Eisbären Berlin

Ein Trainer kalkuliert den Kontrollverlust

Uwe Krupp hat in seiner Trainerkarriere gelernt, seiner Mannschaft mehr Freiraum zu geben. Das soll den Eisbären gegen Mannheim helfen.

Trainer Uwe Krupp will ins Halbfinale

Trainer Uwe Krupp will ins Halbfinale

Foto: imago sport / imago/Bernd König

Berlin.  Uwe Krupp lehnt im Wellblechpalast neben der Eisfläche am Geländer. Ganz entspannt, er unterhält sich. Ohne dabei jedes Wort genau abzuwägen. Er lächelt sogar ab und zu. Obwohl Play-off-Zeit ist in der Deutschen Eishockey Liga (DEL).

Normalerweise sind das die Wochen des Jahres, in denen Krupp sich gern jeden öffentlichen Kommentar verkneifen würde. Worte helfen sowieso nicht, zumindest keine nach außen, um die Aufgaben zu erfüllen, die ihm als Trainer des EHC Eisbären obliegen. Direkt nach Spielen, auch nach dem 6:3 am Freitag gegen die Adler Mannheim im zweiten Viertelfinalduell (Stand der Serie 1:1), merkt man ihm diese Grundeinstellung noch an. Da formuliert er knapp, sehr allgemein. Nichts soll falsch verstanden werden können, zu tiefe Einblicke geben in seine Pläne oder gar, noch schlimmer, als Motivationshilfe für den Gegner taugen.

Lange Entwicklung durchlebt

In solchen Momenten geht es um Kontrolle. Für Trainer ist das ein zentrales Thema, mit dem sie immer wieder konfrontiert werden. Auf verschiedenen Ebenen. Die bedeutendste liegt im Umgang mit der Mannschaft. In dieser Hinsicht durchlebte Krupp in seiner Laufbahn als Trainer eine Entwicklung. Szenen wie am Sonnabend, der entspannte Coach am Geländer, sind ein kleiner Ausdruck dessen.

Gleich bei seiner ersten Station als Übungsleiter bewirkte Krupp (51) Außergewöhnliches, Sensationsvierter bei der Heim-WM 2010 mit dem Nationalteam. Mit einer ganzen Saison inklusive Play-off lässt sich das kaum vergleichen. Als er danach in Köln bei den Haien anheuerte, baute er über mehrere Jahre in täglicher Kleinarbeit ein Team auf. Erfolg- ebenso wie lehrreich. Seine Kontrolle war zu engmaschig.

Zweimal im Finale

Trainer sind Optimierer, sie wollen eine Potenzialmaximierung erreichen. Das funktioniert aber nur schlecht, wenn der Übungsleiter der zentrale Teil des Teams ist. "Du musst eine Mannschaft dazu bringen, dass sie komplett mündig ist. Du gibst von außen Anweisungen, aber die eigentliche Entscheidungsgewalt hast du als Trainer nicht", sagt Krupp. Dieser Erkenntnis wurde begleitet von zwei Finalniederlagen, 2013 gegen die Eisbären, 2014 gegen Ingolstadt. Truppen voller Euphorie gegen ein Team, das wuchs, die letzte Stufe aber noch nicht erreicht hatte. Das als Favorit in der Pflicht stand und keinen Spaß am Spiel mehr fand, als der Meister gemacht wurde. Weil es sich auf den Trainer verließ, der zu wenig auf die Eigenverantwortung der Spieler gesetzt hatte.

Krupp nahm das aus der Kölner Zeit mit: "Es hilft mir nicht, wenn meine Mannschaft in einer Zwickmühle ist und die Spieler gucken sich um zur Bande, um eine Lösung zu bekommen." Kontrolle abzugeben, ist also die schwerste Prüfung, die ein Trainer bestehen muss, wenn er seine Mannschaft voranbringen möchte. Don Jackson, der frühere EHC-Coach und jetzige Münchner, gilt Krupp darin als großer Meister. Er hat die Gelassenheit, sich auf die Spieler zu verlassen.

Instinkt des Helfens

"Das ist keine natürliche Sache für mich, ich will helfen, mich einschalten, jeden steuern. Du willst dich einschalten, um Spieler besser zu machen, aber während des Spiels muss er allein entscheiden", erzählt er. Krupp befindet sich noch in der Phase zu zeigen, dass er sich damit arrangiert hat. Dass er loslassen kann. Jetzt im Play-off ist beste Gelegenheit. Seit er im Dezember 2014 zu den Eisbären kam, war sie vielleicht nicht besser.

Die Zeit in Berlin war für Krupp bislang eine mit eher ungünstigen Begleiterscheinungen. Mit vielen Verletzungen, zur falschen Zeit schwächelnden Leistungsträgern. Den Schritt zum EHC tat der Trainer sicher auch, weil er günstige Bedingungen vermutete, um noch etwas mehr zu erreichen als mit den Haien damals. Als Spieler gewann Krupp viele Titel, als Trainer noch keinen. Nach einer Saison, die bereits abgehakt schien, steht er nun an der Bande einer Mannschaft, die vollzählig ist und heiß, die offenbar zur richtigen Zeit einen guten Lauf hat.

Gelernt, sich besser zu entfalten

Zur Meisterschaft muss das natürlich nicht zwangsläufig führen, das aktuelle Play-off kann ihn aber auf seinem Weg als Trainer bestätigen. Krupp musste viel mit dem Team arbeiten in dieser Saison, viel probieren, verschieben, umstellen. Die permanent hohe Ausfall-Quote zwang zu ständigen Improvisationen. Da durfte sich der Trainer seinem Naturell hingeben, er musste helfen und steuern, weil die Spieler oft genug mit der Situation überfordert waren. Im besten Fall sieht Krupp nun als Resultat dieser schweren Monate, dass die Mannschaft daraus gelernt hat und sich unter den neuen Bedingungen nun in kritischen Momenten entfaltet, "Lösungen in engen Situationen" findet.

Einige Hinweise darauf boten die jüngsten Spiele. Gegen die Adler agieren die Eisbären bislang mit einer größeren Kreativität in der Offensive. Was für viele einigermaßen überraschend ist nach dieser Hauptrunde. "Wir haben gewusst, dass sie so spielen kann", sagt Uwe Krupp vor der dritten Partie der "Best of seven"-Serie am Sonntag in Mannheim über seine Mannschaft (14 Uhr). Mit diesem Bewusstsein fällt es leicht, einen Moment der Entspannung zu finden.

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