Eisbären Berlin

Gehirnerschütterung - Ustorfs Rückkehr ungewiss

Die hohe Zahl der Gehirnerschütterungen beschäftigt die Deutsche Eishockey-Liga. 26 waren es bereits in dieser Saison. Auch Eisbären-Kapitän Stefan Ustorf wurde vor zwei Monaten ausgeknockt. Bislang hat sich an seinem Zustand nichts geändert.

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Er würde gern, aber er kann nicht. Stefan Ustorf würde gern seine Schlittschuhe anziehen und übers Eis laufen, doch das ist nicht drin. Es wäre schon ein kleiner Trost, wenn er wenigstens die Mannschaft, deren Kapitän er ist, live in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) spielen sehen könnte. Aber das geht auch nicht. Eigentlich kann er so gut wie gar nichts tun, ohne dass es bald im Schädel anfängt zu hämmern, dass die Kopfschmerzen kommen. Die Gehirnerschütterung, mit der er seit über zwei Monaten zu kämpfen hat, macht alles nach kurzer Zeit zur Tortur. Bei den Eisbären rechnen sie deshalb in dieser Saison nicht mehr mit dem Stürmer.

Ein Check gegen das Kinn hat ihn ausgeknockt. An sich erst einmal nichts Ungewöhnliches, schon gar nicht bei einem harten Hund wie Ustorf. Inzwischen ist er 38 Jahre alt, in seiner Karriere wurde er so oft zusammengeflickt, dass er mit dem Zählen der Verletzungen kaum hinterherkommt. Sein wohl markantestes Markenzeichen ist sein Lächeln, denn ein Pucktreffer hat ihm mal sieben Zähne auf einmal gekostet. Er war immer schnell wieder zurück. Gut möglich aber, dass er diesmal gar nicht mehr spielen kann.

Diesen Gedanken mag er nicht an sich heranlassen. „Ich will so nicht aufhören“, sagt der frühere Kapitän der Nationalmannschaft. Immerhin weiß er inzwischen, wo das Problem liegt. „Das Timing zwischen Augen und Kopf stimmt nicht“, erzählt er. Sein Gehirn kann die Informationen nicht richtig verarbeiten. „Bei der kleinsten körperlichen Anstrengung wird mir übel“, so Ustorf. Viele Profis wissen mittlerweile, wie sich das anfühlt. Gehirnerschütterungen werden immer öfter diagnostiziert. Bislang waren es in dieser Saison 26 in der DEL, gut doppelt so viele wie ein Jahr zuvor.

Schneller und dynamischer

Nun wird viel gerufen nach Veränderungen, die her müssen. „Wie sich alles in den vergangenen Jahren entwickelt hat, macht mir langsam Angst“, sagt Peter John Lee, Manager der Eisbären. Einerseits sei das Spiel schneller und dynamischer geworden, andererseits wären die Schiedsrichter damit überfordert. Die Berliner hat es mit fünf Gehirnerschütterungen in dieser Saison besonders hart erwischt.

Neu ist die Problemlage jedoch nicht. Schon länger werden Ursachen und Zusammenhänge in verschiedenen Studien untersucht, auch im Auftrag der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG), die Eishockeyprofis in Deutschland versichert. Obwohl die Wahrnehmung eine andere ist, wird dort kein vermehrtes Auftreten von Kopfverletzungen, der häufigsten Art von Verletzungen im Eishockey (siehe Grafik), registriert. Aber: „Was Gehirnerschütterungen angeht, so sind die Meldungen über Gehirnerschütterungen von bekannten und höchst erfolgreichen Sportpersönlichkeiten hilfreich, das Thema stärker zu fokussieren. Das Thema muss von den Verantwortlichen – vor allem aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit von Langzeitfolgen – sehr ernst genommen werden“, teilte die VBG mit.

Warten und hoffen

Vor allem Ustorf bringt nun diese Aufmerksamkeit in Deutschland. So wie Sidney Crosby, derzeitiger Superstar des Eishockeys, in Nordamerika. Seit über einem Jahr fehlt er wegen einer Gehirnerschütterung. Das Belastende für die Spieler daran ist, dass es keinen Zeitplan für die Heilung gibt. Jeder kann nur warten und hoffen. Ustorf hatte zuletzt mehrere Auftritte, bei denen er über seine Leiden redete. Vielleicht sind sie bei ihm so heftig, weil es die zweite Gehirnerschütterung in kurzer Folge war. „Es besteht der Verdacht eines Second Impact Syndrome“, sagt er. Dabei wurde die erste nicht erkannt und die zweite ist dafür umso schwerwiegender. „Ich sitze nur rum und versuche, die Zeit totzuschlagen“, so der Angreifer. Noch nie in seiner Karriere hat er so lange keinen Sport machen können. Selbst ein längeres Gespräch strengt seinen Kopf so an, dass er danach eine Pause braucht. Langsam versteht Ustorf, warum bei solchen Verletzungen auch eine psychologische Behandlung wichtig ist: „Es macht mich verrückt, dass es nicht vorwärts geht.“ Er weiß, dass Kopfverletzungen auch in Depressionen enden können.

Schuld will er niemandem geben. Die vergangenen Wochen haben ihn viel gelehrt. „Ich habe die Zeichen nicht erkannt“, sagt er. Mit anderen Worten: Auch er hat das Thema nicht richtig ernst genommen. Die paar Kopfschmerzen gehörten bislang immer dazu. Spieler und Trainer waren sich ihrer Verantwortung im Umgang mit Gehirnerschütterungen nicht genug bewusst, wie eine Studie der Universität Bochum zu Sportunfällen im Eishockey im Auftrag der VBG nahelegt. Der Wiedereinstieg nach Ausfällen etwa erfolgt oft nach subjektiven Einschätzungen und zu früh. Aber auch die Schutzausrüstung wurde begutachtet. So heißt es, dass Spieler, die ein Vollvisier benutzen, deutlich kürzer ausfallen. Die Profis jedoch, diese Meinung vertrat auch Stefan Ustorf bei einer VBG-Veranstaltung, halten nichts von Vollvisieren; sie bevorzugen die Halbvisiere.

Schiedsrichter ahnden zu wenig

Ein großes Manko wurde zudem bei den Schiedsrichtern ausgemacht. Zwei Drittel aller Aktionen, die zu Verletzungen führen, werden von Spielern als Fouls empfunden, aber nicht als solche geahndet. „Gezieltere Schulung der Schiedsrichter und eine konsequentere Bestrafung besonders gesundheitsgefährdender Aktionen“ lautet daher die Empfehlung von Dr. Thomas Henke, der die Studie durchführte. Er weist in diesem Zusammenhang jedoch auf ein weiteres Problem hin: „Von Seiten der Fans scheint eine strengere Bestrafung nicht erwünscht.“

Ein Umdenken muss also auf mehreren Ebenen erfolgen. „Das ist eine sehr schwierige Sache und braucht viel Kommunikation“, sagt Ustorf. Am Mittwoch trafen sich die Sportlichen Leiter der DEL-Klubs. Sie sprachen über die Möglichkeiten der strengeren nachträglichen Bestrafung von Checks gegen den Kopf per Videobeweis, die demnächst eingeführt werden soll. Ähnlich dem Vorbild der nordamerikanischen NHL. Auch sollen künftig generell spezielle neurologische Test vorgenommen werden, um Vergleichswerte zu bekommen und mögliche, selbst leichte, Schädigungen im Fall von Verletzungen besser feststellen zu können und Spieler vor schlimmen Langzeitfolgen zu schützen. „Das ist ein großer Schritt“, findet Ustorf. In der NHL und in der Schweiz wird es bereits praktiziert.

Vor allem dem Nachwuchs möchte Ustorf solche Leiden, wie er sie gerade hat, ersparen. Er hofft, dass viel unternommen wird in Zukunft, um alles sicherer zu machen. Ustorf wünscht sich aber auch, „endlich wieder einen normalen Tag zu haben, endlich wieder richtig schwitzen zu können“. Er wünscht sich einen Tag ohne Kopfschmerzen, ohne dass ihm schlecht wird. Die Ärzte haben ihm allerdings gesagt, dass sein Zustand auch ein permanenter werden kann.