Nach dem Saisonaus

Doch nur ein Umbruch light bei den Eisbären?

Es gibt Anzeichen, dass die Eisbären trotz frühem Aus weniger am Kader ändern könnten, als notwendig erscheint

Die Eisbären waren einen Schritt zu langsam für München

Die Eisbären waren einen Schritt zu langsam für München

Foto: Andreas Gora / dpa

Berlin. Das Ende hatte Stil. Die Fans standen, klatschten den gescheiterten Helden lange zu. Ein Gefühl von Zufriedenheit machte sich breit, weil die Mannschaft gekämpft hatte. Weil sie gar nicht so weit entfernt davon schien, den Serienmeister zu entthronen. „Ich bin trotz der Niederlage stolz“, sagte auch Stéphane Richer, der das Team des EHC Eisbären in den vergangenen Monaten betreute. Und er sagte: „Ich will mich bedanken bei den Fans. Sie haben uns einen Push gegeben.“

Unter dem Eindruck des Moments mochte man nach dem 3:4 im sechsten Spiel gegen Red Bull München, dem 2:4 in der „Best of seven“-Viertelfinal-Serie und dem daraus resultierenden Saisonende für die Berliner in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) meinen, dass die Welt beim EHC weitgehend in Ordnung ist. Wer aber genauer hinschaut, sich das Gesamtbild vor Augen führt, dass die Eisbären abgeben, der sieht andere Dinge. Etwa, dass die Berliner in den zurückliegenden sechs Spielzeiten nur zweimal unter den Top sechs waren und sich damit direkt für das Viertelfinale qualifizierten. Oder, dass sie nach anhaltend mittelmäßiger Personalpolitik zurück auf Kurs waren, diesen jedoch wieder verlassen haben. Das bringt die Eisbären nun in die Situation, ihren Kader sehr kritisch hinterfragen zu müssen.

Trainerfrage könnte in zwei Wochen entschieden sein

Kurz nach dem Spiel war dazu noch niemand bereit. „Jetzt ist alles ein bisschen frisch“, sagte Richer, der als Sportdirektor eine Hauptverantwortung trägt. Manche seiner Worte klangen verdächtig, als wäre doch alles nur halb so schlimm. Der neunte Platz nach der Hauptrunde ein Schicksalsschlag, dem etliche Verletzungen zugrundeliegen. „Es war eine sehr schwierige Saison für die Mannschaft und mich. Aber am Ende haben wir gesehen, dass wir Qualität und Charakter in der Mannschaft haben“, erzählte Richer. In den nächsten Wochen wolle man alles genau analysieren. Lediglich eines stehe bereits offiziell fest. „Das war definitiv mein letztes Spiel als Trainer“, so Richer schmunzelnd.

Auf dieser Baustelle könnte es bald einen Fortschritt geben. Seit der Entlassung von Clément Jodoin im Dezember sind die Berliner auf der Suche nach einem neuen Coach. „Jetzt werden die Gespräche intensiver. Noch ging es nicht um Finanzielles, das müssen wir jetzt mit den verbliebenen zwei bis drei Kandidaten besprechen“, sagt Geschäftsführer Peter John Lee. Schon binnen zwei Wochen wäre eine Entscheidung möglich, viele fürchten, dass die Lösung Serge Aubin heißen könnte, mit dem Richer schon früher in Hamburg zusammen gearbeitet hat. Aubins Vita als Trainer ist nicht beeindruckend, vielen Fans wäre er ein Graus. Auch der frühere Bundestrainer Greg Poss war ein Thema.

Fünf bis sieben Neue sind möglich

Parallel wird nun mit dem Bestandspersonal geredet. Über persönliche Erwartungen etwa. Man sei unzufrieden mit einigen Leistungen. „Durch das frühe Ende haben wir jetzt Zeit zu überlegen, was wir machen. Wir wollen eine bessere Mannschaft nächste Saison“, sagt Lee. Das Wort Umbruch möchte er aber ebenso wenig benutzen wie Richer. Stattdessen führt er an, dass im Durchschnitt fast sieben Ausfälle pro Spiel über die gesamte Saison einen großen Einfluss auf die Leistung hatten.

Zu erwarten seien etwa fünf bis sieben Änderungen im Kader, lässt der Klubchef durchblicken. Als sicherer Zugang gilt Leonhard Pföderl aus Nürnberg, ein deutscher Torjäger. Hier liegt einer der Punkte, an dem die Eisbären dringend nachbessern müssen. In diesem Play-off wurden in acht Partien fünf von 22 Treffern durch deutsche Spieler erzielt, weniger als ein Viertel. Bei Mannheim trafen die deutschen Spieler in fünf Partien zehn Mal bei 25 Toren, das ist ein Anteil von 40 Prozent. Die deutschen Münchner waren bei 16 Toren neun Mal die Schützen, über 50 Prozent beträgt ihr Anteil am Erfolg.

Das Problembewusstsein für den Mangel an Torgefahr bei den deutschen Spielern ist vorhanden, das allein mit Pföderl ändern zu können, scheint kaum möglich. Doch nach mehr Zugängen in diesem Bereich sieht es vorerst nicht aus. Der zwischenzeitlich mit dem EHC in Verbindung gebrachte Kanadier Anthony Camara (Iserlohn) ist wohl kein Thema mehr.

Stürmer Ortega soll wohl bleiben

So bleiben die meisten Personalien noch im Vagen. Als klar gilt, dass Verteidiger Jens Baxmann keinen Vertrag mehr erhält. Bei Stürmer Florian Busch wird die Gesundheit die entscheidende Rolle spielen nach nun mehreren Gehirnerschütterungen. Hier könnte sich noch Raum zur Veränderung ergeben. Ansonsten haben bis auf Colin Smith, der wohl bleiben soll, alle Deutschen laufende Verträge. Ein bis zwei könnten aber zur Disposition stehen.

Bei den Importspielern besitzen nur Louis-Marc Aubry, James Sheppard und Sean Backman Kontrakte. Dort ist also vieles möglich, wobei Austin Ortega wohl gehalten werden soll und auch eine Verlängerung mit Micki DuPont wahrscheinlich ist. Torhüter Kevin Poulin hat seine Klasse im Play-off demonstriert, wird von den Fans geliebt, weiter mit ihm zu planen, wäre sinnvoll. Was die Berliner ebenso dringend benötigen und vor allem im Importsegment suchen müssen, ist ein offensivstarker Abwehrspieler. Kein einziger EHC-Verteidiger traf im Play-off das Tor.

Die Top vier mögen es bitte sein

Mit den Verantwortlichen bei den Los Angeles Kings aus der nordamerikanischen NHL, die über den gemeinsamen Besitzer Anschutz eine Kontrollfunktion beim EHC ausüben, hat Lee bereits die Ziele für die neue Saison definiert. „Wir wollen wieder unter den Top vier sein“, sagt der Klubchef. Dazu bedarf es jedoch mehr als nur Worte, der Kader muss entsprechend angepasst werden. Vergangene Saison verzichteten die Eisbären trotz höchster Ansprüche und der Attitüde, ein Spitzenklub zu sein, darauf und wurden dafür bestraft. Dieser Fehler sollte ihnen nicht noch einmal unterlaufen. Sonst dürfte die nächste Spielzeit schnell ungemütlich werden.

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