Eisbären gegen Wolfsburg

Weihnachtliches Familienduell bei den Krupps

Uwe Krupp ist Trainer des EHC Eisbären, Björn Krupp spielt in Wolfsburg: Am zweiten Feiertag treffen sie als Gegner aufeinander.

Die Krupps: Eisbären-Trainer Uwe mit seinen Söhnen Cedric (l.), T.J (im Arm) und Björn, der am Sonnabend mit Wolfsburg gegen den EHC spielt

Die Krupps: Eisbären-Trainer Uwe mit seinen Söhnen Cedric (l.), T.J (im Arm) und Björn, der am Sonnabend mit Wolfsburg gegen den EHC spielt

Foto: Steffen Pletl

Berlin.  Weihnachten ist harte Arbeit. An der schwierigen Suche nach Geschenken hängt das gar nicht, auch nicht an riskanten Manövern am Herd. Wer im Profi-Eishockey zu tun hat, muss eben ran während der Feiertage. Kernzeit, Big Business. Die Gefühle haben keine Schweigepflicht, aber richtige Weihnachtsstimmung kommt da einfach nicht auf. Selbst bei Familientreffen nicht.

Uwe und Björn Krupp wissen das besser als andere. Die zwei, Vater und Sohn, sehen sich am 26. Dezember wieder. Der eine steht bei den Eisbären Berlin als Trainer an der Bande, der andere als Verteidiger bei den Grizzlys Wolfsburg auf dem Eis (16.30 Uhr, Mercedes-Benz Arena). Ein paar Mal nehmen sie sich während der Partie wahr, achten aber kaum aufeinander. „In erster Linie geht es darum, dass wir gegen Wolfsburg spielen“, sagt Uwe Krupp (50). Sein Team steht für ihn im Mittelpunkt. Björn (24) will den Sieg mit den Grizzlys und kann sich keine sentimentalen Gedanken leisten.

Für ein bisschen Familie bleibt erst nach der Schlusssirene etwas Zeit. „Wir geben uns immer eine Kleinigkeit“, erzählt Björn. Die Richtung ist meist ziemlich ähnlich. „Wir haben so ein paar Gemeinsamkeiten, Schokolade überlebt nicht lange bei uns. Das ist so ein Familiending“, sagt Uwe. Zum zweiten Mal in Folge treffen die beiden in dieser besonderen Konstellation aufeinander. Vor genau einem Jahr zum ersten Mal. Uwe hatte gerade die Eisbären übernommen, Björn war kurz zuvor nach Wolfsburg gewechselt. Zum ersten Mal überhaupt standen sie sich da als Gegner gegenüber. Bis dahin waren ihre Karrieren extrem eng miteinander verknüpft.

Erst mit elf Jahren angefangen

Das entbehrt nicht einer gewissen Logik bei Vater und Sohn, doch dieser Fall ist schon sehr speziell. Uwe Krupp wusste gar nicht, wohin es ihn nach einer einzigartigen Karriere als Profi in der NHL und erstem deutschen Stanley-Cup-Sieger trägt. Dann kam Björn, der bis dahin in Köln bei seiner Mutter weit weg vom Eishockey gelebt hatte, mit elf Jahren und einem Entschluss zu Uwe nach Atlanta: Er wollte wie sein Vater Eishockey spielen, und zwar richtig. „Mit elf Jahren anzufangen, ist eigentlich ein bisschen spät“, sagt Björn. Und der Vater traute dem Plan auch nicht sonderlich. Erst ein paar Teamkollegen der Thrashers halfen nach. „Seine Mitspieler haben ihn quasi gezwungen, die Eishockeysachen für mich zu holen“, so Björn. Uwe wollte ab da nichts mehr dem Zufall überlassen, er unterrichtete Björn: „Ohne ihn wäre ich nie Trainer geworden, keine Chance.“

Im Mai spielte Björn in Prag bei der WM für die Nationalmannschaft. Das Fazit für Uwes Überwindung damals steht also. „Es hat sich gelohnt“, sagt Björn. Den Vater wie den Trainer erfüllt das mit Stolz: „Der Weg, den er eingeschlagen hat, ist keine einfache Sache. Er beißt sich da durch, davor habe ich unheimlichen Respekt.“ Wer so spät einsteigt wie Björn, muss schneller lernen. Weil er einer ist, der geradezu perfektionistisch daran werkelt, Vorgaben umzusetzen, klappte das immer gut. Björn tat, was Papa sagte und vormachte. Uwe gründete in Atlanta mit Bekannten ein eigenes Nachwuchsteam, in dem Björn spielte und das er trainierte. Bis Uwe beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) erst Co- und dann Bundestrainer wurde und Björn in Nordamerika seine Ausbildung in Nachwuchsligen fortsetzte.

Distanz trotz Nähe

Björn spielt einfaches, solides Eishockey. Und immer erinnert er an den Vater. „Viele sagen, wir sehen gleich aus. Obwohl ich rote Haare habe. Wir bewegen uns gleich, laufen gleich auf dem Eis. Da braucht man keinen Vaterschaftstest zu machen, ich sehe eh aus wie ein Klon“, erzählt der Sohn. Bei allen Gemeinsamkeiten, in vielen Dingen ähnelt sich ihr Geschmack und Denken, und bei aller Nähe gab es auch immer eine Distanz. „Die Beziehung zwischen mir und Björn ist keine traditionelle Vater-Sohn-Beziehung“, sagt der Vater. Vor allem in Köln mussten sie aufpassen.

Dort heuerte Uwe 2011 an. Björn kam im selben Jahr zu den Haien, wurde Profi. „Ich glaube, das war für den Uwe selbst ein Schock. Er hatte das nicht so geplant für sich. Das sieht ja auch komisch aus, direkt den Sohn zu verpflichten. Ich war ja auch keiner, der besonders aufgefallen wäre“, erinnert sich Björn. Ursprünglich sollte er in Duisburg mit einer Förderlizenz spielen, doch an höherer Stelle im Klub kam man auf die Idee, ihn gleich bei den Haien auflaufen zu lassen. Auf Vater und Sohn konnten sie da nicht mehr machen. „Am Anfang war ich ein bisschen nervös, ich dachte, ich muss gucken, wie die Mannschaft reagiert. Aber die Jungs haben schnell gecheckt, dass ich kein Vollidiot bin, der direkt zu Papa rennt, wenn irgendwas ist. Uwe hat mich auch nie in eine Situation gebracht, die schwierig hätte werden können“, so Björn. Er wurde behandelt wie ein junger Spieler, manchmal „schon hart angegangen“, sagt Uwe, härter sogar als andere. Dann kümmerte sich Haie-Kapitän John Tripp um Björn.

Sie sind familiär stets mit allem gut umgegangen. „Wir wussten immer, wenn wir uns angeschaut haben, warum etwas so sein muss“, so Uwe. Björn musste sich eine Akzeptanz in der Mannschaft erarbeiten, als Persönlichkeit und nicht als Trainersohn. Ein gewisser Abstand war da unabdingbar. „Ich war von der Jugend an gewohnt, dass ich nicht Papa sagen konnte. Privat haben wir in Köln nicht so viel gemeinsam gemacht“, erzählt Björn. Über die Zeit hat sich bei den beiden ein sehr entspanntes Verhältnis entwickelt. Sie telefonieren auch jetzt gar nicht so häufig. Und obwohl sie nun schon ein Jahr nur noch eine Zugstunde auseinander wohnen, haben sie es noch nicht geschafft, sich außerhalb der Spiele zu besuchen. Unkonventionell gehe es bei ihnen zu, findet Uwe.

Entwicklung nicht abgeschlossen

Jetzt liegen die Kölner Zwänge hinter ihnen. Uwe wurde im Oktober 2014 entlassen, Björn erhielt danach so wenig Eiszeit, dass er weg wollte: „Wenn dein Vater der Trainer ist, ist er natürlich sehr streng. Das muss er auch sein, du willst ja nicht, dass andere das Gefühl haben, dass ich bevorzugt werde. Aber eines kann ich sagen, einfacher ist es nicht geworden“, sagt der Sohn nun. Pavel Gross betreut ihn in Wolfsburg als Trainer. Der ist auch sehr streng, achtet sehr auf Details. „Das hilft mir, zum nächsten Schritt zu kommen“, sagt Björn. Bislang hatte Uwe ihn geformt, zu dem gemacht, was er ist. Es war der richtige Zeitpunkt, nicht mehr beim Vater zu sein. Sagt auch der Vater.

Dem fiel es nicht schwer, den Sohn ziehen zu lassen, Wolfsburg hat er ihm sogar empfohlen. Trainer Krupp schätzt den Trainer Gross. „Ich rede auch ab und zu nach den Spielen mit Pavel“, so Uwe. Er verfolgt den Werdegang Björns weiter genau: „Er entwickelt sich immer noch viel, er ist noch kein abgerundeter Spieler, weil er so spät angefangen hat.“ Björns Rolle ist die des defensiven Verteidigers, er genießt Anerkennung bei den Kollegen, auch schon in Köln, weil er viel fürs Team einsteckt. Manchmal auch nur wegen seines Namens. Das kommt vor auf dem Eis, dass er da in nicht nett gemeinter Form mit dem Vater in Verbindung gebracht wird. „Der Name wiegt schwer. Er wusste immer, dass das auf ihn zukommt. Wenn es da verbal auf dem Eis zur Sache geht, kann man sich das anhören oder es regeln. Da sind wir im Eishockey in einem guten Sport“, erzählt Uwe. Björn gehört gerade zu den Spielern mit den meisten Strafminuten.

Wenn seine Entwicklung abgeschlossen ist, sieht der Vater ihn als jemand, der ein Allroundspiel spielen kann. Vielleicht führen sie ihre Wege ja irgendwann wieder zusammen in ein Team. Bezüglich Weihnachten würde das ein paar Sachen einfacher machen. Dann bliebe auch mal Raum für ein Essen, ganz in Familie. Weihnachten wäre dann weniger ein Duell, weniger Arbeit. Die Berliner gewannen vergangenes Jahr 3:1, für Björn besteht also Korrekturbedarf. Das ist ihm jetzt wichtiger als die Schokolade danach.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.