30 Jahre Mauerfall

Eisbären Berlin: Vom Nischenverein zum Stadtteilzentrum

Kein anderer Verein hat eine so extreme Wandlung erlebt wie die Eisbären, die dabei halfen, die Träume eines US-Investors zu erfüllen.

Die Eisbären locken bis zu 14.200 Fans in die Mercedes-Benz Arena.

Die Eisbären locken bis zu 14.200 Fans in die Mercedes-Benz Arena.

Foto: Paul Zinken / picture alliance / Paul Zinken/dpa

Berlin. Die Zeit ist nicht stehengeblieben im Wellblechpalast. An die Eishalle im Sportforum Hohenschönhausen wurde ein neuer Kabinentrakt angebaut, die Lichtanlage ist inzwischen ganz modern. Aber alles wirkt nur wie ein wenig Kosmetik. Die Vergangenheit lässt sich gefühlt immer noch mit Händen greifen in dieser einstigen Kaderschmiede der DDR, in der die Eisbären Berlin ihren Ursprung haben.

Damals hieß das Team aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL) noch SC Dynamo, spielte mit Weißwasser in der kleinsten Eishockeyliga der Welt den DDR-Meister aus. Ein skurriles Szenario, unvorstellbar eigentlich. Aber die Zeiten waren andere, ganz andere. Damals ließ sich nicht einmal im Ansatz eine Idee dessen entwickeln, was aus Dynamo mittlerweile geworden ist. Selbst lange nach dem 9. November 1989 und der Wende hätte die Fantasie dafür nicht ausgereicht.

Aus Hohenschönhausen in die Glitzerwelt des Entertainments

Dirk Perschau kann sich noch daran erinnern, als er zum ersten Mal dort stand, wo jetzt die Mercedes-Benz Arena thront. „Da war nur Acker gewesen, bildlich konnte man sich gar nicht vorstellen, was hier passieren sollte“, sagt der Teambetreuer der Eisbären. Früher war er Verteidiger, hat in der DDR Titel mit Dynamo gewonnen und auch nach der Wende für die Berliner gespielt. „Die Halle ist ein Highlight, das alles ist Wahnsinn“, findet Perschau. Die Arena und ihr Umfeld sind der Grund, warum sich die Eisbären so sehr gewandelt haben wie kein anderer Klub. Aus einem Ostverein, in einer kleinen Nische am Leben gehalten vom Ministerium für Staatssicherheit, wurde ein US-amerikanisch-kanadisch dominiertes Unterhaltungsvehikel. Mehr Gegensatz geht nicht.

Der Weg dorthin war lang, und er war schwer. In den ersten Jahren im Westen, als der Klub noch überwiegend durch deutsche Protagonisten geprägt wurde, drohte oft die Pleite. Sportlich mussten viele Täler durchschritten werden. Doch mit der Anschutz Entertainment Group (AEG) erkannte 1999 ein US-Unternehmen seine Chance, übernahm den Klub, tilgte über die Jahre Verbindlichkeiten in zweistelliger Millionenhöhe und realisierte nach und nach seine Ziele.

Mittelpunkt eines neuen Viertels im Friedrichshain

Ein Segen für den Klub, um den es nie allein ging. Die Visionen bestimmten das Handeln. Ein neues Stadtviertel sollte entstehen. Büros, Wohnen und ganz viel Entertainment. Mittendrin, im Zentrum all dessen, die Arena und die Eisbären. Heute blinkt und glitzert alles zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße. „Veränderung muss sein“, sagt Perschau. Entlang der Mühlenstraße stehen Hotels, viele Firmen haben dort ihren Sitz. Restaurants prägen das Bild, Berliner und Touristen werden angezogen von Konzerten, Kino, Shopping Mall. Schon sehr bald ist die einstige Brache komplett bebaut. Ein Megageschäft für die AEG, die mit ihrem Einstieg bei den Eisbären den ersten Schritt dorthin gewagt hat.

Die Eishockeyprofis waren der erste feste Mieter in der Arena, wurden von Anschutz finanziell gut ausgestattet, um schon vor dem Umzug vom kleinen Wellblechpalast (4695 Zuschauer) in die neue Riesenhalle (14.200 Besucher) 2008 und auch danach erfolgreich zu sein und dadurch viele Zuschauer anzulocken. Sieben Meistertitel zwischen 2005 und 2013 gewann der EHC, der längst auch in seiner sportlichen Führung nordamerikanisch geprägt ist. „Wir haben als Eisbären eine tolle Geschichte geschrieben“, sagt Peter John Lee.

Meisterfeiern auf dem Kudamm

Der Geschäftsführer des EHC ist Kanadier. Doch wie die Zeit die Eisbären verändert hat, so hat sie auch ihn stark beeinflusst. Seit Ende 1995 lebt er in Berlin, fast immer im Osten, seit Jahren direkt neben dem Sportforum. „Ich war noch nie so lange in einer Stadt“, sagt er. Kategorien von Ost und West sind ihm fremd. „Ich bin ein Berliner“, so Lee. Seinen Klub sieht er ebenfalls jenseits der Abgrenzung, sie zu überwinden, daran haben die Eisbären viele Jahre gearbeitet. Und ihre Meistertitel sogar mit Autokorsos über den Kurfürstendamm feiert.

Komplett über Bord wurde das Alte aber nicht geworfen. Manchmal rückt die Herkunft sogar für einen Moment in den Vordergrund. Zur Mitte eines jeden Heimspiels, wenn in der Fankurve „Ost-, Ost-, Ost-Berlin“ gerufen wird. Sonst aber hält sich die Vergangenheit eher dezent im Hintergrund. Zwar spielen die Eisbären in einer neuen Welt, doch ihr Trainingsdomizil ist noch immer der aufgehübschte Wellblechpalast.

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