens erinnern den Trainer etwas an Kanada, an Val d’Or, eine Kleinstadt in der Provinz Quebec. Ein guter Ort, um einen Lockdown zu verbringen, erzählt er, als wir das Lortzing-Standbild passieren. „Dort hatten wir ein Haus am See“, so Aubin. Das Haus hat er vor zwei Jahren verkauft, weil die drei Kinder groß sind, sich das Leben der Familie in Europa abspielt. Sie brauchen es einfach nicht mehr.

Seine Mutter wohnt aber noch in Val d‘Or, sie will bald nach Berlin kommen, wenn es möglich ist. Sie möchte sehen, wohin es den Sohn nun verschlagen hat. Und wie Mütter so sind, wird sie dann auch darüber sprechen, wie alles begonnen hat. Anfangs war alles nur ein Spiel, mit 15 Jahren hatte Aubin dann die Chance, seine Heimatstadt zu verlassen. Der Wettbewerb wurde härter, im eishockeyverrücktesten Land der Welt bekommt niemand etwas geschenkt auf dem Weg nach oben. „Ich war lange nicht sicher, ob ich es schaffen würde.“ Als in der Juniorenzeit der Erfolg kam, dachte er, dass es vielleicht doch möglich wäre, Profi zu werden. Mit 20 Jahren hielt Aubin schließlich den ersten Vertrag in der Hand.

Gespielt hat er nie für die Pittsburgh Penguins aus der NHL, nur für deren Ausbildungsklubs. In der besten Eishockeyliga der Welt bedeutet ein Vertrag nicht immer alles. „In der NHL gibt es keine Wurzeln.“ Wer nicht zu den Stars gehört, wird viel hin- und hergeschoben. Wir laufen am Rhododendronhain entlang zur Luiseninsel, Denver bleibt ganz cool, als zwei Kläffer angerannt kommen. Und Aubin taucht ein in seine Erinnerung. Diese eine Frage hat er nie vergessen. Colorado Avalanche hatte ihn verpflichtet, gab ihm die Chance auf NHL-Einsätze. Er kam als Torjäger, als bester Punktesammler der zweiten Liga. Die Trainer zeigten ihm die Aufstellung des Teams. Es war gespickt mit Stars – und die Trainer wollten von ihm wissen, ob er glaube, hier zu sein, um Tore zu schießen. Er sagte nein.

Seine Kinder haben die meiste Zeit in Europa verbracht

Es war die richtige Antwort, das Team suchte nach jemandem, der Energie und Leidenschaft mitbringt, in Unterzahl auf das Eis kann. Der Mittelstürmer hatte eine kurze Zeit, um sich anzupassen. „Sonst hätten sie jemand anders genommen. Damals habe ich gelernt, Respekt vor jeder Rolle in der Mannschaft zu haben, denn es ist schließlich ein Teamspiel“, sagt Aubin, für den diese Erkenntnis später als Trainer besonders wichtig wurde. In die Torjägerrolle kam er in der NHL nie zurück, auch bei späteren Klubs in Columbus und Atlanta nicht. Dafür etablierte er sich, fand seine Nische und stand mit Colorado sogar im Halbfinale. Doch irgendwann sah er sich erneut mit einer entscheidenden Frage konfrontiert. „Ich habe gemerkt, dass es schwerer wird, dass alles sehr schnell geht in der NHL.“ Als 2006 der Vertrag in Atlanta auslief, sollte er zunächst warten. „Aber wir hatten inzwischen drei Kinder, ich wollte Stabilität“, sagt der frühere Angreifer. Was also tun?

Mit der und für die Familie beschloss er, nach Europa zu gehen. Als wir die Luiseninsel umrunden, erzählt Aubin, dass er nicht weiß, ob er überhaupt noch einmal zurück will in die Heimat. Seine Kinder haben die meiste Zeit ihres Lebens in Europa verbracht. Lediglich der ältere Sohn (19) studiert jetzt in Kanada. Seine Tochter (20) studiert in der Schweiz, der jüngere Sohn (17) geht hier in Berlin auf das französische Gymnasium. „Europa ist ihre Heimat geworden und dadurch auch unsere“, erzählt Aubin, der sehr geerdet ist. Wir müssen aufpassen, überall lassen Rasensprenger es auf einmal regnen. Kurz darauf trimmen Landschaftspfleger die Bäume, vorbei ist es mit der Ruhe im idyllischen Tiergarten.

In Genf war er wieder Topspieler

Die Entscheidung, die NHL zu verlassen, fiel Aubin schwer. „Aber heute bin ich so glücklich darüber, dass ich den Schritt gewagt habe.“ In Genf durfte er wieder tun, was ihm viel mehr Spaß machte. Er war wieder der Topspieler, einer der wichtigsten Männer auf dem Eis, der Typ für die Tore und die Vorlagen. „Das habe ich schon vermisst in der NHL.“ Die Schweiz, ein Synonym für Lebensqualität, aber auch ein Land, in dem gutes Eishockey gespielt wird. Fünf Jahre verbrachte er in Genf und Fribourg. Die Familie führte ein Leben, das keine überraschenden Wohnortwechsel wie in der NHL mehr bereit hielt. Wie alle Nordamerikaner musste er sich erst einmal daran gewöhnen, dass Supermärkte nicht rund um die Uhr geöffnet haben. Zum ersten Mal zog er auch in eine normale Wohnung, statt in einem Haus zu wohnen. Aber alle fühlten sich schnell wohl. Was auch daran lag, dass es auf dem Eis so gut lief.

Inzwischen sprüht das Wasser von allen Seiten auf den Rasen. Wir sind bis zum Hauptweg gelaufen, biegen aber wieder ab in Richtung Rosengarten. Denver findet das gut, er kann sich abseits des großen Pfades freier bewegen. Sein Herrchen erzählt, dass er damals in der Schweiz hätte bleiben können. Doch dann kam dieses Angebot aus Hamburg, er schaute sich alles an. In der Schweiz spielte er oft in alten, kleinen Hallen. Dort stand diese hypermoderne Arena. „Das hat mir zugesagt“, so Aubin, der als Spieler noch einmal ein letztes Abenteuer wagen wollte.

Im Spiel gegen Berlin brach er sich erneut den Daumen

Es war eines mit Folgen, Denver stieß dort zur Familie. Aubin traf aber auch auf Stéphane Richer. Der war damals Sportchef in Hamburg, und er ist es seit ein paar Jahren bei den Eisbären. Eigentlich wollte Aubin noch etwas spielen, die Zeit genießen. Doch binnen eines Jahres häuften sich die Verletzungen, er musste mehrfach operiert werden. Anfang September 2012, ausgerechnet bei einem Spiel in Berlin gegen die Eisbären, brach er sich erneut den linken Daumen. Es war sein letzter Auftritt als Profi. Richer bat ihn, trotzdem beim Team zu bleiben, einen Vertrag für die ganze Saison hatte er ohnehin.

Dabei entdeckte er etwas, was ihm so nicht bewusst gewesen ist: Dass sich vielleicht eine Zukunft als Trainer ergeben könnte. „Als ich älter wurde, hatte ich immer mehr Spaß daran, den jungen Spielern zu helfen“, sagt Aubin, als wir die Große Sternallee erreichen. In Hamburg hatten sie einige Talente, denen er viel beibringen konnte. Er war der große Bruder und „hatte das Gefühl, ich verstehe die Spieler und weiß, was notwendig ist, um Erfolg zu haben“. In der nächsten Saison bot Richer ihm an, Assistenztrainer zu werden. Nur ein Jahr und vier Spiele später machte Richer ihn nach der Entlassung von Benoit Laporte zum Cheftrainer.

„Man kann sich Erfahrung nicht kaufen“

Ein sehr kurzer Weg auf diese Position. Zu kurz? „Nein, niemals.“ Aubin antwortet sehr entschieden, fast so, als würde ihn die Frage kränken. „Ich war bereit dafür, sonst hätte es nicht gemacht. Man kann sich Erfahrung nicht kaufen, man muss irgendwo anfangen“, sagt er. Aubin lernte unterwegs, was ihm noch fehlte. Gut zwei Jahre stand er in Hamburg an der Bande, dann wurde der Klub 2016 geschlossen. Aubin wechselte für zwei Jahre nach Wien, wurde im ersten Jahr sofort Meister. Anschließend ging er wieder in die Schweiz, nach Zürich diesmal, wo dann auch Ashley als zweiter Hund in die Familie kam, und wurde dort nach nicht mal einem halben Jahr entlassen.

Denver stromert wieder zwischen den Bäumen umher. Aubin ruft ihn, er reagiert sofort. Die beiden sind ein gutes Team. Mit einer Mannschaft umzugehen, ihr etwas beizubringen, in den wichtigen Momenten die richtigen Tipps zu geben, darin ist der Trainer mit der Zeit versierter geworden. „Ich bin effizienter jetzt, habe mehr Werkzeuge in meiner Tasche. Es ist leichter, sich in verschiedenen Spielsituationen zurechtzufinden“, erzählt er, während wir wieder umdrehen und den Rosengarten ansteuern. In den wenigen Jahren als Trainer erlebte er große Gegensätze, musste erfolgreiche Spieler motiviert halten, den Misserfolg verdauen und überwinden. „Das hat alles geholfen, als Trainer zu wachsen“, sagt Aubin.

Manche der Fans sahen seine Berufung zu den Eisbären auch kritisch

Trotzdem war es wohl weniger allein seine Reputation, sondern eher die Verbindung zu Richer, die ihm im Sommer 2019 die Chance eröffnete, in Berlin anzufangen. Was von Teilen der Fans durchaus kritisch gesehen wurde. Aubin musste sich natürlich den Anforderungen stellen, mit jungen Spielern arbeiten, attraktives und leidenschaftliches Eishockey anbieten – das verlangten die Eisbären von ihm. Und Erfolg selbstverständlich, das gehört beim Rekordmeister der DEL nun mal dazu. „Wir haben große Fortschritte gemacht vergangene Saison, aber zufrieden bin ich nicht“, so der Trainer, der mit Platz vier in der Punkterunde im Soll war, doch durch den Corona-bedingten Abbruch der Saison vor dem Play-off nicht das ganze Potenzial seines Teams abrufen konnte.

Aber der Weg stimmt für Aubin und seine Mannschaft. Unsere Route führt wieder zum Ausgangspunkt, und der Trainer sagt, dass er bei seinen Tiergarten-Spaziergängen mit den Hunden oft darüber sinniert hat, wie es weitergehen soll. „Vor allem darüber, was man anders und besser machen kann, wenn es wieder losgeht.“ Wann das sein wird, kann gerade niemand vorhersagen. Das lässt die Stimmung im Klub hin und wieder schwanken, „mental werden wir alle auf eine Weise geprüft, die wir nie erwartet haben“, sagt Aubin mit nachdenklichem Blick. Zu seinen Füßen schaut Denver zu ihm auf, hechelt mit langer Zunge. Der Schwanz wedelt, das Leben ist schön.

Zur Person: Serge Aubin

Spieler Als Eishockeyprofi verbrachte der Kanadier, der am 15. Februar 1975 in Val d’Or geboren wurde, die wichtigste Zeit seiner Karriere in der nordamerikanischen NHL, stand dort mit Colorado sogar im Halbfinale des Play-offs. In 396 NHL-Spielen schoss er 44 Tore, gab 65 Vorlagen. Zwischen 2006 und 2011 war Serge Aubin in der Schweiz, spielte für Genf und Fribourg-Gotteron. In 243 Partien traf er dort 96 Mal und gab 151 Vorlagen. Sein letztes Spiel als Profi absolvierte Aubin 2012 als Hamburger.

Trainer Bei den Hanseaten wurde er 2013 auch Assistenztrainer, bereits 2014 sogar Cheftrainer. Zwei Jahre später ging der Kanadier zu den Vienna Capitals und gewann dort sofort die Meisterschaft. Als er 2018 nach Zürich zu den ZSC Lions wechselte, wurde er im Januar 2019 bereits entlassen. Im Sommer 2019 trat Aubin sein Amt bei den Eisbären Berlin an.

Spaziergang Wir treffen uns am Rosengarten im Tiergarten. Von dort geht es entlang dem Wasser bis zur zweiten Brücke, über die wir zum Rhododendronhain laufen. Diesem folgen wir und umrunden schließlich die Luiseninsel, folgen wieder dem Gewässer bis hin zum Hauptweg. Nach ein paar Metern auf diesem geht es in Richtung Rosengarten, über die Brücke hinweg zur Großen Sternallee. In einem großen Bogen laufen wir dann zurück zum Rosengarten.