Eishockey

NHL-Star Draisaitl auf den Spuren der Größten

Hinter Leon Draisaitl liegt eine legendäre Saison in der besten Liga der Welt. 50 Tore und 105 Punkte sind historische Marken

Knie nieder vor dem Star: Leon Draisaitl (r.)

Knie nieder vor dem Star: Leon Draisaitl (r.)

Foto: Perry Nelson / USA Today Sports

Berlin. Er zögert noch, aber im Prinzip hat Leon Draisaitl keine Wahl. Die Punkterunde in der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL ist gerade zu Ende gegangen, seine Edmonton Oilers haben das Play-off verpasst. Nach 82 Saisonspielen darf jeder kaputt sein, aber es gibt eben noch diese Weltmeisterschaft. Die große Wertigkeit wie in anderen Sportarten fehlt ihr vielleicht, weil sie in jedem Jahr ausgetragen wird. Das macht es mitunter schwer, sich dafür zu entscheiden und dort mitzuspielen. Er wisse noch nicht, ob er teilnehme, sagte Draisaitl nach dem Aus der Oilers. Dafür weiß der gebürtige Kölner aber: „Die Leute wollen dich sehen, sie schauen nicht so viele NHL-Spiele.“

Erinnerung an Wayne Gretzky

Gerade jetzt will ihn jeder noch viel dringender sehen als je zuvor. Und wenn er sich an seinen eigenen Worten misst, kann er der deutschen Nationalmannschaft für das Turnier in der Slowakei (10. bis 26. Mai) gar nicht absagen. Er wolle der Dirk Nowitzki des Eishockeys werden, einen Status erreichen wie der Basketball-Superstar, sagte er mal. Die ersten Schritte sind vielversprechend, in Nordamerika gehört der 23-Jährige schon zur absoluten Elite seines Sports. Nur ist das weit weg von der Heimat. Hier würde die WM schon sehr helfen, den Ruhm zu mehren.

Bescheiden bei seinen Zielen war Leon Draisaitl nie. Als er 2014 von den Oilers bei der Talentwahl verpflichtet wurde, sprach er davon, dass es eine Riesenehre sei, „das gleiche Trikot zu tragen wie Wayne Gretzky oder Mark Messier. Ich hoffe, dass ich Edmonton in die Erfolgsspur zurückbringen kann.“ Gretzky, der Größte dieses Sports, begleitet den Kölner seit Jahren. Als deutsche Version des Megastars wird er in Nordamerika bezeichnet. Das kann eine Bürde sein, für Draisaitl aber ist es nur Motivation. 50 Treffer erzielte er in dieser Saison, wurde hinter dem Russen Alexander Owetschkin (51) zweitbester Torschütze in der besten Eishockeyliga der Welt. Nur sechs Spieler erreichten diese Marke in den vergangenen zehn Jahren. Seit Gretzky 1987 traf kein Oilers-Profi mehr so oft.

Harte Arbeit jeden Tag

Diese Einordnung eröffnet die Dimension, in die Draisaitl vorgestoßen ist. In die er immer vorstoßen wollte. „Wenn ich sagen würde, dass ich total überrascht bin, würde ich damit zeigen, dass ich nicht viel Vertrauen in mich habe“, sagt der Mittelstürmer. Er strotzt vor Selbstbewusstsein, nur so konnten ihm auch noch 55 Vorlagen gelingen. 105 Punkte macht das insgesamt, fast doppelt so viele, wie Marco Sturm und Jochen Hecht als die bisher besten deutschen Stürmer in der NHL in ihren besten Jahren zusammen erreichten. Draisaitl hat legendär gespielt, seine eigene deutsche Bestmarke von 77 Zählern aus der Saison 2016/17 noch einmal deutlich erhöht.

Sein Ruf in Nordamerika ist schon der eines Superstars. Draisaitl durfte am All-Star-Spiel teilnehmen. „Ich versuche, mein Spiel zu verbessern, seit ich ein kleines Kind bin. Ich tue das jeden Tag“, sagt der Angreifer. Die große Torflut in dieser Saison hängt vor allem damit zusammen, dass Draisaitl noch mehr auf seinen Schuss vertraut. Vorher neigte er dazu, öfter den Pass zu spielen, jetzt schießt er mehr selbst. „Wenn er seinen Weg weitergeht, wird er für eine lange Zeit ein außergewöhnlicher Spieler sein“, erzählt Trainer Ken Hitchcock.

Der Weg zum Titel kann sehr lang werden

Bei 105 Punkten muss es dabei nicht bleiben, Draisaitl selbst sieht bei sich noch Luft nach oben, will sich weiterentwickeln, nach neuen Stärken suchen. Er ist voller Ehrgeiz und nie wirklich zufrieden. Vor allem nicht mit der Situation der Oilers. Sie haben in Edmonton neben ihm noch den aktuell wohl besten Spieler der Welt in Connor McDavid, der mit 116 Punkten im dritten Jahr in Folge die 100-Punkte-Marke überschritten hat. Doch selbst dieses fantastische Duo konnte nicht verhindern, dass die Oilers zum zwölften Mal in den vergangenen 13 Jahren das Play-off verpassten.

Mitunter dauert es lange, bis sich große Träume erfüllen. Auch Nowitzki musste viel Geduld haben, ehe er 2011 mit den Dallas Mavericks den Titel in der NBA gewann. Da war er bereits 33 Jahre alt. Draisaitl hat also genug Zeit, die Oilers zu prägen, mit dem Klub durch eine Phase des kontinuierlichen Aufbaus zu gehen und irgendwann entscheidend dabei zu helfen, dass Edmonton wie einst in den 80er-Jahren mit Gretzky den Stanley Cup gewinnt. Das hat er sich vorgenommen, und bislang hat der Kölner seine Ziele stets erreicht.

Kein guter Grund für eine WM-Absage

In den nächsten Tagen will er überlegen und bis Ende der Woche entscheiden, ob er bei der WM in der Slowakei mitmacht. Es falle ihm allerdings schwer, „einen Grund zu finden, nicht zu spielen“. Die deutschen Fans warten nur darauf, ihn, den besten deutschen Eishockeyspieler aller Zeiten, endlich wieder live erleben zu können. Sie zu enttäuschen, passt eigentlich nicht zu seinen großen Plänen.