Narbe im Gehirn

Stefan Ustorf droht das endgültige Karriere-Aus

Der Schädel brummt, Tag für Tag. Nach einem Kinn-Check vor drei Monaten muss Stefan Ustorf jetzt mit seinem Karriereende rechnen. In einer Woche entscheiden seine Testergebnisse, ob der Eisbärenprofi noch einmal aufs Eis zurückkehren darf.

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Der 14. März wird ein Tag werden, an den Stefan Ustorf viel Hoffnung knöpft. Ebenso wird es ein Tag werden, vor dem er Angst hat. Angst davor, dass die Resultate von spezifischen neurologischen Tests nicht das befördern, was er sich wünscht. Nämlich dass alles in Ordnung ist mit ihm, dass er keine Ausfallerscheinungen hat, dass alles richtig funktioniert in seinem Kopf.

Ustorf ist klar, dass die für ihn beste Variante der Ergebnisse nicht unbedingt die wahrscheinlichste ist. „Die Ärzte haben mir gesagt, dass es ein permanenter Zustand werden kann“, erzählt der Eishockeyprofi des EHC Eisbären. Vor drei Monaten bekam er einen Check gegen das Kinn, seitdem kann er nicht mehr spielen, sein Gehirn hat den Aufprall nicht verkraftet. Die Reaktionen sind so heftig, dass er noch immer keinerlei Anstrengungen auf sich nehmen kann. Licht, laute Geräusche, körperliche Belastung – alles führt immer wieder zu Kopfschmerzen, zu Übelkeit. „Im Laufe des Tages wird es immer schlechter“, so der 38 Jahre alte Stürmer und Kapitän des fünfmaligen Meisters. Ustorf, beim dem das Zusammenspiel von Auge und Gehirn nicht richtig klappt, ist frustriert, weil sich über so lange Zeit keine Verbesserungen seines Zustands ergeben haben. Weil er nichts tun kann, nicht weiß, wie lange er sich noch damit abfinden muss.

Vielleicht kann alles auch noch viel schlechter werden. Wie der „Spiegel“ berichtet, hat der behandelnde Arzt, Dr. Ingo Schmehl, Klinikdirektor der Neurologie am Unfallkrankenhaus Marzahn, eine ältere Narbe an Ustorfs linker Gehirnhälfte entdeckt. Dort sitzt das Sprachzentrum, Ustorf soll bei Tests Wortfindungsstörungen gehabt haben.

Keine Prognosen

Prognosen über die Auswirkungen, über Dauer und Regenerationsmöglichkeiten gibt es keine. Klar ist nur, dass er in dieser Saison nicht mehr spielen wird. Auch das Karriereende steht im Raum, solange es nicht bald gute Nachrichten für den Angreifer gibt, wird es immer wahrscheinlicher. Zumal das Risiko für erneute Gehirnerschütterungen mit weit schlimmeren Folgen aufgrund seiner Vorgeschichte hoch sein dürfte.

Das ist ein Punkt, den sich Ustorf zum Vorwurf macht. „Die Hauptverantwortung liegt bei mir, ich habe die Zeichen nicht erkannt“, so der ehemalige Kapitän der Nationalmannschaft. Der Check, der ihn vielleicht für immer aus dem Spiel nahm, war nicht der erste, der zu einer Kopfverletzung führte. „In 85 Prozent der Fälle weiß keiner, dass es eine Gehirnerschütterung ist“, hat er in einer Studie gelesen. Die Aufmerksamkeit für dieses Thema war lange nur sehr schwach ausgeprägt. Mit brummendem Schädel zu spielen hielten die Profis stets für selbstverständlich, Eishockey ist nun mal ein harter Sport. In dem schnell einen schlechten Ruf weg hat, wer sich zu weich gibt. Und Ustorf war immer weit davon entfernt, als weich zu gelten. Seine Verletzungsgeschichte liest sich wie ein Roman. Bei einigen dieser Verletzungen, so wie dem Kieferbruch vor drei Jahren, hatte er sich wohl auch eine Gehirnerschütterung geholt. Untersucht wurde er nicht daraufhin, trotz Kopfschmerzen. Auch kurz vor seinem Ausfall hatte er wohl schon eine Kopfverletzung, deshalb sind die Folgen nun so dramatisch. „Second Impact Syndrome“ nennt sich das.

Nun sitzt er daheim und wartet, dass es besser wird. Das ist zermürbend, vor allem für jemanden, der es gewohnt war, sich viel zu bewegen. Das frisst an ihm. „Man muss aufpassen“, sagt er und meint, dass die Situation einen mental nicht komplett verschlingt. Er wurde deshalb zeitweise auch psychologisch betreut, denn Kopfverletzungen können in Depressionen münden.

Doch so kompliziert sich die Lage darstellt, Ustorf schiebt die Gedanken an ein Karriereende von sich weg. Eigentlich hatte er sich mal gewünscht, dass seine Laufbahn mit einer Verletzung aufhört, weil es ihm so schwer fallen würde, selbst diese Entscheidung zu treffen. Der Körper sollte das übernehmen. „Diese Sichtweise hat sich verändert“, sagt er: „Ich bin noch nicht bereit aufzuhören, das habe ich gemerkt.“ Er vermisst es unsagbar, Teil der Mannschaft zu sein.

Ob er selbst bereit ist für das Ende seiner langen und erfolgreichen Karriere, wird letztlich nur eine unbedeutende Rolle spielen. Vielleicht muss Stefan Ustorf sich einfach damit abfinden, wenn die nächsten Untersuchungsergebnisse keine Besserung verheißen. Sollten sie es doch tun, wird er mit seiner Familie genau überlegen müssen, wie sinnvoll oder gefährlich eine Rückkehr aufs Eis wäre.