Trainer entlassen

Eisbären feuern Clément Jodoin, Stéphane Richer übernimmt

Trainer Clément Jodoin kritisiert die Mannschaft und verliert einen Tag später seinen Job.

Clément Jodoin ist nicht mehr Cheftrainer der Eisbären

Clément Jodoin ist nicht mehr Cheftrainer der Eisbären

Foto: Matthias Balk / dpa

Berlin. Clément Jodoin weiß, was sich gehört. Deshalb bremste er sich und beendete seine Ausführungen. „Sie müssen zum Bus“, sagte der Trainer des EHC Eisbären in Richtung von Martin Jiranek, seinem Pendant bei den Nürnberg Ice Tigers. Sein Satz brachte den Kanadier dabei auf eine Idee. „Vielleicht sollten wir auch mal wieder mit dem Bus fahren.“

Er selbst wird diesen Gedanken nicht mehr in die Tat umsetzen, der Vizemeister der Deutschen Eishockey Liga (DEL) entließ den Kanadier am Mittwochabend. „Wir danken Clément für seine Arbeit mit den Eisbären in den vergangenen eineinhalb Jahren“, kommentierte Geschäftsführer Peter John Lee die doch überraschende Demission. Vergangene Saison hatte der 66-Jährige zunächst als Co-Trainer beim EHC begonnen, wurde dann im Sommer der Nachfolger von Uwe Krupp, der nach Prag ging.

Jeder Spieler sollte sich fragen, was er beiträgt

Ziemlich genau vier Jahre ist es her, dass die Eisbären zuletzt einen Coach vom Amt entbunden haben. Jeff Tomlinson musste damals kurz vor Weihnachten gehen, Krupp kam. Tomlinson scheiterte 2014 nicht an sich selbst, sondern an der Situation, die er vorgefunden hatte. Vieles, was gerade beim EHC passiert, erinnert an diese Zeit.

Jodoin freute sich auf seine Aufgabe als Chef an der Bande, die Spieler zeigten sich im Sommer begeistert von der kommunikativen Art des Coaches und lobten seinen Erfahrungsschatz. Spätestens aber mit dem 2:5 am Dienstag gegen Nürnberg, der vierten Heimniederlage in Serie, hatte sich beim Trainer sämtliche Sympathie für das Team aufgebraucht. „Die Ergebnisse in den letzten Spielen wurden absolut nicht unserem Anspruch gerecht“, so Sportdirektor Stéphane Richer, der nun vorübergehend das Amt von Jodoin übernehmen wird: „Das Team hat gezeigt, dass es gut spielen und gewinnen kann. Es fehlt aber die Konstanz. Wir brauchen neue Reize, um das Leistungsvermögen der Jungs besser ausschöpfen zu können.“

Ein paar wahre Worte, die im Nachgang wie ein vorweggenommener Abschied klingen, gab Jodoin der Mannschaft nach der Niederlage am Dienstag noch mit auf den Weg. Er legte den Spielern nahe, sich wieder in etwas mehr Demut zu üben, mehr zu schätzen, was ihnen das Leben als Profisportler bietet. Anders als den Nürnberger Spielern etwa überwiegend Flugreisen, relativ viel Luxus für DEL-Verhältnisse. Jodoin klagte das Team an und nahm ihm alle Argumente für eine Rechtfertigung: „Ausreden sind für Verlierer. Wenn du ein Mann bist, stellst du dich der Herausforderung.“ Doch die Feldspieler laufen auf und begehen immer wieder dieselben Fehler. Ständig werde darüber gesprochen, was nicht passieren soll. Dann passiert aber genau das.

Jodoin weiß ziemlich gut, warum sich so viele schlechte Dinge so häufig wiederholen. „Wenn es um alles geht, musst du alles tun, was möglich ist. Die kleinen Dinge bringen dich zu den großen, die Konstanz darin, diese kleinen Dinge gut zu erledigen“, so Jodoin. Das fängt damit an, wach zu sein, wenn man das Eis betritt. „Es geht um die Einstellung. Das Spiel beginnt, wenn der erste Puck fällt, nicht nach dem ersten Drittel.“ Gegen Nürnberg hatte es nach acht Minuten schon 1:3 gestanden. „Wir dachten wahrscheinlich, es geht von allein. Da haben wir uns maßlos überschätzt“, räumte Stürmer Florian Busch ein und sprach damit offenbar ein Grundproblem an.

Nach der starken vergangenen Saison sind bei den Berlinern wieder Verhaltensweisen zu erkennen, die sie zuletzt nach den drei Meisterschaften 2011 bis 2013 zeigten. Die Spieler ruhen in der trügerischen Überzeugung, sie seien so gut, dass sich alles fügen werde. Und wirken jedes Mal überrascht, wenn gegnerische Mannschaften sich mit diesem bequemen Ansatz nicht bezwingen lassen wollen. Mahnende Worte dringen aber nur schwer durch. „Nach dem Spiel habe ich gesagt: Jungs, ihr müsst einen ernsten Blick in den Spiegel werfen. Die Spieler müssen lernen, sich selbst einzuschätzen, ihren persönlichen Auftritt zu analysieren. Jeder sollte sich mal fragen, was er hier beiträgt“, erzählte der Trainer. Für keinen Coach ist es ein Vergnügen, mit einer solchen Mannschaft zu arbeiten. Sich mit Zielen oder gar dem Play-off zu beschäftigen, verbietet sich mittlerweile bei den Eisbären. Der vermeintliche Titelkandidat hat sich wieder im Mittelmaß eingerichtet.

Dafür entschuldigte er sich bei den Fans, bei den Mitarbeitern des Klubs, die jeden Tag lange dafür arbeiten, dass die Halle voll wird. „Es tut mir leid für die Organisation“, sagte Jodoin und legte dem Team vor allem für das Klubumfeld einen besseren Auftritt am Freitag gegen Augsburg ans Herz (19.30 Uhr, Mercedes-Benz Arena). „Jetzt kommt Weihnachten, ich hoffe, es gibt einen Sieg – mit großer Schleife.“ Für Jodoin selbst gibt es nichts mehr von dieser Mannschaft, doch sein Appell rang selbst Klub-Chef Lee Respekt ab. „Er ist ein Mann mit absoluter Klasse.“