Eisbären Berlin

Eisbären im NHL-Test: Eine Botschaft und viele Träume

Die Eisbären treffen auf das NHL-Team der Chicago Blackhawks. Für beide Seiten ist die Partie weit mehr als nur ein Testspiel.

Die Chicago Blackhawks beim Training in der Mercedes-Benz Arena.

Die Chicago Blackhawks beim Training in der Mercedes-Benz Arena.

Foto: Christian Thiel via www.imago-images.de / imago images/Christian Thiel

Berlin. Das Wetter war durchwachsen am Sonnabend, nicht unbedingt einladend für die Pläne von Jonathan Toews. „Es gibt hier eine Menge zu sehen, so viel Geschichte“, sagt der Kanadier. Die ehemalige Mauer, die Ost und West trennte, wollte er sich ansehen. Vielleicht noch etwas mehr, aber viel Zeit blieb ja nicht. Auf jeden Fall wollte er etwas mitnehmen von seinem allerersten Besuch in Berlin. Eindrücke, Erinnerungen.

Neue persönliche Erfahrungen sind aber nicht mehr als ein Nebeneffekt. Toews ist für eine höhere Sache unterwegs. Der Mann hat außerordentliches vollbracht in seiner Karriere, gehört zu jenen 29 Eishockeyprofis der Geschichte, die Mitglied im Triple Gold Club sind, die Olympiagold, Weltmeistertitel sowie den Stanley Cup in der National Hockey League (NHL) gewonnen haben. Ein perfekter Botschafter seiner Sportart ist Toews.

Saisonstart in Prag gegen Philadelphia

Nirgends wird sein Sport auf höherem Niveau zelebriert als in der nordamerikanischen NHL. Daran will die Liga gern den Rest der Welt teilhaben lassen. „Es ist immer schön, das Spiel in anderen Ländern größer zu machen“, sagt der 31-jährige Starstürmer, der deshalb mit den Chicago Blackhawks gerade in Berlin weilt. Sein Team bereitet sich auf den Saisonstart vor, am 4. Oktober geht es in Prag gegen die Philadelphia Flyers um Punkte. Vorher wird am Sonntag in Berlin gegen die Eisbären ein letztes Mal getestet (19.30 Uhr, Mercedes-Benz Arena, DAZN).

Hinter der guten Absicht steckt von Seiten der NHL natürlich ein veritables Vermarktungsinteresse. In Nordamerika zählt sie zu den vier großen Sportligen, ist nach American Football, Baseball und Basketball aber die kleinste dieser Ligen. Dafür ist sie internationaler ausgestellt als jede andere, fast ein Drittel der fast 1000 Spieler kommt aus Europa. Eine gute Chance also, hier Marktanteile zu erobern, wenn man sich etwas mehr zeigt. NHL Global Series nennt sich das dann. Stärke und Schönheit der Liga sollen gefeiert werden. Die hiesigen Fans können der NHL ganz nah kommen.

Etat von Chicago fast zehn Mal so hoch

Aber auch ein paar einheimische Klubs. Sie buhlen um Testspiele, die weit mehr bedeuten. Serge Aubin, der Trainer der Eisbären, schaute sich jede Übungseinheit von Chicago an. Fast alle seiner Spieler sahen ebenfalls zu. „Man sieht direkt, dass sie viel Qualität haben, das Tempo ist gut, alle sind groß, alle stark. Ich freue mich aufs Spiel, auf die Möglichkeit, gegen ein komplettes NHL-Team zu spielen. Das ist eine coole Erfahrung“, sagt Verteidiger Kai Wissmann. Seine jungen Profis, so Aubin, hätten die sehr besondere Gelegenheit, direkt zu spüren, wie sich die Topstars auf dem Eis geben. Was sie zu Stars macht. Sehen, erleben, dabeisein, mittendrin im Konzert der Großen. Eine unglaubliches Gefühl, ein Traum zum Anfassen.

„Eine NHL-Mannschaft in der Heimatstadt zu haben, ist eine Riesensache – nicht nur für uns Spieler, sondern auch für den ganzen Verein und die Fans, die sich über die Jahre verdient haben, so ein Highlight in Berlin zu haben“, sagt Stürmer Marcel Noebels. Die Dimensionen könnten dabei nicht unterschiedlicher Saison. Fast 80 Millionen US-Dollar beträgt der Spieler-Etat der Blackhawks, was mehr als zehn Mal so viel ist wie bei den Eisbären. Toews und auch Patrick Kane (30), der US-Superstar, verdienen pro Saison jeder 10,5 Millionen US-Dollar.

Unter diesen Voraussetzungen ist eines natürlich klar. „Man erwartet, dass wir das Spiel gewinnen“, sagt Toews. Doch so einfach ist das nicht immer. Schon vor zehn Jahren war Chicago in Europa, spielte in Zürich gegen die ZSC Lions und verlor 1:2. „Wir wussten damals nicht, wo wir da hineingeraten sind. Deshalb werden wir bereit sein für das Spiel jetzt“, so der Kapitän der Blackhawks. Das Team zählt zu den Traditionsklubs der NHL, gewann sechs Titel. Einen davon am Ende der Saison, in der sie gegen Zürich verloren haben. Die jüngsten 2013 und 2015. Zuletzt verpassten sie aber zweimal das Play-off. Deswegen wurde vor allem in der Abwehr und im Tor aufgerüstet zu dieser Saison, in der mit Jeremy Colliton der mit 34 Jahren jüngste Trainer der NHL das Team zurück zum Erfolg führen soll.

In der DEL sind die Eisbären gerade Vorletzter

Die Eisbären trafen bereits 2008 auf ein NHL-Team, damals war es Tampa Bay Lightning, 1:4 unterlagen die Berliner und verkauften sich ordentlich. Diesmal soll die Partie ebenso helfen, die Mannschaft weiterzuentwickeln. „Wir werden unglaublichen Fähigkeiten gegenüberstehen. Es ist eine große Herausforderung zu sehen, wo wir stehen“, sagt Aubin. Die Bewegungen mit dem Puck, das Verhalten unter Druck könne man für die Deutsche Eishockey Liga (DEL) mitnehmen. „Für uns geht es auch darum, dass wir eine Reaktion zeigen. Gerade nach dem letzten Spiel in Mannheim, das war echt gar nichts“, erzählt Wissmann nach dem 1:4 bei den Adlern am Donnerstag.

Nach fünf Spieltagen ist der Rekordmeister damit Vorletzter in der heimischen Liga. Bittere Realität, die eigentlich keine Zeit für Träume lässt. Trotzdem dürfen viele bei den Eisbären nun einen erleben. Eindrücke sammeln und Erinnerungen, ganz wetterunabhängig in der Halle.

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