Unters Dach

Von wegen Hooligan: Legende!

Die Eisbären ehren vor der Partie gegen die Krefeld Pinguine ihren Sportchef Stefan Ustorf für seine Leistungen als Spieler.

Stefan Ustorf feiert 2009 mit den Kollegen den vierten Titel

Stefan Ustorf feiert 2009 mit den Kollegen den vierten Titel

Foto: ANKE FLEIG / SVEN SIMON / picture-alliance / Sven Simon

Berlin.  Wo soll er den Strich ziehen, mit dem sich dieser Abend in zwei Teile aufspalten lässt? Wenn das Trikot unter dem Dach hängt? Wenn er vom Eis kommt, mit einem Geschenk unter dem Arm? Der schöne Part ist dann vorüber, die glorreiche Vergangenheit noch einmal bejubelt. Die graue Gegenwart beginnt, das Zittern – sogar um das Play-off.

Als Sportlicher Leiter des EHC Eisbären begleiten Stefan Ustorf gerade einige trübe Gedanken. Als Spieler der Berliner musste er sich mit solchen Sorgen früher kaum herumplagen. Weil er mit seinen Leistungen dazu beitrug, dass die Umstände höchsten Erfolg verhießen. Zum Dank dafür wird Ustorf nun beim letzten Heimspiel des Jahres am Mittwoch gegen Krefeld geehrt (19.30 Uhr, Mercedes-Benz Arena).

Gemischte Gefühle

Er hätte noch warten können damit. „Ich wurde aber nicht gefragt“, sagt Ustorf (42). Nach dem 1:7 am Montag in Ingolstadt will keine rechte Freude aufkommen bei ihm. Doch die Zeremonie war lange geplant. „Ich werde versuchen, das zu genießen. Aber trennen kann ich es nicht von dem wichtigen Spiel gegen Krefeld“, so der Sportchef des Rekordmeisters der Deutschen Eishockey Liga (DEL).

Als fünftes Trikot ziehen die Eisbären das von Ustorf unter die Decke, vergeben die Nummer 14 anschließend nicht mehr. Mark Beaufait, Sven Felski, Denis Pederson und Steve Walker hängen schon, es sind die großen Namen, die zur großen Ära des EHC gehören. Die sie begründet haben.

Dass die Zukunft als Spieler mal Großes bereithalten könnte für den Stürmer, deutete sich sehr früh an. Da hatten die Eisbären ihren Sportlichen Leiter auch nicht gefragt, sondern zur Einstimmung auf den Ehrentag ein kleines, aber äußerst interessantes Dokument im jüngsten Spieltagsheftchen verbreitet. Schon als Baby machte er Schlagzeilen, da glaubte die „Allgäuer Zeitung“ beim zweiten Neujahrskind des Jahres 1974 in Kaufbeuren schon einen Eishockeyschläger in den kleinen Händen zu erkennen, denn Vater war schließlich Peter Ustorf, Spieler und später Trainer. Sogar einen Einkaufsgutschein gab es für Stefan. Wie hoch? „Das weiß ich nicht. Der ist nie bei mir angekommen.“ Vielleicht kann er seine Mutter aus aktuellem Anlass noch einmal fragen, sie ist gemeinsam mit Vater Peter zu Gast, wenn der Sohn seinen großen Tag erlebt.

Von NHL bis Nationalmannschaft

Ziemlich sicher werden dazu wieder die „Ustorf Hooligan“-Rufe von den Rängen erschallen. Den Spitznamen hatte Stefan von seinem Vater geerbt, der sich als Trainer des EHC-Lokalrivalen Capitals einst mit einem Fan prügelte. Dass Ustorf selbst 1997/98 eine Saison bei den Caps mit seinem Vater verbrachte, spielte beim EHC nie eine Rolle. Ihn selbst beschäftigte das schon. „Der Wechsel dahin war ein Fehler. Das war ein verschwendetes Jahr für meine Karriere in Nordamerika“, erzählt er. In Berlin wollte er sich für die NHL in eine bessere Position bringen, doch das misslang.

Sonst lief sportlich aber alles ziemlich gut. In der NHL spielte er vor dem Caps-Intermezzo, danach war er Kapitän in Mannheim, Kapitän der Nationalmannschaft, Kapitän der Eisbären. Natürlich ist die NHL für jeden Eishockeyprofi das Größte, bei Ustorf wurde die USA sogar zum Lebensmittelpunkt und ist es familiär bis heute. Doch sportlich ging für ihn eben bei den Eisbären alles am besten auf. Er wurde zum wichtigen Baustein einer Mannschaft, die das deutsche Eishockey über Jahre dominierte. „Stefan war einer der prägendsten Führungsspieler in der Geschichte der Eisbären. Bei ihm stimmte die Mischung aus Talent, Herz und Charakter“, sagt Geschäftsführer Peter John Lee.

Sechs Titel mit dem EHC

Im Sommer 2004 kam Ustorf zum EHC, gleich in der ersten Saison gewann er mit den Berlinern den Titel. Es war der erste für die Eisbären nach der Wende – und der erste für den Stürmer. Es folgten fünf weitere, ein Pokalsieg, der Triumph in der European Trophy. Seinen Einsatz, seine Einstellung, das vermissen viele Fans bei der heutigen EHC-Generation. Einsatz über die Schmerzgrenze hinaus, der Ustorf viele körperliche Leiden bescherte, die ihn 2012 abrupt zum Spielstopp zwangen und nicht mehr loslassen.

Vergleiche zwischen dem Team damals und heute mag er nicht ziehen. Aber früher, das stimmt, war es leichter, in der DEL oben mitzuspielen. Das macht es natürlich schwerer, sich solche Meriten als Sportchef zu verdienen, wie er sie als Spieler vorweisen kann. Die dritte Saison in dieser Funktion bei den Eisbären führt ihm die Unterschiede besonders deutlich vor Augen. „Als Spieler hast du deine Leistung unter Kontrolle“, erzählt Stefan Ustorf. Als Sportlicher Leiter sagt er nach dem Spiel in Ingolstadt: „Es ist an der Zeit, dass sich der eine oder andere hinterfragt, ob das so in Ordnung geht.“ Die graue Gegenwart trübt die glorreiche Vergangenheit ein wenig.