Eisbären Berlin

Eisbären-Chef Lee: „Chris und ich haben viel geschafft“

Der Geschäftsführer spricht erstmals über den Verlust seines Sohnes, einen schweren Sommer für die Eisbären und die Perspektiven.

Die Eisbären wollen nach einer schwierigen Zeit wieder in die Spitze der DEL zurückkehren.

Die Eisbären wollen nach einer schwierigen Zeit wieder in die Spitze der DEL zurückkehren.

Foto: Britta Pedersen / picture alliance/dpa

Berlin. Einfach ist es nicht für Peter John Lee, über die vergangenen Monate zu reden. Manchmal muss er nachdenken, bevor er etwas sagt, ist bemüht darum, die passenden Worte zu finden, um auszudrücken, wie es in ihm aussieht. Sein Sohn Chris starb im Sommer, wenig später sein langjähriger Wegbegleiter Hartmut Nickel. Doch als Geschäftsführer des EHC Eisbären konnte er sich kaum zurückziehen, musste den Klub auf die neue Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) vorbereiten. Die beginnt am Freitag mit einem Spiel gegen Wolfsburg (19.30 Uhr, Mercedes-Benz Arena). Die Minuten vor der Partie werden im Zeichen des Gedenkens stehen.

Berliner Morgenpost: Herr Lee, kurz bevor die Saison beginnt, haben Sie sich eine kleine Auszeit gegönnt, waren ein paar Tage im Urlaub. Konnten Sie noch einmal Durchatmen?

Peter John Lee: Eigentlich hatte ich diese Reise in die Türkei für mich und meine Frau für den Sommer gebucht. Aber dann kam alles ganz anders. Jetzt haben wir das nachgeholt. Es tat gut, ein bisschen weg zu sein und mal ein wenig Zeit nur privat zu haben. Ich konnte alles etwas verdauen, es fühlte sich ein wenig an wie eine Rückkehr ins Leben. Jetzt freue ich mich, dass die Saison losgeht.

Sie haben im Sommer einen Ihrer drei Söhne verloren. Chris, der auch Nachwuchstrainer bei den Eisbären war, starb im Alter von nur 39 Jahren. Inwieweit bleibt einem in einer sehr öffentlichen Position wie der Ihren überhaupt genug Zeit, diesen Verlust zu verarbeiten?

Das ist nicht so einfach. In mir drin gab es 1000 Gefühle. Auf der einen Seite wollte ich meine Ruhe haben, auf der anderen Seite stehe ich natürlich in der Öffentlichkeit. In den ersten Tagen war ich total durcheinander.

Dann starb kurz darauf in Hartmut Nickel eine Klublegende und ein langjähriger Begleiter von Ihnen im Alter von 74 Jahren.

Das war auch ein Schock. Das war überhaupt der härteste Sommer für mich. Kein Vater will seinen Sohn verlieren, das hat mich sehr hart getroffen. Bei den Eisbären bin ich jetzt schon 25 Jahre, und fast immer war Hartmut bei mir. Das Traurige, der Schmerz ist natürlich immer noch da, aber langsam schaffe ich es, das Gute in den Vordergrund zu stellen.

Wie gelingt Ihnen das?

Ich versuche, die guten Sachen zu sehen, die bleiben. Jetzt kann ich mich an so viele schöne Momente erinnern, die ich nie vergessen werde, mit Chris und mit Hartmut. Ich freue mich, wie viele Jungs bei uns im Moment in der Mannschaft sind, die auch bei Chris gespielt haben. Sie haben von ihm gelernt. Hartmut hat einige Generationen von Spielern geprägt, mit seinem Wissen, mit seiner Art. Über diese positiven Gedanken leben die schönen Erinnerungen immer weiter. Wenn du nur daran denkst, wie unfair alles ist, gehst du kaputt. Die Zeit mit Chris war viel zu kurz, aber wir haben viel geschafft. Daran möchte ich denken, nicht an die Tragödie. Das hilft mir. Sie bleiben im Herzen, mit dem, was sie als Menschen ausgemacht hat.

Drei Ihrer Enkelkinder fehlt nun der Vater. Wachsen Sie jetzt noch einmal in eine ganz neue Rolle?

Es ist gut, dass wir alle in derselben Gegend wohnen. Jeder hilft jedem. Jeremy, einer von Chris’ Brüdern, unternimmt viel mit den Kindern, die elf, neun und vier Jahre alt sind. Ich selbst bin wegen des Jobs viel unterwegs. Das ist nicht einfach, aber ich versuche zu helfen, wo ich kann. Im Sommer waren wir ein paar Mal beim Baseball. Für mich war der Verlust schon hart genug, aber für die Kinder ist es schwierig zu verstehen, was passiert ist.

Die Arbeit bei den Eisbären ließ sich dennoch nicht lange ausblenden. Wie ging es Ihnen damit?

Ich mag meine Arbeit, schon immer. Das hat mir natürlich jetzt geholfen, in einen Rhythmus zu kommen. Als ich zurück ins Büro bin, war es wie die Rückkehr in die Familie. Das macht es leichter. Obwohl mir die öffentlichen Auftritte, die der Beruf mit sich bringt, in der ersten Zeit trotzdem schwer gefallen sind.

Aber es gab auch sportlich viel zu moderieren, es ist eine Menge passiert beim EHC. Viel mehr als gewöhnlich. Wie sehen Sie die Entwicklung der Mannschaft?

Wir versuchen, jünger zu sein. In dieser Hinsicht ändern sich die Zeiten ein bisschen. Wir haben jetzt viele junge Spieler dabei, die Energie in die Mannschaft bringen. Die Erfahrenen, die neu dazugekommen sind, passen gut zu diesen jungen Leuten, sind sehr ehrgeizig und professionell. Wir brauchen Spieler, die Vorbilder sind für unsere Talente.

Sie wollen sich ja an dem Modell orientieren, mit dem die Eisbären einst sehr erfolgreich geworden sind. Das basiert auf drei Säulen, auf starken Ausländern, etablierten Deutschen und hoffnungsvollen Talenten. Ist es ein gutes Gefühl, da wieder anzusetzen?

Wir haben mit sehr guten Ausländern angefangen, mit sehr jungen Deutschen. Diese haben sich entwickelt, sehr gut gespielt. Dann haben wir über die Jahre mit mehr und mehr Ausländern auch Erfolg gehabt, dabei wurde der Kern der guten deutschen Spieler aber immer älter. Jetzt müssen wir dorthin zurück, junge Leute aufzubauen und schauen, wie sich das entwickelt. An dieser Vision, diesem Prinzip festzuhalten, ist keineswegs leicht. Am Ende des Tages steht die Frage, ob der Trainer den Mut hat, das durchzuziehen. Es kann auch viel schiefgehen.

Eines ist Ihnen in jedem Fall geglückt, ein Teil des 85er Jahrgangs hat im Klub alle Stufen durchlaufen und ist jetzt die älteste Gruppe im Team. Was bedeutet Ihnen das?

Ein bisschen komisch fühlt sich das schon an. Auf der einen Seite ist es Wahnsinn, was Florian Busch, Frank Hördler und André Rankel geschafft haben. Sie haben bei uns als Talente angefangen, wurden bei uns Nationalspieler, wichtige Faktoren im Team der Eisbären. Sie haben viel gegeben für den Verein, haben viele Titel gewonnen. Darauf bin ich stolz. Aber wir dürfen nicht in der Vergangenheit leben. Jetzt müssen auch sie sich ihre Eiszeit verdienen.

Sehen Sie schon die nächste Generation, die schaffen kann, was Busch, Rankel und Hördler geschafft haben?

So viele Spieler auf einmal nach oben zu führen, wird sehr schwer. Der Rest der Liga hat ja gesehen, was wir damals gemacht haben. Früher war es leichter, die Talente an sich zu binden. Die meisten anderen Klubs hatten alte Teams. Heute wollen alle die Talente haben, auch bedingt durch die neue U23-Regel, die Konkurrenz ist härter. Wir müssen deshalb überlegen, wie wir mehr Jungs begeistern können, zu uns zu kommen. Wie wir unser Umfeld für die Entwicklung junger Spieler verbessern können.

Unter Don Jackson wurden viele Titel gewonnen, aber junge Spieler hatten es schwer, ins Team zu kommen. Er wollte kein Risiko eingehen. Haben Sie jetzt im neuen Coach Serge Aubin einen Trainer, der bereit ist, den Nachwuchs konsequenter zu fördern?

Serge will unbedingt, glaube ich. Er denkt, dass der Druck von unten auch die Leute oben besser macht. Wir sind natürlich alle ein bisschen nervös. Doch in Wien hatte er ebenfalls viel mit jungen Spielern zu tun, musste aus denen etwas herausholen. Er wurde dort Meister, er kann das umsetzen.

Wie bewerten Sie seine Arbeit in den ersten Wochen?

Bis jetzt wirkt alles sehr organisiert, sehr geradlinig. Was ganz wichtig ist heute, er versucht jedem zu erklären, warum er wie spielen soll. Warum er spielt oder nicht. Jeder muss sich seine Eiszeit verdienen. Er weiß, was er schaffen muss und hat einen guten Plan dafür.

Welche Wünsche begleiten Sie in die neue Saison?

Wir wollen oben mithalten, in den Top Vier sein, zu Hause so viel wie möglich gewinnen. Das ist unser Ziel. Wenn du über lange Zeit in den Top Vier bist, wirst du irgendwann den Titel holen.