DEL-Viertelfinale

Eisbären reizen die Bullen

Die Eisbären wecken im Viertelfinale erste Zweifel an der gewohnten Überlegenheit von Serienmeister Red Bull München.

EHC-Verteidiger Florian Kettemer (l.) im Banden-Duell

EHC-Verteidiger Florian Kettemer (l.) im Banden-Duell

Foto: Andreas Gora / dpa

Berlin. Solche Fragen hört Don Jackson selten. Mit einer gewissen Entrüstung in der Stimme wollte jemand wissen, ob das wirklich seine Mannschaft gewesen sei, die dort gespielt habe. Seine Teams stehen gemeinhin für schönes Eishockey, für schnelles Spiel, für Erfolg. Dieser Abend in Berlin aber zeigte eine teils konfuse Mannschaft, ein verzweifeltes Anrennen und viele bitterböse Frustfouls. Eben ganz und gar nicht das, wofür Red Bull München, Meister der vergangenen drei Jahre in der Deutschen Eishockey Liga (DEL), bekannt ist.

Ungewohntes Erlebnis für die Bayern

Neben Jackson konnte sich Kollege Stéphane Richer das Lachen nicht verkneifen. Nicht aus Schadenfreude heraus, sondern mehr wegen der Grundsätzlichkeit der Frage, wobei doch einem Spiel in einer Play-off-Serie selten größere Bedeutung beigemessen wird von den Beteiligten. Aber Jackson selbst wirkte, als müsse er die Ereignisse erst einmal verarbeiten, um sie richtig einordnen zu können. „Das war kein guter Abend für uns“, sagt der Münchner Trainer nach dem 0:4 bei den Eisbären, die damit in der Viertelfinalserie zum 1:1 ausglichen.

Vielleicht war dem DEL-Rekordcoach, der fünf Titel mit den Berlinern und zuletzt eben drei mit den Bayern gewonnen hat, an diesem Abend bewusst geworden, dass die über Jahre unverrückbaren Verhältnisse begonnen haben, sich zu verändern. „Es war ein seltsames Gefühl, nach zwei Dritteln 0:4 zurückzuliegen. Das ist uns die ganze Saison nicht passiert“, sagte der Erfolgstrainer mit leiser Stimme. Seit der 62-Jährige die Bayern 2014 übernommen hat, ist ihm das auch noch in keinem Play-off-Spiel passiert. „Wir waren noch nicht in so einer Situation, das war sehr ungewohnt für uns“, so Jackson.

Jackson entschuldigt sich für böse Fouls

Weil es so jenseits des Erwartbaren lag, wussten die Münchner damit auch nicht umzugehen. Sie spielten ziellos, zeigten Nerven und entluden ihre Verzweiflung in harten Fouls. Dafür gab es zwei Spieldauerstrafen, 82 Strafminuten insgesamt – dazu eine nachträgliche Sperre von Yannic Seidenberg für ein Spiel sowie eine Geldstrafe für John Mitchell – und eine öffentliche Entschuldigung von Jackson. Nie wirkte der Serienmeister aus München verwundbarer.

Mit tiefem Schnitt in der Oberlippe und einen dunklen Fleck im Mund stand Sean Backman vor der Kabine der Eisbären. Ein Zahn hatte etwas abbekommen bei einem üblen Check, „aber er ist noch drin. Es war ein tolles Spiel von uns, wir haben zurückgeschlagen“, sagte der Berliner Stürmer: „Wir wollten ein Zeichen setzen, und das haben wir getan. Wir wollten ihnen zeigen, dass wir uns nicht einfach ergeben.“

Gut möglich, dass inzwischen genau das die Erwartung ist, die die Bayern mit in ein Spiel nehmen: auf einen unterwürfigen Gegner zu treffen. Ihre Dominanz in der jüngeren Vergangenheit kann dem Gegenüber schon mal die Beine lähmen, die Selbstverständlichkeit ihrer Siege lässt den Glauben des Kontrahenten an die eigenen Chancen schwinden. So war es auch bei den Eisbären in ihren großen Hattrick-Jahren 2011 bis 2013, die Konkurrenz zitterte vor Ehrfurcht, wenn die Berliner das Eis betraten.

Eisbären ohne Angst vor dem großen Druck

Doch das geht irgendwann vorbei. „München war in den ersten Minuten klar besser“, sagte EHC-Angreifer Marcel Noebels. Die Bayern versuchten, den Berlinern mit ihrem enormen Anfangsdruck Angst einzujagen. Das funktionierte aber nicht, weil die Eisbären ihre Positionen hielten, im Zweikampf sehr forsch waren, sich selbst bei jeder Gelegenheit nach vorn orientierten und sich mit dem in den vergangenen Wochen erstarkten Selbstbewusstsein durch nichts beeindrucken ließen. Nicht mal von den Fouls. Backman, der zwei Treffer erzielte, sagte: „Wir haben nichts Verrücktes gemacht, sondern einfach nur ein solides Spiel abgeliefert.“ Darüber war München schließlich selbst erschrocken.

So sehr, dass die Berliner eine Partie gegen München abspulten, die auch für sie ungewohnt war. „So dominiert haben wir sie noch nicht“, sagte Noebels, der in den Vorjahren zwei Play-off-Serien und etliche Punktspiele gegen die Bayern absolvierte. Ob der denkwürdige Abend in Berlin aus Münchner Sicht nur ein Ausrutscher war oder eben doch ein Zeichen der Zeit, werden die nächsten Viertelfinal-Partien offenbaren.

Drittes Spiel der Serie am Sonntag

Am Sonntag geht es bei den Bayern mit Spiel drei weiter (17 Uhr, Sport1). „Das wird ein harter Kampf“, sagt Backman, „wenn wir unsere Fehler minimieren, haben wir dort eine gute Chance zu gewinnen.“ Münchens Trainer Don Jackson bemühte derweil seine üblichen Floskeln, sein Team werde am Sonntag bereit sein. Was bislang immer wie eine Drohung klang, hörte sich diesmal aber mehr nach einer Hoffnung an.

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