DEL-Viertelfinale

Eisbären-Trainer Richer kämpft gegen die Zweifel

Der Sportdirektor und Coach hat einen schweren Stand bei den Fans der Eisbären. Im Viertelfinale kann er an Reputation gewinnen

Trainer Stéphane Richer (M.) hat den Eisbären-Spielern etwas zu sagen

Trainer Stéphane Richer (M.) hat den Eisbären-Spielern etwas zu sagen

Foto: nordphoto / Engler / picture alliance / nordphoto

Berlin. Stéphane Richer sieht zufrieden aus. Er kommt vom Eis, stützt sich gemütlich auf den Schaft seines Schlägers und lächelt. Noch ein bisschen mehr als 24 Stunden, dann geht es für ihn und seine Mannschaft wieder um alles. Aber der Trainer des EHC Eisbären wirkt völlig entspannt. „Wir haben diese Woche besser trainiert als letzte“, sagt er.

Vielleicht gelingt also der nächste Streich. Vor genau einer Woche siegte Red Bull München in Berlin, die Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) schien nach dem vierten Viertelfinalduell (2:5) so gut wie beendet. Doch überraschend heftig wehrte sich der EHC, gewann die fünfte Partie in Bayern (3:0) und geht nun am Freitag mit veränderter Vorbereitung und zurückerlangter Zuversicht in Spiel sechs der Serie (19.30 Uhr, Mercedes-Benz Arena).

Doppelfunktion nur vorübergehend

Spiele wie diese sind für die Eisbären nicht nur dazu da, die Saison zu verlängern oder Träume lebendig zu machen. Für Richer bieten sie noch eine andere Chance. Er kann Vorurteile abbauen, sich das Vertrauen der Fans erarbeiten, an Respekt gewinnen. „Ich bin glücklich, wenn wir Erfolg haben“, sagt er dazu nur kurz und mag das Thema nicht vertiefen. Doch das ändert nichts daran, dass der 52-Jährige beim Anhang des Klubs einen schweren Stand hat. Das galt in seiner Funktion als Sportdirektor, noch mehr aber, seit der Kanadier Mitte Dezember zusätzlich den Trainerposten nach dem Rauswurf von Clément Jodoin übernommen hat.

Oft in den jüngsten Monaten hallte es von den Rängen: „Richer raus!“ Der Sportdirektor gab zu, dass ihn das durchaus berührt hat, aber es beirrte ihn nicht. „Ich bin ein Kämpfer, und ich kämpfe so lange, bis wir wieder Erfolg haben“, sagte er. Zuletzt ereignete sich vieles, was Anlass zur Freude gab. Die Mannschaft überwand die Krise, und Richer hatte daran Anteil mit der Verpflichtung etwa von Austin Ortega, der Vereinfachung des Spielstils oder gerade erst am Sonntag mit seinen taktischen Veränderungen der Sturmreihen. Wer offen genug ist, der muss das anerkennen.

Anfangs tat Richers Einfluss gut

Warum Richers Reputation so strittig ist, liegt in seiner Vergangenheit begründet. Sein Job beim EHC gilt vielen vor allem als Ergebnis der Freundschaft zu Luc Robitaille, dem Präsidenten der Los Angeles Kings, dem über die Verbindung mit Anschutz als Besitzer beider Klubs die letzte Entscheidungsgewalt obliegt. Zudem wird Richer vorgehalten, in seiner Zeit als Sportchef bei den Hamburg Freezers zwischen 2010 und 2016 trotz üppiger Etats keinen Erfolg gehabt zu haben (eine Halbfinalteilnahme).

Von der Hand zu weisen sind diese Dinge nicht gänzlich, doch als Richer Ende Januar 2017 zunächst als Co-Trainer kam und bald darauf Sportdirektor wurde, übte er auch einen guten Einfluss aus. Er half Geschäftsführer Peter John Lee, die sportliche Lage realistischer einzuschätzen und bewirkte mehr Veränderung im Kader, als sonst üblich war. Allerdings ließ der Klub sich nur ein Jahr später wieder zur alten Taktik hinreißen und hielt an zu vielen verdienten Profis fest. Das führte zu einer sportlichen Fehlentwicklung, die in der Suche nach einem neuen Trainer resultierte. Hier fürchten nun viele, dass Richer den Posten an einen alten Wegbegleiter vergeben könnte und sportliche Gründe in den Hintergrund treten.

Veränderungen im Training diese Woche

Diese Bedenken kann der Sportdirektor noch nicht zerstreuen. Doch er kann daran mitarbeiten zu zeigen, dass die Mannschaft ein größeres Potenzial hat, als viele glauben. „Es geht nicht um mich, sondern immer um die Mannschaft. Ich bin glücklich für die Jungs, es war schwierige Saison. Jetzt belohnen sie sich für harte Arbeit und zeigen Charakter“, sagt Richer. Den Ausgleich zum 3:3 in der Serie wäre seiner Anerkennung seitens der Fans zuträglich, ein Sieg in der Serie könnte sogar so etwas wie eine bestandene Reifeprüfung werden.

Das Geschick dazu besitzt er durchaus. In der Woche brachte Richer andere Inhalte in das Training, um die Spieler aufmerksamer zu machen. Er achtete mehr auf das Tempo, ließ mehr Zweikämpfe üben. „Wir müssen von Anfang an da sein, wir müssen wach sein. Die Jungs wissen Bescheid“, erzählt Stéphane Richer – noch immer auf seinen Schläger gestützt.

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