Eisbären-Misere

„Das ist der absolute Tiefpunkt, was im Augenblick passiert“

Bei den Eisbären geraten die Routiniers in die Kritik. Sie werden ihrer Vorbildwirkung nicht gerecht. Wolfsburg soll Wendepunkt werden.

Große Ratlosigkeit auf der Berliner Bank

Große Ratlosigkeit auf der Berliner Bank

Foto: nordphoto / Engler / picture alliance / nordphoto

Berlin.  Als gut fünf Minuten vor dem Ende die Zuschauerzahl in der Mercedes-Benz Arena verkündet wurde, stimmte sie schon längst nicht mehr. Da hatten viele der ursprünglich 14.200 Besucher bereits das Weite gesucht, weil sie nicht länger Zeuge der Unfähigkeit der Eisbären sein wollten. Der große Rest pfiff oder ließ höhnische Sprüche erklingen. Etwa den: „Schmeißt doch mal den Trainer raus!“

Nun ist Stéphane Richer ja nicht nur aktuell der Trainer des Rekordmeisters der Deutschen Eishockey Liga (DEL), sondern auch dessen Sportdirektor. Und der Sportdirektor Richer würde den Trainer Richer sicher gern entlassen, wenn es denn etwas bringen würde. Doch aus der inzwischen reichlich leblosen Mannschaft könnte derzeit wohl kein Trainer mehr herausholen. „Ich bin sehr enttäuscht“, sagte Richer nach dem 0:7 gegen Tabellenführer Mannheim. Mehr noch aber war er „sauer“, weil die routinierten Spieler sich nicht gegen das Debakel wehrten.

Einsatz und Einstellung mangelhaft

0:7 – noch nie seit dem Umzug in die Großarena 2008 verloren die Eisbären daheim so deutlich. Der Vizemeister der Vorsaison bricht gerade völlig in sich zusammen. „Das ist der absolute Tiefpunkt, was im Augenblick passiert“, sagte Stefan Ustorf, der Leiter für Spielerentwicklung und zuvor lange Jahre Kapitän der Berliner, nach der Partie vor einigen Fans. Die Verletztenmisere mache es den Eisbären schwer, sicher, aber erklären oder gar entschuldigen lasse sich das Dahinsiechen der vergangenen Wochen damit nicht. „Jeder einzelne muss sich selbst hinterfragen“, so Ustorf, der damit wie Richer auf die erfahrenen Profis abzielte.

Für eben jene sollte bedingungsloser Einsatz und Kampf in solchen Situationen selbstverständlich sein, zumal gerade viele Nachwuchskräfte einbezogen werden müssen. „Ich erwarte von ihnen, dass sie den jungen Spielern den Weg zeigen, aber sie machen die Fehler“, schimpfte Richer. Ustorf kritisierte die negative Körpersprache fast aller Profis: „Ich darf den Gegner nicht wissen lassen, wie leid ich mir selber tue, wie frustrierend das alles ist.“ In der Kabine der Eisbären muss es nach der Partie ebenso deutliche Worte gegeben haben. Er fühle „Wut“ ob der Darbietung, berichtete Verteidiger Frank Hördler: „Die erfahrenen Spieler müssen mehr präsent sein.“

Noch zwölf Spiele in der Hauptrunde

In ihrer Entwicklung tiefer sinken als im Spiel gegen Mannheim, so die Meinung der sportlichen Leitung, könne die Mannschaft nun nicht mehr. Sie legte damit nahe, dass jetzt der Wendepunkt bevorstehen müsse. Was nicht heißt, dass die Berliner nach fünf Niederlagen in Serie nun am Sonntag in Wolfsburg wieder gewinnen (14 Uhr, Magentasport), aber dass sie sich wenigstens wieder aufbäumen. „Irgendjemand muss anfangen, Verantwortung zu übernehmen. Es muss ein Zeichen kommen aus dieser Kabine heraus“, fordert Ustorf. Ohne dieses Zeichen könnte es bei noch zwölf ausstehenden Spielen in der Hauptrunde sehr eng werden mit dem an sich sicheren Pre-Play-off.

Auf die Tabelle will Routinier Hördler im Moment gar nicht schauen. „Wir müssen uns an den ganz kleinen Details festhalten, von Wechsel zu Wechsel gucken und aus der Misere herauskommen“, sagt der Nationalspieler. Jeder habe sich allein auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Genau das will Richer noch einmal deutlich machen in der Kabine. „Ich bin ein Kämpfer, ich habe mein ganzes Leben gekämpft, und das erwarte ich auch von der Mannschaft“, sagt der Trainer der Eisbären mit der Rückendeckung des Sportdirektors.

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