Eishockey

Wenn Eisbären jagen und Tiger weinen

Ein wenig erinnert es an die alten Zeiten: Chaostage in Hannover. Zwar verwüsten nicht mehr Punks ganze Straßenzüge, aber die Fetzen fliegen dennoch gewaltig, und zwar bei den Scorpions.

Die Fans des Klubs aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) stellten sich gegen den Trainer, die Mannschaft auch, doch Klubboss Günter Papenburg vertraute Anton Krinner und giftete Geschäftsführer Marco Stichnoth an. Jetzt musste der Trainer doch gehen, Stichnoth hat auch keine rechte Lust mehr auf das unprofessionelle Gehabe. Wie es weitergehen soll beim Letzten der Hauptrunde, der vor zwei Jahren noch Deutscher Meister wurde, weiß keiner genau.

Damit trüben die Scorpions gerade das Bild der Liga - sie steht ansonsten sehr ordentlich da nach den 52 Spieltagen der Hauptrunde -, die im Aufschwung begriffen ist. Zum dritten Mal übertraf die DEL die Marke von 6000 Besuchern pro Spiel (6059), dazu gelang dem Tabellenersten Eisbären Berlin mit 14.073 Besuchern im Durchschnitt ein Rekord. "Dafür gibt es mehrere Gründe", sagt DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke. Einer der wichtigsten ist die große Spannung, die die Liga bis in die Schlussminuten des letzten Spieltags erlebte. "Tatsächlich kann in der DEL jeder jeden besiegen."

Ein gutes Beispiel sind die Straubing Tigers. Bislang hatte der Klub aus dem kleinsten Standort der Liga (45.000 Einwohner) in seinen sechs Jahren in der DEL nie etwas mit dem Play-off zu tun. Jetzt qualifizierten sich die Tigers als Sechster noch direkt für das Viertelfinale, am Sonntag beim 5:3 gegen die Adler Mannheim hatten viele Fans Tränen in den Augen. Als weitere Überraschung erreichten die Augsburger Panther, vergangenes Jahr Letzter, das Pre-Play-off, wo sie von Mittwoch an in einer "Best of three"-Serie auf die Kölner Haie treffen. Im zweiten Duell des Kampfes um die letzten beiden Viertelfinalplätze stehen sich Düsseldorf und Iserlohn gegenüber.

Verantwortlich für die gute Entwicklung sind neben der Ausgeglichenheit einige der Klubs mit den großen Arenen. Die Kölner Haie etwa gewannen unter dem neuen Trainer Uwe Krupp wieder mehr Ansehen bei den Fans und steigerten ihren Besuch deutlich, ebenso die Adler Mannheim. Den größten Sprung vollzogen die Hamburg Freezers, die nach zwei Jahren ohne Play-off nun im Viertelfinale dabei sind und dort von nächster Woche an auf Mannheim treffen. Über 2000 Zuschauer (insgesamt 9221) mehr pro Spiel honorierten die Anstrengungen des Klubs, die zur besten Hauptrunde seit 2004 führten. "Das ist einfach überwältigend", sagt Verteidiger Patrick Köppchen. In Mannheim müssen sich die Freezers nun allerdings mit einem der Favoriten auseinandersetzen.

Allerdings ist die Frage nach dem möglichen Meister kaum zu klären, nie in den vergangenen zehn Jahren lagen die vier Spitzenteams in der Tabelle so eng beieinander, getrennt nur durch fünf Punkte. "Die Liga ist stark", sagt Peter John Lee, Manager der Berliner, die zum siebten Mal als beste Mannschaft in das Play-off der DEL gehen. "Das war diesmal sehr schwer für uns", so Lee. Entsprechend vorsichtig schaut er auch auf das Viertelfinale, das in einer Woche für die Berliner beginnt. Ob nun Augsburg, Iserlohn oder Köln, "alle sind gefährlich", sagt Lee, "vielleicht war es ja ganz gut, dass wir am Sonntag gerade gegen Köln gespielt haben". Dem schloss sich Trainer Don Jackson nach dem 4:3 n.P. an. "Das war ein Beispiel dafür, wie schwer es im Play-off wird", so der US-Amerikaner.

Neben denen, die es geschafft haben, gibt es auch diejenigen, die nun Urlaub haben. Doch selbst davon verabschiedeten sich zwei, München und Krefeld, erst am vorletzten Spieltag aus dem Rennen um das Play-off. Dort werden nun personelle Reaktionen erwartet, in Krefeld auf der Trainerposition, in München im Kader. In Nürnberg beim Vorletzten ist man da schon weiter, der große Angriff wird geplant, weshalb man kräftig in Düsseldorf wilderte. Das Feld der Play-off-Kandidaten dürfte sich nächste Saison vergrößern.

Dokumentieren soll sich diese Stärke bald in anderen positiven Zahlen, zumindest wenn es nach den Wünschen der DEL geht. Der Fernsehvertrag der Liga mit dem Bezahlsender Sky läuft aus. "Wenn ich sehe, dass die Dritte Liga im Fußball in dieser Saison pro Spiel gerade mal 4500 Zuschauer sehen wollen, diese Liga aber nicht nur mehr TV-Präsenz sondern auch Geld von den Sendern erhält, stimmen hier die Relationen nicht", sagt Tripcke. Er möchte seine Liga mehr im freien Fernsehen verankern, und die DEL will auch Geld für die Rechte. Denn das Produkt ist es wert.