Eishockey-WM

Nur zusammen sind sie wirklich stark

Der DEB geht mit einem jungen, aber talentierten Team in die Eishockey-WM und hofft in der Slowakei auf das Viertelfinale.

Leon Draisaitl (l.) ist der Star des deutschen Teams.

Leon Draisaitl (l.) ist der Star des deutschen Teams.

Foto: Armin Weigel / dpa

Berlin. Die wahren Probleme machen manchmal auch vor der Eishockey-Weltmeisterschaft nicht halt. In Kosice nutzen gerade die Angestellten der städtischen Verkehrsbetriebe die besondere Aufmerksamkeit, die das Turnier mit sich bringt, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Busse und Straßenbahnen standen einen Tag vor WM-Beginn für zwei Stunden still. Garantieren, dass dies nicht auch während des Turniers passieren kann, wenn die Stadt voller Fans ist, wollte niemand.

Toni Söderholm lebte in den Wochen vor der WM in der Slowakei auch im Ungewissen, allerdings vergleichsweise komfortabel. Vor seinem Turnierdebüt als Bundestrainer verfügt er natürlich über einen prallen Kader, jedoch mit der Option, diesen qualitativ noch zu verbessern. Das Ausscheiden der Colorado Avalanche in der zweiten Play-off-Runde der nordamerikanischen NHL könnte nun tatsächlich noch Torhüter Philipp Grubauer zum Team stoßen lassen. Darauf hatte der Finne in den vergangenen Wochen durchaus spekuliert.

Die Russen sind der Turnier-Favorit

Ein solcher Rückhalt wäre viel wert, zumal bei einem Turnier, das einen vergleichsweise hohen Starfaktor aufweist. Wenn Russland am Freitag gegen Norwegen startet oder Kanada gegen Finnland, stehen einige der besten Spieler der Welt auf dem WM-Eis, weil sie mit ihren favorisierten Teams früh gescheitert sind in der NHL. Mit ihrer traumhaften Offensive um Superstar Alexander Owetschkin und NHL-Topscorer Nikita Kutscherow gelten die Russen als großer Favorit auf den Titel.

Gegen Kaliber dieser Art tritt der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) mit einem jungen Team an. Einem Team, das seinen Weg noch sucht, das sich in der Entwicklung befindet. „Wir müssen noch einiges lernen. Wir müssen schauen, dass so viele Spieler wie möglich die richtigen Rollen finden“, sagt Söderholm. Das 2:5 im letzten Test gegen die USA, wie Kanada und Finnland einer der Gruppengegner und ebenfalls extrem stark besetzt, traten einige Defizite zutage. Doch nach einer langen Vorbereitung ist der Bundestrainer überzeugt von seinen Spielern. Weil viel Potenzial in der Mannschaft steckt.

Das Team befindet sich im Umbruch

Dieses konstant bei dieser WM abzurufen, dürfte nicht einfach werden. Das Viertelfinale peilt die DEB-Auswahl trotzdem an. „Wir haben viele Schritte nach vorn gemacht. Wir gehen alle mit einem guten Gefühl in das Turnier“, sagt Leon Draisaitl. Der ist inzwischen selbst ein Star in der NHL, schoss in dieser Saison 50 Tore für die Edmonton Oilers. Nur eins weniger als Owetschkin. Doch die Mannschaft vollzieht insgesamt einen Umbruch. Wie schwierig dieser ist, zeigte sich bei der vergangenen WM, als das Team Elfter wurde. Ohne die Erfahrung von Christian Ehrhoff oder Marcel Goc, die nach dem Olympiasilber im Februar 2018 zurückgetreten waren, fehlte es in der DEB-Auswahl an Orientierung.

Draisaitl soll sie nun geben, der hoch veranlagte 23-jährige Stürmer wächst von Jahr zu Jahr in seinen Fähigkeiten. Gerade in der Offensive gelangen einigen jungen Spielern großen Sprünge in den vergangenen Monaten. Dominik Kahun (23) setzte sich bei den Chicago Blackhawks in der NHL durch, Markus Eisenschmid (24) schoss beim deutschen Meister Mannheim die meisten Tore (28). Stefan Loibl (22) traf für Straubing 21 Mal, Lean Bergmann (20) für Iserlohn 20 Mal. Mit so viel spielerischer Klasse traut sich Söderholm sogar, die Ausrichtung des Teams so zu ändern, dass es nicht mehr überwiegend reagiert, sondern selbst Akzente setzt.

Zuweilen übertrieben es die Profis dabei in der Vorbereitung, verloren vier von sieben Spielen. „Man muss sagen, dass die Fehler, die in der Defensive gemacht wurden, nicht immer von den Verteidigern gemacht wurden“, so der Bundestrainer, dessen Mannschaft es noch etwas an der Balance zwischen Angriff und Abwehr mangelt. Dadurch entstehen Freiräume, die starke Gegner nutzen. Die Verantwortung dafür bürdet Söderholm aber nicht nur der Abwehr um NHL-Routinier Korbinian Holzer (31/Anaheim) oder Defensiv-Talent Moritz Seider (18/Mannheim) auf, der als kommender NHL-Profi gilt. Das Zusammenwirken als Team, zu dem auch die Eisbären-Profis Jonas Müller und Marcel Noebels sowie EHC-Zugang Leonhard Pföderl gehören, steht bei ihm im Vordergrund.

DEB-Team startet Sonnabend gegen Großbritannien

Für Draisaitl mit seinem enormen Talent und seinem Drang nach vorn ist das mitunter nicht leicht. „Er sollte nicht denken, dass er den ganzen Druck auf seinen Schultern hat und dass er alles allein machen muss. Ihm muss bewusst sein, dass es nur als Kollektiv geht“, sagt Kapitän Moritz Müller (Köln), dessen Team am Sonnabend gegen Großbritannien in das Turnier startet (16.15 Uhr, Sport1). Welche Auswirkungen ein entschlossenes kollektives Handeln haben kann, zeigten gerade die Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe in Kosice.