Eishockey

Trotz Corona-Krise: In der NHL boomt die neue deutsche Welle

Die nächsten Deutschen drängen in die NHL. Einer von ihnen ist Eisbären-Stürmer Reichel, doch die Corona-Krise zwingt ihn zur Geduld.

Deutscher Star in Nordamerika: Eishockeyprofi Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers.

Deutscher Star in Nordamerika: Eishockeyprofi Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers.

Foto: Michael Dwyer / picture alliance/AP Images

Berlin. Wenn die Zeit lang ist, schweifen die Gedanken hin und her. Auch bei Leon Draisaitl. Normalerweise befände sich der Stürmer der Edmonton Oilers derzeit wohl im Play-off der nordamerikanischen NHL, doch wegen der Corona-Pandemie ruht der Betrieb in der besten Eishockeyliga der Welt. Also kann Draisaitl in Interviews von Dingen berichten, die ihm so im Kopf umhergeistern. Etwa, dass er am Karriereende noch einmal gern bei den Kölner Haien in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) spielen würde.

Nun, Draisaitl ist gerade 24 Jahre alt. Das rückt den Plan in weite Ferne. Außerdem ist der gebürtige Kölner nicht irgendein Durchschnittsprofi, für den das Szenario realistisch wäre. Der Nationalspieler ist dabei, Geschichte zu schreiben. Vergangene Saison war er bereits viertbester Punktesammler der Liga mit 105 Zählern, zweitbester Torschütze mit 50 Treffern. In der aktuellen Saison liegt er an der Spitze der Scorerliste, verbuchte in 71 Partien 110 Punkte (43 Tore/67 Vorlagen). Nie zuvor stand ein Deutscher am Ende einer Spielzeit ganz oben in der NHL-Punktewertung. Solche Stars finden selbst am Ende ihrer Laufbahn gewöhnlich kaum in die DEL.

Auch die NHL ringt darum, die Saison zu Ende zu spielen

Draisaitls Entwicklung beeindruckt auch in Berlin. „Er hat ein Wahnsinnsjahr“, sagt Peter John Lee, der Geschäftsführer der Eisbären. Mit Connor McDavid (97 Punkte, Platz zwei) haben die Oilers den derzeit wohl komplettesten Stürmer der Welt in ihren Reihen, „aber Leon zeigt, dass er nicht hinter ihm zurücksteht“, so Lee. Er avanciert zum Superstar, zu einer der größten Attraktionen seiner Sportart. Unabhängig davon, wie die Saison am Ende gewertet wird.

In der NHL liegen die Verhältnisse ähnlich wie in der deutschen Fußball-Bundesliga. Es geht um jede Menge Geld, man will die Saison am liebsten zu Ende spielen. Notfalls bis in den August hinein mit dem Rest der Punkterunde und dem Play-off. Aber selbst ein Abbruch der Saison ist schon ein Thema. „Wenn etwas dazwischen kommen würde, würde ich trotzdem keinen Schlaf darüber verlieren. Dann werde ich es halt hoffentlich nächste Saison“, sagt Draisaitl zu der Aussicht, diesmal vielleicht noch nicht als offizieller Topscorer in die Annalen der Liga einzugehen.

Ungewissheit in der NHL wirkt bis zu den Eisbären

Je nachdem, welches Szenario in der NHL letztlich eintreffen wird, werden die Auswirkungen bis nach Deutschland, bis nach Berlin zu spüren sein. Der Liga-Höhepunkt im Sommer ist regelmäßig der Draft, die jährliche Talentewahl der Klubs. Am 26./27. Juni sollte sie in Montreal stattfinden, ist aber auf unbestimmte Zeit verschoben. Mit Tim Stützle (18/Mannheim), John Peterka (18/München) und Lukas Reichel (17) von den Eisbären stehen diesmal gleich drei junge DEL-Stürmer zur Wahl. Alle könnten schon in der ersten Runde gezogen werden, befinden sich auf der Liste der europäischen Spieler unter den besten elf. Stützle wird sogar eine Einordnung ähnlich wie Draisaitl zugetraut, der 2014 an dritter Stelle ausgewählt worden war.

Ob die Nachfolger von Draisaitl aber so schnell den Sprung in die NHL schaffen wie er und für eine neue deutsche Welle sorgen, ist durch die Corona-Krise fraglich. Viel hängt davon ab, wann der Draft wirklich stattfinden kann, welche Möglichkeiten für Trainingscamps bleiben, wenn zwischen der aktuellen und der nächsten Saison nur wenig Zeit ist. „Alles hängt in der Luft“, sagt Lee. Im Normalfall hatte er damit gerechnet, Supertalent Reichel in der nächsten Saison nicht in Berlin zu haben: „Aber die Wahrscheinlichkeit, dass er hier bleibt, ist größer als in einem normalen Jahr.“ Für die Eisbären wäre eine weitere Saison von Reichel in Berlin zweifelsohne ein Gewinn.

Früher oder später wird sein Weg ebenso wie der von Stützle und Peterka in die NHL führen, so viel ist sicher. Die drei Talente, glaubt Lee, „haben das Potenzial, das deutsche Eishockey in Nordamerika noch präsenter zu machen“. Obwohl sich Leon Draisaitl dabei bereits allergrößte Mühe gibt.

Noch mehr zu den Eisbären Berlin lesen Sie hier.