Eishockey

Es muss nicht immer Luxus sein

Die Grizzlys verkörpern Wolfsburgs Arbeitermentalität besser als die Fußballer. Heute gastiert der konstanteste DEL-Verein in Berlin.

Zweimal unterlagen die Eisbären den Grizzlys in dieser Saison bereits

Zweimal unterlagen die Eisbären den Grizzlys in dieser Saison bereits

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Berlin.  Mittlerweile kann sich Karl-Heinz Fliegauf (56) den angenehmen Dingen des Lebens widmen. Die Planung der Weihnachtsfeier nahm in den jüngsten Tagen einige Zeit in Anspruch bei den Grizzlys Wolfsburg. Wohl kaum eine Festivität dieser Art dürfte in der Vergangenheit bei den Niedersachsen mit so viel Dankbarkeit begangen worden sein wie diese. Der aktuell dritte Platz in der Tabelle der Deutschen Eishockey Liga (DEL) sorgt dabei nicht für die ganz großen Gefühle, sondern die Sicherheit, dass es den Klub auch über die Saison hinaus noch geben wird.

Darüber Prognosen anzustellen, war vor gut einem Monat noch ganz schön gewagt. Schließlich hängt in Wolfsburg alles am Tropf von Volkswagen. Und die Marke VW, Hauptsponsor des Klubs, wollte sich aufgrund der Nachwirkungen des Abgasskandals sowie im Zuge des gerade beschlossenen Zukunftspakts keinen Eishockeyklub mehr leisten. „Das waren schwierige Tage. Unser Oberbürgermeister Klaus Mohrs hat sich dann richtig ins Zeug gelegt und interveniert“, erzählt Sportdirektor Fliegauf. Kurz darauf gab der Gesamtkonzern VW quasi eine Bestandsgarantie. Finanziell soll alles wohl im bisherigen Rahmen bleiben, das wird gerade verhandelt. „Das ist die Voraussetzung, um erfolgreiches Eishockey zu spielen“, so Fliegauf. Er ist guter Dinge.

Etat im Mittelfeld

Vergleichsweise gibt Wolfsburg mit etwa sieben Millionen Euro schließlich wenig Geld aus. „Im Etat sind wir Nummer sieben“, so der Sportchef. Und damit nach dem Aus von Hamburg eine Position aufgerückt. Trotz der Mittelfeld-Mittel ist Wolfsburg aber die erfolgreichste Mannschaft der Liga, seit 2010 wurde nur einmal das Halbfinale verpasst, zweimal stand der Klub im Finale. „Wir sind zwar noch ohne Titel, aber doch immer dabei“, sagt Fliegauf. Beachtlich, bei diesen Voraussetzungen.

Dass die Konstanz ihre Heimat in der DEL in Niedersachsen hat, liegt viel an Fliegauf. Vor zwei Wochen beim 3:2 nach Verlängerung bei den Eisbären, bei denen sie am Freitag erneut zu Gast sind (19.30 Uhr, Mercedes-Benz Arena), hielt Trainer Pavel Gross (48) eine Eloge auf den Manager. Wolfsburg gilt nicht als attraktivster Standort, Fliegauf baut dennoch einen tollen Kader. Und hält Profis lange im Verein. „Geld macht das nicht aus“, sagt Gross. Chemie und Zusammenhalt im Team sind Faktoren, mit denen die Grizzlys punkten. Fliegauf: „Die Spieler müssen sich mit der Geschichte hier identifizieren. Das Problem haben wir bei unseren Nachbarn momentan im Fußball, die haben das nicht in den Griff bekommen.“

Die „Geschichte“ betrifft nicht nur die sportliche Philosophie des Klubs, es geht auch um die Bedürfnisse in der Stadt. „Wir müssen das verkörpern, was die Stadt ist – wir sind Arbeiter“, sagt Gross. Laufen, nie aufgeben, gemeinsam bis zum Letzten kämpfen, das ist die Stärke der Grizzlys. „Das Arbeiten ist das, was zur Stadt gehört. Beim Fußball haben sie es versucht mit großen Namen, ich weiß nicht, ob das unbedingt hierher passt, wo jeder malocht, wo es Schichtarbeit gibt. Wir kommen über diese Schiene, sind schwer zu bespielen, gehen dem Gegner auf den Sack“, sagt Fliegauf. Große Techniker sind bei den Grizzlys selten. Es muss eben nicht immer Luxus sein.

Gross macht Spieler besser

Gute Spieler gibt es dennoch viele, die meisten werden in Wolfsburg sogar noch besser. Gross, der früher bei den Capitals in Berlin spielte und dort auch seine ersten Trainererfahrungen sammelte, kann Profis entwickeln. Seit zwölf Jahren, die ersten beiden davon in Frankfurt, arbeiten Fliegauf und Gross schon zusammen. 2010 machte er Gross zum Cheftrainer. „Pavel achtet penibel auf die Kleinigkeiten. Er überlässt nichts dem Zufall, er seziert den Gegner“, sagt der Sportdirektor. In seiner Ansprache ist Gross nicht unbedingt zimperlich, aber auch das passt genau zur Arbeitermentalität bei den Grizzlys.

Als Favorit gehen sie wegen ihrer Bedingungen nie in eine Saison. Wenn Gross und Fliegauf so weitermachen, würde es aber nicht wundern, wenn sie ein paar Monate nach dem Weihnachtsfest auch mal den Titel feiern könnten.