DEL-Viertelfinale

Die Eisbären, München und der Hang zum Extrem

Sie haben es geschafft, dem Titelverteidiger eine weitere Partie abzutrotzen. Wie den Eisbären das gelang, ist erstaunlich

Mit aller Kraft: Mark Olver (l.) von den Eisbären Berlin im Duell mit Mark Voakes

Mit aller Kraft: Mark Olver (l.) von den Eisbären Berlin im Duell mit Mark Voakes

Foto: Lino Mirgeler / dpa

Berlin. Der Aberglaube bringt Veränderung. Mag sein, dass es sinnvoll erscheint, die Woche möglichst bequem zu gestalten. Sich ausruhen, erholen, entspannt vorbereiten auf den nächsten großen Tag. Das haben sie probiert beim EHC Eisbären, vergangene Woche, und es ging gründlich schief. Deshalb „werden wir jetzt den Rhythmus ändern“, sagt Stéphane Richer. Nach der Rückreise aus München war der Rest-Montag frei, ab Dienstag wird normal trainiert.

Vor einer Woche gab Coach Richer dem Team am Dienstag frei, und seine Mannschaft schien später im vierten Spiel des Viertelfinales gegen München am vorigen Freitag immer noch nicht wieder auf Betriebstemperatur zu sein. Ähnliches soll nun vermieden werden, wo es die Berliner doch geschafft haben, dem Titelverteidiger der Deutschen Eishockey Liga (DEL) mindestens eine weitere Partie abzutrotzen. Wie den Eisbären das gelang, ist ebenso überraschend wie erstaunlich.

Der eine demütigt den anderen und umgekehrt

Seit vier Spielen wankt die Serie zwischen dem Rekordmeister der DEL und dem dominierenden Team der vergangenen Jahre nun zwischen den Extremen. „Das kann ich wirklich nicht erklären, das ist einfach Eishockey“, sagt Mark Olver. Lediglich Spiel eins war eng, 2:3 nach Verlängerung unterlagen die Eisbären. Danach demütigte mal das eine Team das andere und umgekehrt – 4:0, 1:4, 2:5, und am Sonntag in München, als die Bayern die „Best of seven“-Serie mit dem vierten Sieg hätten beenden können, schlugen die Berliner mit einem 3:0 erneut extrem hart zurück.

Vorhersehbar scheint in dieser Serie nichts mehr. Obwohl drei Siege in Folge gegen Red Bull, und die wären für den Einzug ins Halbfinale inklusive des 3:0 nötig, weiterhin eher unwahrscheinlich bleiben. Doch der Titelverteidiger, diesen Schluss kann man inzwischen ziehen, bewegt sich nicht mehr auf dem Niveau der Vorjahre. Die Mannschaft von Don Jackson lässt sich leichter und nachhaltiger aus ihrem gewohnten Spielfluss bringen als früher. Zwei Partien ohne eigenen Treffer im Play-off sind etwas völlig Neues für die Münchner, das passierte in den Titeljahren nie.

Fünf Monate fehlte Mark Olver

Verantwortung dafür trägt auch Richer, auf seine Umstellungen in den Sturmreihen konnte sich München nicht gut genug einstellen. Die Berliner sortierten ihre Angriffsformationen am Sonntag so um, dass die kräftigsten Spieler auf die besten Bayern trafen. Zudem beorderte der Trainer Mittelstürmer Olver aus der vierten zwischen Brendan Ranford und Jamie MacQueen in die dritte Reihe. „Er hat eine größere Rolle bekommen und ist sehr gut damit umgegangen“, lobt Richer. Viel kraftvoller, fordernder agierten die Berliner mit der neuen dritten Reihe.

Der Schachzug mit Mark Olver erfolgte nicht freiwillig erst so spät. Fünf Monate fehlte er mit einer Verletzung an der linken Hand, in der ein Band gerissen war. „Ich wusste nicht, ob ich überhaupt zurückkomme in dieser Saison. Es fühlt sich sehr gut an, wieder ein Teil des Plans zu sein“, sagt er. Olver ist ein Kämpfer, ein bissiger, manchmal jähzorniger Spieler. Ein ganz anderer Typ als der kaum präsente Colin Smith, der zurückgestuft wurde zu Martin Buchwieser und Daniel Fischbuch in die eher wenig beschäftigte Reihe vier.

Eingewöhnung noch nicht abgeschlossen

Nach nur neun Einsätzen in der Hauptrunde kam Olver erst zum Viertelfinale gegen München zurück. „Der Trainer hat mich langsam herangeführt, das war gut. Nun gab er mir eine schöne Chance und unsere Reihe hat gut gespielt“, erzählt Olver, der noch immer dabei ist, sich seine Spielform zurückzuholen. Das ist nicht leicht nach so langer Zeit. „Jetzt im Play-off ist es sogar noch etwas härter, weil die Spiele noch mehr bedeuten“, sagt der Mittelstürmer, der sich wieder an das Tempo gewöhnen, an die Reaktionsschnelligkeit im Kopf wiedererlangen muss.

Die ersten Schritte sind getan, die Mannschaft profitiert davon. „Mark hat seine Reihe mit seiner Arbeitseinstellung geführt“, sagt der Trainer, der Olver an der Seite seines letztjährigen Partners MacQueen viel mehr Eiszeit offerierte als in den Partien zuvor. Tore oder Vorlagen sind daraus zwar noch nicht entstanden, die Wirkung war dennoch unverkennbar.

Nur noch nach vorn schauen

Wichtig wäre nun, dass diese Veränderung der Mannschaft hilft, ihren Wankelmut abzulegen. Nach großen Leistungsschwankungen zu einem gleichbleibend hohen Niveau zu finden. „Wir wollten den Ruf bestätigen, ein harter Gegner zu sein. Wir waren standhaft“, sagt Olver. Damit hat sich für ihn die Retrospektive zur Serie erledigt, von den Spielen zuvor will er nichts mehr wissen. „Wir schauen jetzt nach vorn. Man kann sich nicht mit der Vergangenheit aufhalten“, sagt der 31-Jährige, der das Duell mit seinem Team am Freitag (Mercedes-Benz Arena, 19.30 Uhr) daheim im sechsten Spiel zum 3:3 ausgleichen will. Auch dank eines anderen Rhythmus‘ vor dem Spiel, der die Eisbären wachhalten soll.