Eishockey

Wie Eisbären-Coach Tomlinson die Krise überwinden will

Neun Spiele, sechs Pleiten: Die Eisbären Berlin sind schlecht gestartet. Neu-Trainer Jeff Tomlinson steht in der Kritik. Im Interview spricht er über die Gründe der Krise und mögliche Auswege.

Foto: Reto Klar

Acht Punkte aus neun Spielen – der Saisonstart in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) hat mittlerweile verheerende Ausmaße angenommen für den EHC Eisbären. Der Rekordmeister und Dominator der vergangenen neun Jahre findet sich auf dem vorletzten Tabellenplatz wieder.

Die Mannschaft ist verunsichert, trifft das Tor nicht. Eine schwere Hypothek für Jeff Tomlinson, der den EHC erst im Sommer übernommen hat.

Berliner Morgenpost: Sie waren gerade fünf Tage mit der Mannschaft unterwegs und hatten einige Hoffnung in diese ungewöhnlich lange Reise gelegt. Herr Tomlinson, was ist davon geblieben?

Jeff Tomlinson: Es ist gut, dass die Mannschaft in dieser schweren Zeit lange zusammen war. Das kann uns nur vorwärts bringen, wir sind uns menschlich näher gekommen und konnten mehr reden. Vielleicht hilft uns das am Ende. Wir müssen jetzt arbeiten, um aus einer schwierigen Situation herauszukommen, wir müssen lernen. Es kann ein Vorteil sein, das früh in einer Saison zu erleben.

In Mannheim 0:1 zu verlieren, kann passieren. Dennoch war das Spiel beispielhaft für die Lage der Eisbären. Die Mannschaft plagt sich mit ungeahnten Offensivproblemen. Woher kommen die?

Wir brauchen jeden Punkt, da ist es frustrierend, dass wir unsere wenigen Chancen in Mannheim nicht genutzt haben. Manche Spieler erreichen ihr Niveau nicht. Es genügt schon einer pro Reihe, und eine ganze Formation wird wirkungslos.

Gerade die Leistung der beiden Top-Reihen fehlt. Eigentlich sollten sie Tore erzielen, doch oft kommen sie gar nicht in die Nähe des Tores. Die Angreifer meiden die Gefahrenzone. Wie kann das sein?

Weil die Verantwortung in einer Situation, in der wir uns befinden, gern abgegeben wird. Normal sollten wir viele Pucks zum Tor bringen, so wie Mannheim das vorgemacht hat. Bei uns trauen sich die Spieler das gerade nicht, weil jeder denkt, er schießt sowieso kein Tor. Keiner will einen Fehler machen.

Was wollen Sie dagegen unternehmen?

Es gibt den Moment und es gibt das große Bild. Als Trainer muss man beides sehen. Das große Bild ist: Es gibt schlechte Phasen in jeder Saison, und ich hoffe, dass unsere jetzt fast durch ist. Im Moment müssen wir aber Lösungen finden. Wir haben die Verantwortung, den Spielern ein paar Antworten zu geben und ihnen zu helfen. Und wir müssen diejenigen, die kämpfen, genügend anspornen, damit sie nicht aufgeben.

Wie soll Ihnen das gelingen?

Wenn ein Torjäger keine Tore schießt, weiß er nicht mehr, wie er helfen kann. Dagegen ist mit netten Worten schwer anzukommen, um das Selbstvertrauen wieder aufzubauen, helfen nur Tore. Wenn die Freude am Spiel zurückkehrt, lässt auch die Verkrampfung nach, die sich mit jedem Spiel ohne Treffer steigert. Ich muss die Jungs jetzt laufen lassen, ihnen die kindliche Freude am Spielen wiederbringen, ich werde ihnen Freiraum geben.

Ist das nicht etwas einfach gedacht?

Vielleicht ist es etwas allgemein formuliert. Ich versuche einfach, mich in jeden hineinzuversetzen. Manche sagen, man müsste jetzt hart durchgreifen. Das ist genau das Falsche. Nach den ersten Niederlagen war ich böse, weil die Mannschaft nicht genug getan hat. Zuletzt wollten alle, doch wir sind nicht belohnt worden. Darauf können wir aufbauen.

Und wie?

Wir werden üben, den Puck zum Tor zu bringen. Und wir werden üben, die Scheibe schnell zu bewegen. Ein, zwei Pässe und bumm! Ganz einfach! Das ist wichtig, denn jeder Gegner ist sehr aggressiv gegen uns. Die wissen alle, wenn du Darin Olver Platz und Zeit gibst, spielt er stark. Wenn du ihn unter Druck setzt, verliert er vielleicht den Puck.

Müssen Sie am Konzept etwas ändern?

Unser Forchecking muss aggressiver werden, um den Puck mehr in der offensiven Zone zu halten.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Führungsspieler sich gerade genug einbringen?

Die Dynamik der Teamführung ist anders als früher mit Steve Walker oder Denis Pederson, sie ist auf viele verschiedene Schultern verteilt. Auch ein Olver ist schon in der Kabine aufgestanden und hat etwas gesagt. Ihm ist nicht alles scheiß egal. Andere müssen sich mehr erinnern, was etwa Walker früher gemacht hat.

In Mannheim lief es anfangs auch schlecht, es wurde reagiert und mit Simon Gamache ein neuer Spieler geholt, der nun den Treffer gegen die Eisbären schoss. Wäre das auch ein Weg für den EHC?

Mit Manager Peter John Lee habe ich noch nicht über neue Spieler gesprochen. Er macht sich darüber ab und zu Gedanken, aber ich als Trainer möchte lieber unsere guten Spieler wieder in die Spur bringen.

Als Sie ihren Job im Sommer begannen, gab es viele Vorurteile, weil ihre Karriere als Trainer noch kurz ist. Viele werden sich bestätigt fühlen. Wie gehen Sie damit um?

Ich weiß, dass die Spieler Vertrauen haben in mich, sie hören mir zu. Peter hat Vertrauen. Das ist für mich wichtig. Unser großes Ziel ist nicht geplatzt wegen dieser schlechten Phase. In Düsseldorf hatte ich in meiner ersten Saison auch so eine Phase, dort wurde das Vertrauen belohnt. Von den ersten elf Spielen verloren wir sieben, am Ende wurden wir Zweiter. Wir müssen jetzt kleine Schritte machen, weil alles so komplex ist.

Angst um den Job haben Sie keine?

Nein, dann würde mir die Energie fehlen, meine Arbeit zu machen.

Am Sonntag kommt EHC-Geldgeber Philip F. Anschütz zum Spiel gegen Straubing in die Arena. Haben Sie schon einen Termin zum Rapport?

Habe ich nicht, aber ich könnte ihm die Situation genau erklären.