Eisbären Berlin

Ex-Eisbären-Coach Tomlinson: Mit neuer Niere an der Bande

Beruflich läuft es für Ex-Eisbär Jeff Tomlinson in der Schweiz bestens, gesundheitlich musste er viel größere Prüfungen bestehen.

Der frühere Eisbären-Trainer Jeff Tomlinson steht in Rapperswil an der Bande.

Der frühere Eisbären-Trainer Jeff Tomlinson steht in Rapperswil an der Bande.

Foto: Alessandro Della Valle / picture alliance/KEYSTONE

Berlin. Die vergangene Woche war ruhig. Passend zur Jahreszeit eigentlich, aber auch ungewöhnlich für jemanden, der im Eishockey zu Hause ist. In der Schweiz pausiert die Spitzenliga zwischen den Jahren, der Spengler Cup in Davos genießt dann Priorität und verschafft den meisten Profis und Verantwortlichen der NLA heimelige Weihnachten sowie ein entspanntes Silvester.

Die reduzierte Aufregung kommt Jeff Tomlinson gelegen. Noch zumindest. Hinter ihm liegen intensive Monate, in denen es um seine Gesundheit nicht gut bestellt war. Inzwischen lebt der frühere Spieler und Trainer der Eisbären Berlin mit einer Spenderniere, erholt sich noch immer von der Transplantation. „Mir geht es eigentlich perfekt“, sagt der 49-Jährige.

Trotzdem ist nun vieles anders. Der Körper muss sich an das neue Organ gewöhnen, Medikamente schalten dazu das Immunsystem weitgehend aus. Ein Fieber brachte ihn deshalb kürzlich erst für ein paar Tage ins Krankenhaus. „Ich bin jetzt quasi offen für alles. Mein Körper konnte das Fieber nicht allein bekämpfen“, sagt Tomlinson. Kleinste Dinge können ihn sehr schwächen. Er muss vorsichtig sein. So vorsichtig, wie es eben geht. Denn seine Leidenschaft kann er nicht aufgeben. Tomlinson steht schon wieder an der Bande bei den Rapperswil Jona Lakers.

Was ihm bevorsteht, wusste er, verdrängte es aber

Über 20 Tabletten muss der Deutsch-Kanadier nun täglich einnehmen, damit alles gut funktioniert. „Es werden aber immer weniger mit der Zeit. Und es ist viel besser als Dialyse“, erzählt er. Schon lange wusste Tomlinson, was ihm eines Tages bevorstehen würde. Bereits 1998, als er noch in Manchester spielte, stellten die Ärzte fest, dass er an Zystennieren leidet. Einer erblichen Krankheit, bei der die Nieren im Laufe der Zeit ihre Aufgabe nicht mehr verrichten können. Auch seine Mutter lebt mit einer Spenderniere. Dennoch hat er die Krankheit immer verdrängt. „Ich lebe für heute. Vorbereitet war ich deshalb nie darauf. Als es mit der Dialyse anfing, hat mich die Realität schon umgehauen. Das ging schneller als erwartet“, so der Eishockey-Trainer.

Mittlerweile fühlt er sich von Woche zu Woche kräftiger. Nach dem ersten Spiel seit der Rückkehr an die Bande – nur fünf Wochen nach der Operation Ende Oktober – war er noch schlapp. Das hat sich gelegt, aber ganz so aus sich herausgehen wie sonst kann er noch nicht wieder. „Ich darf nicht mehr so viel fluchen. Das ist einfacher, wenn Mannschaft gut spielt“, sagt er. In jedem Fall spielt das Team viel besser in der vergangenen Saison. Zwar liegen die Lakers auf dem letzten Platz, aber das Play-off ist noch in Reichweite. Eine große Leistung für die Mannschaft aus dem kleinen Ort am Zürichsee.

Erstes Jahr in der NLA von vielen Niederlagen gekennzeichnet

Tomlinson hat dort sein berufliches Glück gefunden. Nach zehn Jahren in Berlin als Spieler und Trainer, nach turbulenten Stationen in Düsseldorf und vor allem Nürnberg ging er in die zweite Schweizer Liga zu den Lakers. Drei Jahre in Folge führte er das Team in das Finale, im dritten Anlauf gelang 2018 der Aufstieg in die NLA. Rapperswil stand mit ihm auch zweimal im Pokalfinale, gewann einmal den Titel und konnte sogar die Klasse halten. Dennoch war die erste Saison in der NLA schwer, nach Jahren des Siegens folgten etliche Niederlagen. „Das war hart, aber wir wussten es von vornherein“, erzählt Tomlinson. Sein Klub hat nun einmal den kleinsten Etat der Liga. Und man wollte als Belohnung in der ersten NLA-Saison fast alle Aufstiegsspieler mitnehmen.

Nun hat ein neuer Manager das Team umgekrempelt. Der einstige DEL-Top-Torschütze Kevin Clark spielt jetzt in Rapperswil, der tschechische Weltmeister Roman Cervenka. „Der beste Eishockeyspieler, den ich je trainiert habe. Wir können ihn uns auch nur leisten, weil er in dieser Region spielen wollte und andere Teams keine freien Plätze mehr hatten“, sagt der Coach. Aus den im Vergleich zur Konkurrenz bescheidenen Mitteln holen die Lakers einiges heraus.

Sportliche Erfolge, aber gesundheitliche Probleme

Auch menschlich geht es ihm im Klub so gut wie nie zuvor. „Ich spüre hier immer Unterstützung, der Verein steht zu mir“, so Tomlinson. Dass hat er früher oft anders erlebt. Deshalb fühlt sich sein Job eigentlich kaum nach Stress an. „Ich gehe so gern jeden Tag arbeiten, die Atmosphäre hier ist ganz anders“, sagt der einstige Stürmer. Gerade spricht er mit dem Klub über eine Verlängerung seines nach der Saison auslaufenden Vertrages. Es klingt eher nach einer Formalie.

Trotz der sportlichen Erfolge waren die vergangenen Jahre aber eben auch von gesundheitlichen Problemen gekennzeichnet. Tomlinson erlitt vor drei Jahren einen Herzinfarkt. Seit Anfang letzten Jahres führte er selbst bei sich eine Bauchfelldialyse durch, weil die Nierenfunktion nur noch bei unter zehn Prozent lag – bis zur Transplantation. „Da kam viel zusammen, das hat mir echt gereicht“, sagt der Trainer, der vor knapp zwei Jahren noch einmal Vater eine kleinen Tochter geworden ist.

Eine Spenderniere von seinem Bruder passte zu ihm

Für die ganze Familie war die Dialyse nicht einfach. „Meinen Job hat das nicht beeinflusst, mein Privatleben aber sehr. Ich konnte im Urlaub nicht schwimmen gehen, Duschen war sehr kompliziert. Ich musste immer alles desinfizieren, immer viel vorbereiten für den Tag. Das war mühsam, und ich merke es jetzt wieder, wie viel Zeit mich das gekostet hat“, erzählt der frühere Berliner. Alle seine Geschwister hätten eine Niere gespendet, sein ältester Bruder Darryl, der keine Kinder hat, war schließlich die beste Option. Die Operation erfolgte in Halle/Saale. „Ein Roboter hat die OP durchgeführt, das ist richtig Hi-Tech.“ Nach zwei Wochen war Tomlinson schon wieder zu Hause.

Obwohl alles gut verlief, darf Jeff Tomlinson es demnächst noch nicht übertreiben. Der Heilungsprozess braucht seine Zeit. So lange muss der Trainer möglichst ruhig bleiben, wenn er bei den Spielen seiner Lakers an der Bande steht. Am 2. Januar geht es nach der Pause zum Jahreswechsel wieder los in der NLA, für Rapperswil mit einer Partie in Davos. Noch wichtiger werden die nächsten Spiele gegen Bern und zweimal Ambri-Piotta, direkte Kontrahenten im Kampf um den letzten Play-off-Platz. Da fällt es schwer, die Sache weitgehend unaufgeregt anzugehen.

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