Berliner Spaziergang

Unterwegs mit Stéphane Richer: Im Herzen ein Eisbär

Der Sportdirektor der Eisbären, Stéphane Richer, lebt seit zweieinhalb Jahren in Berlin. Den Unmut einiger Fans gibt es immer noch.

Sportdirektor der Berliner Eisbären, Stéphane Richter, vor seinem Schaffensplatz der Mercedes-Benz Arena.

Sportdirektor der Berliner Eisbären, Stéphane Richter, vor seinem Schaffensplatz der Mercedes-Benz Arena.

Foto: Reto Klar / Funke Foto Service

So ganz genau weiß Stéphane Richer noch nicht, worauf er sich hier eingelassen hat. In seinem Blick trägt er eine gewisse Skepsis. Vielleicht ist das sogar logisch bei jemandem, der in den vergangenen Jahren in seinem Beruf selten großen Zuspruch erfahren hat. Wo der Mann hingehört, das verrät sein T-Shirt. Ein Logo des EHC Eisbären ist auf dem dunkelblauen Stoff in Brusthöhe aufgenäht.

Einfach nur Dienstkleidung? Vordergründig schon. Richer ist der Sportdirektor des Rekordmeisters der Deutschen Eishockey Liga (DEL), der nächsten Freitag mit einem Heimspiel gegen Wolfsburg in die neue Saison startet. Als solcher liegt ihm natürlich nichts näher als das Wohl des Klubs, das ist für ihn selbstverständlich. Herzenssache eben, obwohl das Logo auf der rechten Seite des T-Shirts prangt. Er reist durch Deutschland, Europa und die Welt, besucht Spiele und sucht Spieler. Doch obwohl sein Beruf große Flexibilität verlangt, er viel herumkommt, spielt sich das Leben des 53-Jährigen in Berlin auf eher engem Raum ab. Zu Hause in Kreuzberg in der Nähe des Checkpoints Charlie trifft man Richer selten, in Hohenschönhausen in der Trainingshalle schon viel öfter. In der Geschäftsstelle am Mercedes Platz verbringt er die meiste Zeit.

In Deutschland fand der Kanadier eine neue Heimat

Deshalb treffen wir uns auch hier, zu einem verhältnismäßig kurzen Spaziergang. Ob man das überhaupt so nennen kann, scheint Richers Blick zu fragen. Vielleicht wäre es mehr als ein typisches Bewegungsmuster zu beschreiben. „Für mich ist das sehr praktisch hier. Alles, was ich brauche, habe ich in der Nähe“, sagt er vor dem Eingang zum Büro. Wir machen uns auf den Weg. Auf der rechten Seite kommt gleich eine der wenigen Baustellen, die sich auf dem Areal rund um die Mercedes-Benz Arena noch befinden. Dort entsteht das zukünftig größte Gebäude dieses sehr jungen Stadtviertels, ein 90 Meter hoher Turm. Ein paar Schritte weiter thront ein großes Shopping-Center. Abends springt Richer dort öfter in den Supermarkt.

Viel kauft er meist nicht, er ist allein in Berlin. „Meine Frau und meine jüngste Tochter wohnen noch in Hamburg.“ Eine Randerscheinung des Sportgeschäfts, das Leben nimmt oft unbequeme Wendungen. Deshalb verließ er einst seine Heimat, kam aus Kanada nach Europa. In Nordamerika spielte Richer als Verteidiger lange an der Schwelle zur National Hockey League, der besten Eishockeyliga der Welt, musste oft die Klubs wechseln. „Die Familie blieb dabei meist zurück. Damals wusste ich nicht viel über Europa, ich wusste aber, dass es nicht so anstrengend ist mit der Reiserei“, blickt er zurück. Mannheim wurde endlich ein festes Zuhause für die Familie, die Zukunft planbarer. Die Abstände zwischen den Ortswechseln wurden deutlich größer.

Richer und seine Frau sehen sich mittlerweile mehr als Europäer

Inzwischen ist Richer in Berlin angekommen. Die drei Töchter sind erwachsen, die älteste wohnt wieder in Nordamerika, in Dallas. Die mittlere Tochter lebt auch in Hamburg, aber nicht mehr zu Hause. Die jüngste ist 17 und geht gerade in ihr letztes Abi-Jahr. Sie ist als einzige hier geboren. „Ich glaube schon, dass sie sich mehr als Deutsche fühlt als als Kanadierin“, erzählt der Vater. Er und seine Frau sehen sich mittlerweile mehr als Europäer. Ursprünglich wollten sie es hier mal ein Jahr probieren, 24 Jahre sind es bislang geworden. Fast das halbe Leben für Richer. Ein eigenes Haus in Kanada besitzt die Familie schon lange nicht mehr, Pläne für eine Rückkehr gibt es aktuell keine: „Wir sind mehr der Meinung, dass wir auch als Rentner in Europa bleiben.“ Es hängt davon ab, wo die Kinder sind. Momentan spricht also mehr für eine Zukunft diesseits des Atlantiks.

Ob nun in Deutschland oder Frankreich, Italien oder Spanien – mal sehen. Guten Wein gibt es überall. Das ist einer dieser europäischen Vorzüge, die der Sportmanager hier kennen und lieben gelernt hat. Damals in Mannheim. Wir kehren dem Einkaufszentrum den Rücken, ein paar Schritte sind es nur bis zur Mercedes-Benz Arena. In der riesigen Halle mit der überdimensionalen Glasfront, die mit ihren Lichtern abends die ganze Gegend illuminieren kann, spielen die Eisbären. Und bei diesen Spielen sollte man lieber nicht über Mannheim sprechen. Das kommt nicht gut an. Die Adler sind der Intimfeind der Berliner. Zwischen beiden Klubs besteht eine Rivalität, die lange gewachsen ist. Als Richer in Mannheim spielte, fing das an. Das hängt ihm heute noch nach.

Liebe zum Wein: Richer ist ein echter Genießer geworden

Seine Liebe für den Wein ist auch geblieben. In der Rhein-Neckar-Gegend um Mannheim „habe ich begonnen, mich damit zu beschäftigen“, erzählt Richer, der also ein echter Genießer geworden ist in Deutschland. Er las Bücher zum Thema, besuchte die heimischen Weinregionen, die in Frankreich, Italien und Spanien, verbrachte Urlaube dort. „Am Anfang war ich kein Fan von deutschem Rotwein, über die Jahre ist der aber viel besser geworden“, so der Kenner. Im Klub gibt es mit Assistenztrainer Gerry Fleming einen Liebhaber amerikanischer Weine. Richer fühlt sich bei den europäischen Tropfen deutlich besser aufgehoben.

Nicht nur was die Freizeit anging, lebte es sich sehr angenehm in Mannheim. „Ich hatte als Spieler das Glück, viel Erfolg zu haben. Das waren unvergessliche Jahre.“ Vier Meistertitel feierte er mit den Adlern, sein Trikot ist dort eine Reliquie, hängt unter der Decke in der Arena. So werden die größten Spieler der Klubgeschichte geehrt. „Das ist eine Ehre für mich“, sagt Richer. Auch EHC-Geschäftsführer Peter John Lee wird auf diese Weise gehuldigt, in Düsseldorf. Auch er feierte dort einst vier Meisterschaften. Zu einer Zeit aber, als die Eisbären noch ein Kellerkind waren. Deshalb gab es keine Rivalität zur DEG und für die Fans nie einen Grund, ihn wegen seiner Vergangenheit kritisch zu beäugen. Richer stand immer den ambitionierten Eisbären gegenüber, oft sogar im Weg. Das vergessen die Fans nicht so schnell.

Das Misstrauen einiger Fans gegenüber den Sportdirektor hält sich hartnäckig

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet der Kanadier nun schon in Berlin. Die Vorbehalte gegen ihn konnte er nicht abbauen, das Misstrauen einiger Fans hält sich hartnäckig. „Am Anfang habe ich schon damit gerechnet, aber dass es so bleibt, dachte ich nicht“, erzählt Richer, als wir von der Arena aus über den

Mercedes Platz gehen. Früher war hier mal viel Grün. Jetzt sind noch ein paar kleine Alibi-Bäume geblieben inmitten des Häuser-Dschungels. Dafür gibt es unzählige Sitzplätze auf etlichen Lokal-Terrassen und Essen in jeder Geschmacksrichtung. Richer hat fast überall schon mal probiert: „Wenn die Spielervermittler kommen, kann man sich dort treffen.“ An den Gebäudewänden hängen überall riesige Plakate oder LED-Tafeln, ständig flimmert Werbung über die Bildschirme. Natürlich auch für die Eisbären. Entertainment ist hier das Zauberwort.

Vergangene Saison sprang Richer sogar als Trainer ein, bei fast jedem Spiel hagelte es Pfiffe. „Richer raus“-Rufe waren so etwas wie ein Leitmotiv für den Anhang. Selbst wenn gewonnen wurde. Das tat weh. Der Vize-Meistertitel 2018 brachte ihm keinen Kredit, nur schwer lässt sich die Hypothek seiner Vergangenheit ablösen. Als Richer 2002 in Frankfurt seine Spielerkarriere nach einer Knieverletzung beendete, wurde er als Co-Trainer in der nächsten Saison mit den Lions Meister – durch einen Finalsieg gegen die Eisbären. Danach wechselte er als Co-Trainer zurück nach Mannheim, wurde schnell Chefcoach und stand wieder im Finale gegen die Eisbären. Erstmals verlor er dabei 2005 eine Play-off-Serie gegen die Berliner.

„Als ich Spieler war, wollte ich immer Trainer werden“

Es folgten ein paar unverdächtige, aber wichtige Jahre in Kassel. Dort konnte er in zwei Funktionen arbeiten, als Trainer und Sportdirektor. „Als ich noch Spieler war, wollte ich immer Trainer werden. In Kassel habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit als Sportdirektor mehr und mehr Spaß macht“, erzählt Richer. Nachdem er vorher recht schnell in neue Jobs gekommen war, hatte er in Kassel Zeit. „Dort konnte ich meinen Weg finden, Dinge probieren. Ich konnte mich entwickeln.“ Die Huskies waren ein kleiner Klub, der zudem zwei Jahre in der DEL2 spielte, Druck und Erwartungen waren geringer, die Freiheiten größer.

Wir überqueren die Mühlenstraße, gehen durch die Lücke der Mauerfragmente an der East Side Gallery zum Anleger an der Spree. Wie das ganze Viertel auf der anderen Straßenseite gehört auch dieses kleine Areal dem Unternehmen von US-Milliardär Philip Anschutz, der Anschutz Entertainment Group (AEG). Hier soll nichts mehr gebaut, dafür etwas Geschichte bewahrt werden. Das habe Anschutz versprochen, so Richer. Die AEG ist auch Besitzer der Eisbären, sie war ebenso Eigentümer der Hamburg Freezers. An der Elbe agierte Richer von 2010 bis 2016: „Dort habe ich gemerkt, dass ich nicht zwei Sachen, also Trainer und Sportdirektor, auf einmal machen kann.“ Zumindest dann nicht, wenn der Klub groß und die Ansprüche riesig sind. „Die Herausforderung als Sportdirektor ist es, etwas aufzubauen. Du musst an die Zukunft denken“, sagt Richer, der in Hamburg immer mal wieder als Co- oder Interimstrainer einsprang.

Mit Hamburg erlebte er gegen die Eisbären ein Firmen-Derby

Seit 2002 gab es die Freezers. Unter den zwei Klubs der AEG entwickelte sich schnell eine neue Rivalität, man traf sich oft im Play-off, die Fans pflegten bald eine aufrichtige Abneigung. Richer geriet dort mitten hinein. „Es war immer ein Derby, doch hinter den Kulissen haben Peter Lee und ich uns gut verstanden“, so Richer. Der sportliche Erfolg, für den er verantwortlich war, wollte sich aber nie einstellen. Einmal Erster nach der Hauptrunde, einmal Halbfinale – keine schöne Bilanz. „Irgendetwas hat im Play-off immer gefehlt.“ Dass es vor allem an lokalen Sponsoren mangelte, führte dazu, dass die AEG zu viel Geld zuschustern musste und die Freezers letztlich auflöste.

Dieses Szenario wirkt auf manchen Fan in Berlin wie eine Drohung. „Einige sagen, ich wäre in Berlin, um hier zuzumachen.“ Unsinn, aber absurde Theorien gibt es zu jedem Thema. Anschutz wollte sich in der DEL lediglich auf einen Klub konzentrieren. Die Entscheidung, welcher das sein würde, lag auf der Hand. Dazu muss man sich auf diesem Spaziergang nur umsehen, was Anschutz hier geschaffen hat mitten im Herzen Berlins, ist gewaltig. Und angefangen hat alles mit einer Idee und den Eisbären, die einst erworben wurden, um die dauerhafte Hauptattraktion der neuen Arena zu sein.

Richer hat das Ziel etwas in Berlin aufzubauen

Richer hat sich in dieser neuen Anschutz-Welt in Friedrichshain eingelebt. Er kam als Co-Trainer, übte einen guten Einfluss aus und wurde schnell gefragt, ob er Sportdirektor werden wolle. Die AEG-Verbindung aus Hamburger Tagen zahlte sich da gewiss aus. Wir gehen zurück über den Mercedes Platz, auf der linken Seite befindet sich eine Bowlingbahn. „Dort ist viel los, wir haben da schon ein paar Teamevents gemacht.“ Als die Eisbären sich nach dem Viertelfinal-Aus im Frühjahr in der Arena nebenan vom Anhang verabschiedeten, kam ein Fan „zu mir und sagte, dass ich es schwer haben werde hier, weil ich in Hamburg und Mannheim war“. Richer schmunzelt, runzelt aber auch ein bisschen hilflos die Stirn. Er will bestimmt nichts Böses, doch in der Seele mancher Eisbären-Anhänger haben sich die negativen Aspekte der langen Rivalität tief eingebrannt.

Seine Geschichte kann er nicht ablegen. „Aber ich bin jetzt bei den Eisbären. Mein Ziel ist es, hier etwas aufzubauen, lange hier zu arbeiten und den gleichen Erfolg zu haben wie Peter Lee“, erzählt Richer. Sieben Meistertitel gewannen die Eisbären, der letzte liegt schon wieder sechs Jahre zurück. Die Sehnsucht ist also groß, und wohl nur ein Titel unter seiner Regie würde die Zweifler endlich beruhigen. „Die Fans haben ihre Meinung, das ist auch okay so“, findet Richer. Er kämpft unermüdlich darum, das Bild, das einige von ihm haben, zu entkräften. Er gibt nicht auf, das macht ihn sympathisch. Das Herz ist jetzt hier, in Berlin, bei den Eisbären, und nur das zählt.

Wir stehen wieder vor dem Büro. Etwas künstlich wirkt die ganze Gegend, überfrachtet mit buntem Entertainment-Klimbim. Das lockt die Leute an. Stéphane Richer sucht eher Abstand. Nächstes Jahr, wenn die jüngste Tochter mit der Schule fertig ist, möchte sie auf Reisen gehen, seine Frau zieht nach Berlin. Dann will Richer an den Stadtrand, mehr ins Grüne. Dann kann aus einem typischen Bewegungsmuster gern mehr werden, ein ausgedehnter Spaziergang vielleicht.